Renz-Polster: „Die Kindheit ist unantastbar"

Kinderarzt, Familienvater und Buchautor Herbert Renz-Polster spricht in „Focus“ zum Thema: „Die Kindheit ist unantastbar. Kindheit bedeutet Aufbau von Persönlichkeitskompetenzen.“

Sendehinweis:

  • „Focus“, 6.2.2016, 13.00 bis 14.00 Uhr, ORF Radio Vorarlberg
  • 11.2.2016, 21.00 bis 22.00 Uhr (WH), ORF Radio Vorarlberg

„Mein Kind muss...“ Was wollen wir von unseren Kindern - und das möglichst früh? Wir stellen das Leben unter das Diktat der Funktion. „Wir müssen funktionieren, wir müssen konkurrenz- und leistungsfähig sein. Wir müssen wachsen und Wohlstand schaffen. Stillstand bedeutet abgleiten“, sagt Renz-Polster.

Die Sendung zum Nachhören:

Kinder werden seit tausenden von Jahren mit denselben Bedürfnissen geboren. Diese richten sich auf das Hier und Jetzt. Kinder suchen nach Sein und Entspannung, Begleitung und Sicherheit, Heimat. Sie schöpfen sie aus Beziehungen und aus verlässlicher wertschätzender Begleitung, betont der Ravensburger Kinderarzt.

Focus Herbert Renz-Polster
Renz-Polster
Herbert Renz-Polster

Die Welt der Erwachsenen

Nicht nur die Kinder, auch die Erwachsenen hängen an unsichtbaren Schnüren. Wir fühlen uns wohl, wenn die Beziehungsseite stimmt. Wir wollen eingebunden sein und dazugehören. Wir wollen wirksam, autonom und kompetent sein. In einer funktionierenden Welt kommen Beziehungen unter Druck. Beziehungen brauchen Zeit und Ruhe, Präsenz und Ressourcen und das ist für die Kinder schwer geworden.

Wie legen Kinder es an, dass sie gut im Leben stehen und gut ins Leben starten?

  • 1. Selbstkontrolle

Renz-Polster meint dazu: „Das Kind muss Herr oder Frau im eigenen Haus werden/sein. Kinder lernen, um das Leben zu bestehen und im Leben sicher zu stehen. Kinder müssen lernen, mit sich selber klarzukommen. Kinder legen es darauf an, Persönlichkeiten zu werden, sie wollen ihre Individualität ausbilden. Jedes Kind landet irgendwo anders auf dem großen Baum, auf dem wir alle sitzen.“

Das Wichtigste beim Hausbau sei das Fundament, auf dem man aufbauen kann. Es gehe darum, mit Impulsen umgehen zu lernen. Das bedeute auch, die Gefühle, die sich wie in einem Dampfdrucktopf anmelden, zielgerichtet zu verwenden. „Tollkühn zu sein, kann an der Wand enden, ängstlich zu sein ist gut, zu ängstlich sein, ist vielleicht auch nicht so gut. Kinder müssen mit ihrer Impulswelt klarkommen. Sie müssen vor allem auch mit sich und den ANDEREN klarkommen.“

  • 2. Sozialkompetenz

Die Kinder müssen die WIR-Seite ausbilden. Sie müssen das Mitfühlen lernen und das, was die Absicht und die Gefühlswelt der ANDEREN ist.

  • 3. Innere Stärke

Kinder sind ständig dabei, die soziale Welt zu erobern und zu erkunden, wie wir miteinander umgehen. Kinder benötigen für den Aufbau ihrer Sozialkompetenz einen richtigen Werkzeugkoffer, in dem sie Beziehungen gestalten und Erfahrungen machen können.

Dazu, so betont Renz-Polster, sei es wichtig, Resilienz aufzubauen: Das bedeute, mit Widrigkeiten umgehen lernen. „Das Leben ist immer wieder Niederlage und Gegenwind. Die Frage ist immer, wie legen Kinder ihre Ressourcen an, wie kommen sie zu ihrer Widerstandskraft?“, so der vierfache Familienvater.

  • 4. Die Kreativität - die Welt wird neu sein

Im Spiel werden die Kinder kreativ. Der Mensch setze aufs Lernen. Und Renz-Polster ergänzt: „Das ist unsere Überlebensstrategie. Die Zukunft des Kindes liegt nicht im Elternhaus. Die Überlebenskraft in dieser Welt kann man nicht bei Mama oder Papa abkupfern, sondern sie müssen sich eine neue Welt schaffen. Kinder bereiten sich auf die Welt vor, die wir ihnen nicht vorwegnehmen können.“

Das seien die Erfahrungsschätze, die Kinder selber sammeln müssen. Wir sind nicht selbstständig, indem wir selber nur auf eigenen Beinen stehen können, sondern wir sind auch selbstständig, indem wir mit den anderen Menschen kooperieren und uns mit ihnen abstimmen können, sagt der Experte.

Dr. Herbert Renz-Polster hat diesen Vortrag im Jugend-und Bildungshaus St. Arbogast gehalten.

Zur Person:

Dr. Herbert Renz-Polster, Jahrgang 1960, ist zusammen mit seinem Zwillingsbruder und seiner Schwester in der Nähe von Stuttgart aufgewachsen. Er ist Kinderarzt und assoziierter Wissenschaftler am Mannheimer Institut für Public Health der Universität Heidelberg. Ausbildung und Forschungstätigkeit 1995-2002 in den USA, dann in Deutschland.

Renz-Polster befasst sich seit vielen Jahren mit Fragen rund um die kindliche Entwicklung und gilt als eine der profiliertesten Stimmen in der Erziehungsdebatte. Er hat 4 Kinder und lebt mit seiner Frau in Baden-Württemberg.

Mehr über Herbert Renz-Polster erfahren Sie unter www.kinder-verstehen.de

Literatur von Herbert Renz-Polster:

Die Kindheit ist unantastbar: Warum Eltern ihr Recht auf Erziehung zurückfordern müssen. Verlag Beltz

Radfahren mit Kindern. Rowohlt 1994 (zusammen mit Dorothea Polster)

Gesundheit für Kinder - Kinderkrankheiten verhüten, erkennen, behandeln. Kösel 2004

Kinder verstehen. Born to be wild - wie die Evolution unsere Kinder prägt. Kösel 2009

Menschenkinder. Plädoyer für eine artgerechte Erziehung. Kösel, München 2011

Wie Kinder heute wachsen: Natur als Entwicklungsraum. Ein neuer Blick auf das kindliche Lernen, Denken und Fühlen. Beltz, Weinheim/Basel 2013 (zusammen mit Gerald Hüther)

MUSIK:

CD* SAMO RIBA
T* Maultrommelintro/instr./live

CD* LISI
T* Maul & Trommel 1/instr.

LP* SOU IS ES LEBN
T* Schluck um Schluck

T* Hü Hüpf < Maultrommelsolo > (Live-Mitschnitt)
S: Andreas Safer/Maultrommel

MY SWEET LORD
GEORGE HARRISON

MY HEART WILL GO ON
Celine Dion

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