„Wenn das Leben brüchig wird“

Priv.-Doz. Dr. Dr. Dipl.-Psych. Guido Strunk spricht in der ORF Radio Vorarlberg-Sendung „Focus“ über das Thema „Wenn das Leben brüchig wird ... oder die Erfahrung von Ungewissheit“.

Die Sendung zum Nachhören

Hermann Hesse: Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.

Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf’ um Stufe heben, weiten.

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Sendehinweis:

6.6.2015, 13.00 bis 14.00 Uhr, ORF Radio Vorarlberg
11.6.2015, 21.00 bis 22.00 Uhr, ORF Radio Vorarlberg (WH)

Ständig in Bewegung

Hermann Hesse beschreibt den Lebensweg als etwas, das permanent im Fluss ist, was sich immer wieder verändert, da kommt immer wieder ein neuer Ruf an uns und da müssen wir dort, wo wir uns eingerichtet haben, wo wir gedacht haben, das passt alles so gut, so kann es bleiben, kann es aber letztlich nicht bleiben, weil dieser Ruf kommt. Dann kommt eine neue Lebensstufe - eine Veränderung. Hesse beschreibt das Leben als Strom, der ständig in Bewegung ist, der nicht stillsteht. Und so ähnlich, wie er das beschreibt, so beschreibe die moderne Chaosforschung ihr Weltbild. Das, was wir von der Welt wissen können, wird in der Chaosfoschung recht ähnlich beschrieben.

Guido Strunk
privat
Guido Strunk

Guido Strunk sieht anhand des Stufengedichts drei Schritte: wir sind traulich , heimisch eingerichtet: Das kann man gut mit einer Schale versinnbildlichen und in der Schale ist eine Kugel, die Kugel hat sich wunderbar eingerichtet, die ist geborgen von der Schale, sie kann nicht raus, da fühlt sie sich ganz wohl, ein Muster, das stabil und da ist. Alles ist im Fluss und verändert sich. Zeit, die vergeht, regt eine Veränderung an. Mit der Zeit löst sich die Schale auf, da wird die Schale immer breiter und weiter und wird zu einer flachen Scheibe. Auf dieser flachen Scheibe ist die Kugel - unser Leben - unsicher. Wer weiß, wo es hin rollt und ob es da bleiben kann, sagt Guido Strunk. Und dann kommt, was Hesse den Zauber des Anfangs nennt. Es bildet sich eine neue Schale aus, die nimmt die Kugel wieder auf und hält sie geborgen.

Chaosforschung

1. Zeit spielt eine Rolle
2. Systeme und Menschen tendieren dazu, sich eine Ordnung zu bilden,
3.um diese Ordnung stabil zu halten, beständig ändert sich was im Leben und zwischendurch wird die Sicherheit zu einer flachen Glasplatte, bevor sich wieder eine Ordnung ausbildet.

Hesse beschreibt eine ständige Veränderung und damit eine Dynamik, etwas, was sich verändert und nicht stehen bleibt. Strunk zeigt eine Uhr und verweist auf die Mechanik in der Uhr. Und Strunk ergänzt, in der Physik gebe es keine Zeit. Die Zeiger zeigen etwas an, sie dehnen und bewegen sich, aber da ist kein Werden und kein Vergehen. Die Uhr kann nicht im Frühling zeigen, dass etwas wächst und blüht bzw. dass im Herbst etwas abblüht. Das kann die Uhr nicht zeigen, sie ist völlig stumpf.

Ein chaotisches System ist ein gigantischer Verstärker mikroskopischer Unterschiede. In chaotischen Systemen kann die Zukunft nicht vorhergesagt werden, das Pendel agiert nach den Naturgesetzen, aber es ist auch ein Verstärker von kleinen, kleinen, kleinen Unterschieden.

Für das Chaos brauchen wir drei Dinge- ein System, wo wir interagierende Variable haben, wo das Eine auf das Andere Einfluss nimmt, wo wir positives und negatives Feedback haben. Wir brauchen mehr als drei Variablen und wir brauchen eine Energieversorgung, damit das System immer wieder ständig angestoßen wird.

Am Beispiel: Gehirn

Unser Gehirn besteht aus 100 Milliarden Neuronen. da gibt es verstärkende und abschwächende Wechselwirkungen und es gibt eine beständige Energiezufuhr, weil wir essen und trinken. Unser Gehirn ist chaosfähig. Chaos ist gesund, sagt Guido Strunk. Chaos ist lernfähig, ist kreativ und veränderungsbereit. Es kann angeregt werden zu unterschiedlichen Verhaltensweisen. Die Uhr tickt starr, das Chaos ist anpassungsfähig und lernfähig. Chaos und Gesundheit gehen zusammen. Die Herzratenvariabilität: können einzelne Pulsuhren heutzutage ausrechnen, sagt der Chaosforscher. Das sei eine Erfindung der Chaosforschung in den 1980er Jahren.

Die Ordnung im Chaos

Es ist kein Zufall, wie das Pendel pendelt. Da gibt es Muster, die die Chaosforschung beschreibt. Chaosforschung zeigt, was nicht vorhersagbar ist. Wie entstehen diese Muster: das wird seit den 1970er Jahen in der Physik beschrieben.

Die Synergetik sagt uns, dass Systeme immer eine Ordnung bilden. Systeme bilden immer eine Schale aus. Das Versklavungsprinzip seien die Wände dieser Schale. Die Wände zwingen die Kugel wieder zurückzurollen. Wenn etwas im Leben oder in einem Unternehmen nicht funktioniert, dann holen sie einen Berater. Die Synergetik könne sehr schön beschreiben, wie Systeme eine Ordnung ausbilden und wie sie die Ordnung stabilisieren: das sei das Versklavungsprinzip. Das System hat Muster gebildet. Es ist starr und hängt fest und kommt da nicht wieder weg.

Die Kugel schieben, ist das andere System. Schöner wäre es, wenn sich die Schale verändert und die Kugel von alleine rollt. Wenn ich die Energie finde, kann sich ein System verändern. Es passiere immer auf die gleiche Art und Weise. Jeder von uns bemüht sich eine Ordnung zu bilden. Wenn ich die Energie in einem System finde, verändert sich ein System und es bilden sich in Windeseile neue Schalen und die stabilisieren sich wieder.

Diesen Vortrag haben wir im Rahmen der Reihe " Wissen fürs Leben" in der Arbeiterkammer Feldkirch aufgenommen.

Zur Person:

Diplompsychologe Dr.Dr. Guido Strunk ist promovierter Psychologe und auch promovierter Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler. Er gehört seit den 1990er Jahren zu den Pionieren im Bereich der Chaosforschung in Psychotherapie, Gruppenforschung, Kommunikationsprozessen und der Karriereforschung.

Er lehrt an verschiedenen Fachhochschulen und Universitäten in Deutschland und Österreich. u.a. an der Technischen Universität Dortmund , sowie an der Wirtschafts- und der Kinderuniversität Wien. Im Jahr 2005 gründete Guido Strunk in Wien das Forschungsinstitut „Complexity research für systemische Forschug und Beratung“.

www.complexity-research.com

Literatur:

Guido Strunk und Günter Schiepek, Therapeutisches Chaos: Eine Einführung in die Welt der Chaostheorie und der Komplexitätswissenschaften. Hochgrefe Verlag.

Systemische Psychologie: Eine Einführung in die komplexen Grundlagen menschlichen Verhaltens.

MUSIK:

T* Glasperlen

CD* E.H.FLAMMER : MUSIK ZUM MEDITIEREN
T* Glasperlenspiel - eine Schulmusik für 50 Gläser

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