„Was kann uns und die Welt retten?“

Prof. Dr. Reiner Klingholz, Demografie-Experte, Berlin, spricht in Focus über „Was kann uns und die Welt retten? Die Weltentwickler: Wissen und Bildung“.

Sendung nachhören

Sendehinweis:

Focus, 15.11.14

„Wenn man heute an junge Menschen denkt, dann stellt sich auch die Frage mit welchen Möglichkeiten wir diese Kinder in die Welt entlassen, meint, was die Älteren den Jüngeren hinterlassen“, startet Reiner Klingholz seinen Vortrag. Da gebe es einerseits einen positiven Befund, weil alle junge Menschen, die die Ausbildung abschließen und die Schule verlassen, eine deutlich bessere Bildung hätten als alle Generationen vorher.

„Sie verfügen und haben einen Zugang zu einem Wissen, das hat es vorher nirgendwo, nirgend-wann gegeben. Die Voraussetzungen mit dem Kopf Leistung zu erbringen, um das eigene und das Leben anderer zu verbessern, war noch nie so gut“, betont Prof. Klingholz. Die jungen Menschen werden dieses Wissen auch brauchen, meint der Bevölkerungsexperte, denn wir hinterlassen auch umgekehrt eine Welt, die ökologisch überstrapaziert sei. „Wir wissen, dass der Zustand der Weltmeere, der Atmosphäre, der Böden, der Trinkwasserreserven äußerst bedrohlich ist.“

GRATIS-ÖKOSYSTEM-Dienstleistungen

Klingholz nennt 24 ÖKO-System-Dienstleistungen, die für das Leben wichtig sind. Die Erde vollbringe Gratis-Dienstleistungen, wie für die Luft zum Atmen (Wälder und Pflanzen), für das Trinkwasser (Moore) und auch die Ozeanrandgebiete dienten dem Küstenschutz. Von den 24 ÖKO-System-Dienstleistungen seien 15 degradiert, beklagt Klingholz, und sie erbringen nicht mehr die Leistung, die sie erbringen könnten. Das ist für ganze Regionen schon ein großes Problem. „Die Trinkwasser- und Protein-Lieferanten (Fisch) sind bereits stark geschädigt. Und diese OKO-System-Dienstleister verschlechtern sich alle, sie werden nicht besser“, mahnt Prof. Klingholz. Um mit der Welt zurechtzukommen, benötige man sehr viel Bildung.

Klingholz
Institut für Bevölkerung Entwicklung Berlin

Reiner Klingholz

Wachstums-Mentalität

Wir hinterlassen auch eine nicht zukunftsfähige Mentalität. „Wir bauen auf grenzenloses Wachstum, wir alle sind mit Wachstum sozialisiert. Wachstum hat unser bisher Leben geprägt - von der Bevölkerung, den Gütern, die Kilometer unserer Reisen, bis zum Wohlstand. Wir können uns alles außer Wachstum gar nicht mehr vorstellen“, meint der Experte. Bei allen/ gar allen/ Parteien spielt Wachstum eine wesentliche Rolle. Auch die Sozialsysteme seien ohne Wachstum nicht zu finanzieren, die Finanzsysteme würden kollabieren. Die Wirtschaftspolitik und der Arbeitsmarkt setzten auf Wachstum. Die Politik nimmt Schulden auf und setzt auf Wachstum, um diese Schulden in der Zukunft wieder zurückzuzahlen.

„Das Problem ist, dass wir steigende Schulden, aber immer weniger Wachstum haben. Von hinten schleichen sich Dinge an, die man nicht mehr so leicht kontrollieren kann“, verdeutlicht Klingholz die Auswirkungen des Glaubens an endloses Wachstum.

Der begrenzte Planet

Wir leben auf einem Planeten, der dieses Wachstum nicht mitmachen kann. „Der Planet ist physisch begrenzt: jede Art von „grauem“ im Gegensatz zum Ressourcen schonenden „grünen“ Wachstum ist zum Nachteil des Planeten. Selbst das grüne Wachstum braucht Rohstoffe, ob Windkraft oder Solarenergie. Dauerhaftes Wachstum ist auf einem begrenzten Planten nicht mehr möglich“.

Wir erleben das maximale Wachstum, das die Menschheit je erlebt hat. Im Jahr 1900 zählte die Welt 1,6 Milliarden Menschen. 100 Jahre später waren es 6,1 Milliarden Menschen. Die Menschheit hat sich in den 100 Jahren vervierfacht. Bis 2050 kommen 3 Milliarden dazu, d.h. pro Tag kommen 230.000 Menschen hinzu oder 80 Millionen pro Jahr.
Und Prof. Klingolz sieht den wachsenden Verbrauch der Ressourcen. „Damit wächst der Energieverbrauch nicht nur gleich, sondern noch schneller. Die Menschheit hat sich seit 1967 verdoppelt und der Energieverbrauch hat sich verdreifacht. Jeder Welteinwohner produziert 5 Tonnen Kohlendioxyd pro Jahr, in Deutschland sind es 8-9 Tonnen. Wir leben in unserer Region den Faktor VIER in Sachen Verbrauch. Wir sind alle teil dieser Entwicklung, sagt Reiner Klingholz.

Wohlstand und Kinderrückgang

Er nennt wesentliche Gründe für niedrigere Kinderzahlen und Prof. Klingholz erläutert drei Aspekte: „Der erste Grund ist mehr Wohlstand. Je mehr Geld wir haben umso mehr überlegen wir, wofür wir das Geld ausgeben. Kinder treten zu diesen Wohlstandsgenüssen in Konkurrenz, weil Kinder mehr kosten. Ein anderer Grund ist Bildung. Je höher der Bildungsstand, umso geringer sind die Kinderzahlen. Der dritte Grund ist die veränderte Rolle von Frauen in der Gesellschaft. Je Gleichberechtigter, umso niedriger sind die Kinderzahlen. Wir wollen Gleichberechtigung und Wohlstand und die Folge sind weniger Kinder.“ Diese Effekte sehe man in allen Ländern der Welt.

Prof. Dr. Reiner Klingholz hat diesen Vortrag im Rahmen des Symposiums Kindheit Jugend Gesellschaft im Mai 2014 im Bregenzer Festspielhaus gehalten.

Zur Person:

Prof.Dr.Reiner Klingholz, geb.1953;Chemiker und Molekularbiologe. Von 1984 bis 1989 Wissenschaftsredakteur des Wochenblattes DIE ZEIT. 1990 bis 2000 Redakteur beim Monatsmagazin GEO; Geschäftsführer für den Bereich Wissenschaft und Redaktionsleiter von GEO WISSEN. Seit Juli 2003 Direktor, seit 2009 Vorstand des „Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung“.

Literatur von Reiner Klingholz:

Sklaven des Wachstums - die Geschichte einer Befreiung. Campus Verlag.

Wahnsinn Wachstum: Wieviel Mensch erträgt die Erde? GEO.

Musik

CD* AMARCORD WIEN : SATIE
T* Gymnopedie Nr.1 / Bearbeitung für Violine, Violoncello, Kontrabaß und Akkordeon

CD* TIMEZONES
T* Asleep (for Christine)/instr.

Werbung X