Eugen Drewermann: „Liebe, Leid und Tod“

Dr. Eugen Drewermann spricht in der Sendung „Focus“ bei ORF Radio Vorarlberg über das Thema „Liebe, Leid und Tod“. Dabei erklärt er anhand von Liebesgeschichten aus Sagen der griechischen Mythologie Zusammenhänge in Beziehungen.

Die Sendung zum Nachhören:

Zwei Themen bestimmen unser Leben: die Liebe und der Tod. Beide sind die Brennpunkte der Ellipse unseres Daseins. Vom Tod wissen wir Menschen im Unterschied zu anderen Lebewesen, dass wir ihn nicht nur erleiden, sondern mit ihm unser ganzes Dasein fristen müssen. „Welche Antwort habe wir darauf?“ fragt Eugen Drewermann.

Eugen Drewermann
Patmos Verlag
Eugen Drewermann

Am offenen Grab hört man vielleicht die Worte „Du lebst weiter in unserem Herzen, in unserem Gedächtnis“ und jeder, der es vernimmt, weiß, wie kurzzeitig unser eigenes Erinnerungsvermögen ausfällt, wie verzerrt und brüchig es an und für sich es bereits ist. Selbst die Hoffnung, wir lebten in den Kindern weiter, zerbricht an der Gewissheit, dass unsere eigene Person etwas ganz und gar einmaliges ist, unwiederholbar durch irgendeine Blaupause der Gene. Wer also sind wir dann und welchen Trost besäßen wir angesichts der einzigen Gewissheit unserer Sterblichkeit? „Wenn du nichts Liebes hast, wirst du auch kein Leides haben“, verweist Eugen Drewermann auf Buddha. Einzig durch die Liebe sei der Tod für uns ein Problem, auf das wir als Menschen eine eigene Antwort suchen müssten.

„Was bedeutet Liebe für uns Unsterbliche?“

Das fragt Drewermann mit Platon, der sich auf seinen Lehrer Sokrates beruft. Eros sei der mächtigste und stärkste aller Götter, denn selbst Uranos und Gaia, Himmel und Erde, wären nicht bereit gewesen miteinander zu verschmelzen.

Für den griechischen Philosophen bedeutet Liebe so etwas, wie dem Idealbild, nachzuträumen, das in der Gestalt der oder des Geliebten uns vor Augen tritt. Im Grunde sei es eine Rückerinnerung an eine Wesensschau der reinen Schönheit und der reinen Wahrheit. Hier auf Erden möge was den Anderen, den wir lieben, auszeichnet, überwachsen und überwuchert sein, bis zur Entstellung von allen möglichen Einflüssen.

Wir aber mit unserer Liebe seien imstande, das ursprünglich Gemeinte, herauszulieben - gleich der Arbeit von Archäologen, die bei einem Tauchgang eine Statue entdeckt haben, und meinen, Aphrodite - der Göttin der Liebe - selber zu begegnen. Dabei ist sie durch Muschelkalk entstellt, Algen und Schlingpflanzen haben sie überwuchert - aber der Restaurationskunst der Archäologen mag es gelingen, das Erahnte wieder zum Vorschein zu bringen.

Von der Mühewaltung sei das, was wir Liebe nennen, wenn zwei Menschen einander zugetan seien, so Drewermann. Sie erahnten im Anderen die reine Schönheit, die sich für eine kurze Weile in einen sterblichen Körper hinabgesenkt habe - es gebe ein Bestreben herauszulieben, herauszufördern und zu forschen, was in der anderen Person angelegt sei. An allem Schönen, das darauf angelegt sei vom anderen entdeckt zu werden, an allem Wahren, das darum flehe, den Mut zu haben sich selber zu riskieren, in das Leben hineinzustellen, dafür sei die Liebe da.

Woher gewinnt die Liebe ihre Kraft?

Die antike Mythologie erzählt auf ihre Art, dass Eros das Kind der Aphrodite war. Von ihr gibt es gleich zwei Erzählungen:

Sie sei geschwommen auf dem Meer und aus den Fluten schaumgeboren, an den Strand im Westen von Zypern an Land gegangen. Sandro Botticelli hat sie so gemalt - die Geburt der ewig schönen Frau, der verlockenden, der zauberhaften. Sie wird verheiratet auf dem Olymp mit dem hinkenden Schmiedegott Hephaistos. Sie verliebt sich zugleich in den Kriegsgott Ares, den Jüngling, grausam und wild. Sie kommen zusammen, Aphrodite und Ares, es verpaaren sich Liebe und Aggressivität. Ihr Kind wird „Harmonia“ geheißen.

Die innere Balance zum Glück gefunden hätten wir, wenn sich in uns Eros, Tanatos, Ares und Aphrodite versöhnen - diese Balance sei aber schwer zu finden.

Sigmund Freud und die Psychoanalyse

Nach Sigmund Freud stellen Liebe und Tod ein Thema auf dem Resonanzboden unserer Selle dar. Freud versuchte diese antiken Geschichten zu eigenen zu dekodieren.

Man sollte auf die einzelnen Namen, die fremdländisch klingen, hören - man könnte ganz beliebige Namen dafür einsetzen: den eigenen Namen zum Beispiel oder die eines ihrer Angehörigen. Ständig wiederhole sich die Konstellation dieser Stoffe und fordere ein Verstehen heraus, das nicht länger verurteile. Gut und böse, richtig und falsch, im bürgerlichen Verständnis seien wir uns im Klaren darüber: Wer so oder so handle, unterlieet rasch unserem so gefällten Urteil. Die Psychoanalyse sei entdeckt worden, weil es sich so einfach mit unserem Herzen nicht verhalte. Man müssen keine griechischen Namen tragen. Man wisse, dass jeder von uns diese Kräfte in sich trage. Was sich dann gestalte, unterliege nicht unserem bewussten Wollen. Vielmehr versuche das Nachdenken viel zu schwach, einen Sinn zu enträtseln und zu enträtseln , was ihm zugefügt wurde.

Eugen Drewermann hat diesen Vortrag im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Wissen fürs Leben“ in der Arbeiterkammer in Feldkirch gehalten.

Zur Person:

Dr. theol. Eugen Drewermann, geboren 1940, ist wohl der bekannteste Theologe der Gegenwart. Nach Entzug seiner Lehrerlaubnis und Suspension vom Priesteramt arbeitet er als Therapeut und Schriftsteller. Er hat zahlreiche Buchpublikationen, darunter zahlreiche Märcheninterpretationen, veröffentlicht.

Literatur zur Sendung:

Eugen Drewermann. Titel „Liebe, Leid und Tod. Daseinsdeutung in antiken Mythen. Patmos Verlag.

Musik:

Konzert Psappha - für Schlagzeug solo
SHOWDOWN AT MUSIKVEREIN 2006 Martin Grubinger/Percussion

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