P.U. Unschuld „Die Gesundheitswirtschaft“

Der Berliner Medizinhistoriker Prof. Dr. Paul Ulrich Unschuld eröffnet einen spannenden Blick auf die Ausbildung des Gesundheitswesens in der Geschichte und das gegenwärtige Schicksal der Medizin.

Die Sendung zum Nachhören:

Die Heilkunde ist das weite Feld von Zuwendung bis operativer Maßnahme, von Pfefferminztee bis Umarmung. Die Medizin ist jener Teil der Heilkunde, der sich bemüht Naturgesetze zu erkennen und die Naturgesetze zur Deutung von Kranksein und zur Verhinderung von Kranksein bzw. zur Gesundung und zur Therapie anzuwenden.

Das Kennen der Naturgesetze weist den Glauben an Götter und Geister zurück. Ein Teil der Intellektuellen sagte vor 2.500 Jahren in Griechenland und einige hundert Jahre später in China: „Wir wollen nicht mehr auf den Knien zu irgendwelchen Altären rutschen.“

Sendehinweis Samstag, 21. September, 13.00 bis 14.00 Uhr, ORF Radio Vorarlberg. Donnerstag, 26. September, 21.00 bis 22.00 Uhr, ORF Radio Vorarlberg (WH)

Fremd- zu Selbstbestimmung

Die existenzielle Fremdbestimmung, dass die Götter und Geister über Güte und Länge unseres irdischen Daseins bestimmen, wurde zunehmend abgelehnt.

Es gibt Naturgesetze und wer sich nach diesen Naturgesetzen richtet und an sie glaubt, ermöglicht uns die existenzielle Selbstbestimmung. Die Befreiung aus existenzieller Selbstbestimmung war das Ziel der damaligen Medizin.

Paul Ulrich Unschuld
Horst Götz Institut – Charitè Berlin
Dr. Paul Ulrich Unschuld

Die Naturgesetze können wir durch beharrliches Forschen erkennen, und durch dieses Forschen wissen wir, warum wir Grippe haben, warum wir einen Schlaganfall haben, warum wir sterben müssen, und wir können uns danach richten.

Die Kehrseite der Selbstbestimmung lautet: Wer krank wird, ist selbst schuld. Wer sich nach den Gesetzen der Natur richtet, hat nichts zu befürchten und wer zuwider handelt, der wird bestraft. Das ist die Botschaft unserer naturwissenschaftlichen Medizin.

Die Gesetze der Natur

2000 Jahre hat diese Medizin bisher existiert, immer im Gegensatz zur Theologie, immer misstrauisch beäugt, aber hat trotzdem ihren Weg gefunden. 2000 Jahre lang waren die Ärzte die Sachwalter dieser Medizin, und haben den Menschen die Regeln der Gesundheit eröffnet.

Was sind die Gesetze der Natur, was sind die `res naturales`, was sind die `res non naturales`, was darf man im Essen im Trinken, im Kleiden , im Ruhen, im Arbeiten und Geschlechtsleben tun ? Mit diesen Fragen wird die Betonung auf das individuelle Verhalten und die eigene Verantwortung gelegt.

Viele Leute beklagen ja heute, dass die individuelle Verantwortung für die Gesundheit und das eigene Verhalten im Vordergrund stehen.

Ende des 18. Jahrhunderts hat sich alles geändert und es kam so wie es heute noch so ist.

Der starke Staat ist ein gesunder Staat

Der Arzt Johann Peter Frank schrieb das Buch mit dem Titel: „System einer vollständigen medizinischen Polizei“. Er sagte dem Staat, wie eine umfassende Gesundheitspolitik aussehen kann. Schon seit den hypokratischen Schriften haben Ärzte immer wieder der Bevölkerung und den Herrschenden sagen wollen, wie die Menschen die Umwelt und die Sache mit dem Körper machen sollen und wie alles gesünder wird.

Alle müssen gesund sein

In der Lebenszeit von Frank vollzog sicher der grundlegende Wandel in Europa, der Europa weltbeherrschend stark gemacht hat. Aus den bisherigen Feudalstrukturen bildeten sich Nationalstatten. Diese Nationalstaaten hatten Verfassungen und Grenzen, die nicht unverletzlich waren. Wichtig war, die Nationalstaaten waren immer in Konkurrenz begriffen. Um in diesem Konkurrenzdenken zu bestehen, waren zwei Säulen sehr wichtig: die patriotisch gesinnten Volksarmeen; damit das geklappt hat mussten die Volksheere gesund sein. Eine weitere Säule waren im Zuge der heraufziehenden Industrialisierung die Manufakturen. Alle müssen gesund sein, nicht nur das Individuum, das sich diesen Luxus leisten kann. Wohn-, Arbeits- und Umweltbedingungen müssen gesund sein, damit die Menschen gesund leben und ihre individuellen Wünsche verwirklichen können.

Von der individuellen zur Volksgesundheit

Der Begriff Volksgesundheit wurde desavouiert, als nicht mehr Mikroben und Bakterien als Schädlinge benannt wurden, sondern wie in der NS-Zeit ganze Volksgruppen als volksgesundheitsschädlich bezeichnet und bedroht und umgebracht wurden.

Die Volksgesundheit diente davor als Mittel zum Zweck des starken Staates. Die Medizin musste für die Gesundheit der Gesamtbevölkerung eintreten; das ist nach Prof. Unschuld eine rein europäische Entwicklung. Die Medizin wurde eine wissenschaftlich legitimierte Therapie. Diese Medizin wurde von Krankenkassen bezahl, und die Volksgemeinschaft wurde Grundlage europäischer Solidarität. Die Konformität konnte in einer solchen Volksgemeinschaft erwartet werden.

Gesundheitswirtschaft

Prof. Unschuld schreibt: „Heute besitzt das Gesundheitswesen ein höchst beeindruckendes Potenzial, Krankheiten zu heilen, Leiden zu mindern und Lebensläufe zu beeinflussen. Gleichzeitig naht das Ende der klassischen Medizin. Technischer Fortschritt, geänderte Formen der Wissensbildung, gesellschaftlicher Wandel und an erster Stelle die zunehmende Ökonomisierung haben die Ärzte als zentrale Entscheidungsträger verdrängt und neue Akteure an die Macht gebracht, die erstmals in der Geschichte den Kranken als Ressource und Gesundheit als Ware betrachten.“

Diesen Vortrag zum Thema „Gesundheit in der Gesundheitswirtschaft. Individuelle Sehnsucht in kommerziellem Umfeld“ hat Prof. Unschuld auf Einladung der Kommission Gesundheit und Soziales beim Symposium der Internationalen Bodenseekonferenz im Festspielhaus in Bregenz gehalten.

Zur Person:

Paul Ulrich Unschuld, Jg.1943, ist Sinologe und Medizinhistoriker, der sich um die Vermittlung der traditionellen chinesischen Medizin und Pharmakologie an die westliche klassische Medizin Verdienste erworben hat. Unschuld wurde 1971 in Sinologie promoviert und hat 1974 einen Master of Public Health erworben. Von 1975 bis 1984 lehrte er an der School of Hygiene and Public Health der Johns Hopkins University, Baltimore, zuletzt als Visiting Associate Professor. Von 1986 bis 2006 war er C4-Professor und Direktor des Instituts für Geschichte der Medizin der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seit 2006 ist er Professor und Direktor des Horst-Görtz-Stiftungsinstituts für Theorie, Geschichte und Ethik Chinesischer Lebenswissenschaften (HGI) der Charité.

Literatur:

Ware Gesundheit: Das Ende der klassischen Medizin. becksche reihe

Musik:

Spirit of air. Concert Harp, Monika Stadler

Revolution, John Lennon/Beatles

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