Andreas Kruse: „Bildung - ein Leben lang“

Bei der „Focus“-Sendung von ORF Radio Vorarlberg spricht Prof. DDr. Andreas Kruse, Direktor des Instituts für Gerontologie in Heidelberg, über das Thema „Bildung – ein Leben lang“.

Die Sendung zum Nachhören:

Bildung und MIT-Verantwortung

Sendungshinweis:

„Focus“, 19.1.2013

„Ich werde jeden Tag älter und lerne immer wieder hinzu“, zitiert Prof. Kruse den griechischen Philosophen Solon, der als Vorbild und Programm für die lebenslange Bildung gilt. Zum einen heiße es, dass wir ein Leben lang lernen können, und zum anderen auch, dass wir bis ins höchste Alter lernen sollten, erläutert Prof. Kruse.

Der 78-jährige Solon beschäftigte sich mit der Frage nach dem guten Gemeinwohl. „Das gute Gemeinwohl zeichnet sich für Solon dadurch aus, dass Gerechtigkeit besteht und zu dieser Gerechtigkeit gehöre auch, dass Menschen in den verschiedensten Lebensaltern die Möglichkeit haben, sich zu bilden“ - und Prof. Kruse ergänzt: In der heutigen Terminologie lebe die Demokratie davon, dass Menschen die Möglichkeit haben, sich zu bilden und im Prozess der Bildung, etwas für ihre Selbstsorge und Selbstverantwortung, aber auch für andere zu tun, um so ein mitverantwortliches Leben zu entwickeln. Die Sinnspitze laute, so Kruse: „Ich spüre auch Verantwortung für den anderen Menschen“.

Andreas Kruse
privat
Andreas Kruse

Lernen „älterer Menschen“

Die Beobachtung bei 85- bis 90-Jährigen Menschen sei, immer berücksichtigend, dass sie vor hirnorganischen Veränderungen verschont bleiben, dass sie um eine komplexe Strategie zu lernen, länger brauchten; Sie brauchten auch länger, um einen bestimmten Inhalt zu lernen - länger also als 20- bis 25-Jährige. Jedoch: Lernen können es die Älteren auch, betont der Altersforscher.

Ältere Menschen würden mit einer anderen Verarbeitungstiefe lernen, so Kruse. Die abnehmende Geschwindigkeit des Lernens im hohen Lebensalter habe den Vorteil, dass die Verarbeitungstiefe möglicherweise deutlich fundierter sei: „Man lernt nicht mehr so schnell, dafür aber genauer und tiefer. Man verbindet das zu Lernende mit Wissenssystemen, die man in der Biographie erworben hat.“

Gegensteuern gegen „Altersverletzlichkeit“ im Gehirn

Synapsen sind die Spalten im Gehirn zwischen den Nervenzellen, die durch biochemische Substanzen vermittelt, eine Verbindung herstellen. Man stellte im Rahmen der Hirnforschung fest, wie sich Nervenzellen zu Nervenzell-Verbänden gruppieren. Interessant sei, dass dies Auswirkungen auf das Lernen habe, „dass die Erregung des Zellverbandes mit zunehmender Lerngeschichte, mit zunehmender Trainings- oder Rehabilitationsgeschichte immer präziser verläuft“, zeigt sich Prof. Kruse beeindruckt.

Alles, was wir tun, werde duch den sogenannten Erbträger vermittelt - das sei unsere genetische Substanz. „Wenn sich die DNA öffnet, kann sie abgelesen werden und dann kann die Zelle ein neues Phänomen, eine neue Funktion, entwickeln. Hier sind Lernverhalten und Lernfortschritt ablesbar,“ ergänzt Kruse.

Solange der Mensch lebt, solange der Organismus lebt, biete er uns mit seinen Funktionen, mit seinen Ressourcen an, dass wir lernen, unterstreicht Professor Kruse. „ Wir können durch das Ingangsetzen neuer Zellverbände, die Vulnerabilität (Verletzlichkeit) des Gehirns, die nach dem dritten Lebensjahrzehnt beginnt, durch Bildung, durch Lernen und Trainieren, diese Altersverletzlichkeit erheblich kompensieren.“

Durch das lebenslange Lernen differenzierten sich nicht nur der Geist und die Persönlichkeit - es bleibe auch das Nervenzellgewebe deutlich länger erhalten; es differenziere sich nicht nur sehr gut, sondern es entstehe auch ein neues Nervenzellgewebe, so Kruse.

„Vita activa oder Vom tätigen Leben“ (Hannah Arendt)

In ihrem Hauptwerk „Vita activa oder Vom tätigen Leben“ entwickle die Philosophin, Theologin und Publizistin Hannah Arendt die theoretische Grundlage über das Handeln, als den Austausch zwischen Menschen in Wort und Tat. „Für Hannah Arendt spielt sich das Lernen, wie das Menschsein überhaupt, in besonderer Weise in Beziehungen ab. Sie begreift das menschliche Leben als ein Leben in Beziehungen,“ vertieft Kruse.

Die Idee dahinter meint, so der Heidelberger Altersforscher Kruse, dass der Mensch in einen Austausch mit anderen Menschen treten wolle. „In diesem Austausch verwirklichen wir ungemein viel von uns selbst", so Kruse. Die Altersforschung interessiere die These, wie ältere Menschen sich in diesen öffentlichen Raum einbringen können. „Du kannst mit anderen Menschen in einen Dialog treten, mit anderen Menschen dich austauschen - und die Erwachsenenbildung will den Menschen in seinen Wissenssystemen, in seinen Neigungen abholen und der Mensch könnte so die Gemeinschaft mit seinen Interessen, Neigungen und seinem Wissen ungemein bereichern“.

Professor DDr. Andreas Kruse hat diesen Vortrag aus Anlass des 40-Jahr-Jubiläums der Arbeitsgemeinschaft der Vorarlberger Erwachsenenbildung im ORF-Landesstudio in Dornbirn gehalten.

Zur Person

Prof. DDr. Andreas Kruse ist Direktor des Instituts für Gerontologie an der Universität Heidelberg. Studium der Psychologie, der Musik, der Philosophie und der Psychopathologie. Promotion in Psychologie seit 1997 Ordinarius, Direktor des Instituts für Gerontologie der Universität Heidelberg

Literatur

Zwei Bücher, auf die Professor Kruse in seinem Vortrag aufmerksam machte:

  • „Vita activa oder Vom tätigen Leben“ von Hannah Arendt: Taschenbuch. Piper
  • Das Buch des meistgelesenen römischen Schriftstellers bekannt als „Seneca“ - "Von der Seelenruhe/Vom glücklichen Leben / von der Muße erschienen im Anaconda Verlag.

Musik

Wilhelm Kempff spielt :

F.Schubert Intermezzo für Klavier in Es-Dur op.110 Nr.1

L.v. Betthoven Sonate für Klavier in As-Dur op.110

Franz Schubert Moment musical Nr.3 in f-moll op.94 DV 780 für Klavier

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