Zartbittere Uraufführung zum Festspielauftakt

Getreu dem heurigen Motto der Bregenzer Festspiele - „Wien zartbitter“ - erwartete das Publikum am Mittwochabend ein zartbitteres Vergnügen: Der Theaterklassiker „Geschichten aus dem Wiener Wald“ wurde als Oper im Festspielhaus uraufgeführt. Am Dirigentenpult: Komponist HK Gruber.

„Geschichten aus dem Wiener Wald“ heißt ein Walzer von Johann Strauss (Sohn). Diesen Titel trägt jedoch auch das bekannteste und mehrfach verfilmte Theaterstück des ungarisch-österreichischen Schriftstellers Ödön von Horvath, das 1931 am Deutschen Theater in Berlin uraufgeführt wurde.

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Video: Beitrag von Markus Greussing

Das Stück ist eine bittere Satire über die Verlogenheit und Brutalität des Kleinbürgertums, ironisch benannt nach dem im Walzer so idealisierten Mittelgebirge nahe der österreichischen Hauptstadt. Die Wiener Gemütlichkeit wird zur hohlen Floskel, die tragisch-brutale Geschichte um das süße Mädel Marianne und den biederen Fleischhauer Oskar spiegelt die von der Weltwirtschaftskrise und Existenzängsten geprägten späten 1920er-Jahre.

HK Gruber

ORF

Komponist Heinz Karl Gruber mixte bereits in seinem „Pandämonium Franckenstein“ unterschiedliche Ebenen von Wiener Musik über Sprechgesang bis hin zum Kabarett – das weltweit gefeierte Stück wurde 2012 bei den Bregenzer Festspielen aufgeführt.

„Komponist Nummer eins ist Horvath“

Bei den Bregenzer Festspielen nun präsentiert sich das Stück als Oper am Puls der Zeit. Bereits Horvath selbst hatte daran gedacht, dass sein Stück ein Schauspiel mit Musik werden sollte. Die Musik hätte Kurt Weill beisteuern sollen - das Projekt kam aber nie zustande. Nun hat der Wiener Komponist, Dirigent, Chansonnier und Schauspieler Heinz Karl Gruber Horvaths Texte in Musik gehüllt. Die Idee dazu stammt vom Regisseur und Librettisten Michael Sturminger, der das Stück inszeniert.

Drei Jahre lang hat sich Gruber für die Komposition Zeit genommen. Wie der 71-Jährige gegenüber dem ORF erklärte, habe er versucht, der Sprachmelodie des Autors zu folgen. „Komponist Nummer eins“ sei also Ödon von Horvath.

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Audio: Vorschau auf die Uraufführung von ORF-Kulturredakteur Martin Hartmann

Gesellschaftsstudie der Zwischenkriegszeit

Erzählt wird in Horvaths Werk die Geschichte von Marianne, die sich am Verlobungstag mit dem Metzger Oskar in einen anderen verliebt. Mit dem jungen Alfred bekommt sie schließlich ein Kind, das von ihm verschmäht wird und schlussendlich stirbt.

„Geschichten aus dem Wienerwald“ ist eine Gesellschaftsstudie der Zwischenkriegszeit, die gnadenlos Eitelkeit und Korruption bloßstellt. Das Regieteam der Festspiele versetzt die Geschichte scherenschnittartig ins heute.

Die belgische Sopranistin Ilse Eerens singt das Mädel Marianne, das vom Leben und von Alfred, gespielt von Daniel Schmutzhard, bitter enttäuscht wird. Angelika Kirchschlager mimt die Trafikantin Valerie - sie hat Alfred an die junge Marianne verloren.

Kirschlager sagte gegenüber dem ORF, dass die Rolle der Valerie ihr quasi auf den Leib geschrieben wurde - denn HK Gruber kenne sie schon seit vielen Jahren. Eine weitere Besonderheit sei, dass sie selbst in der Nähe der Lange Gasse im achten Bezirk in Wien wohne, wo die Geschichte spiele. Sie spiele somit quasi also quasi die Trafikantin ihrer eigenen Tabaktrafik.

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Video: Szenen aus dem Stück „Geschichten aus dem Wienerwald“

„Geschichten aus dem Wienerwald“

  • Koproduktion der Bregenzer Festspiele und des Theaters an der Wien
  • Musikalische Leitung: HK Gruber
  • Orchester: Wiener Symphoniker
  • Inszenierung: Michael Sturminger
  • Bühne & Kostüm: donmartin supersets – Renate Martin & Andreas Donhauser
  • Licht: Olaf Winter
  • Premiere: 23. Juli 2014,
  • Weitere Aufführungen: 27.7, 3. 8

„Zart und bitter zugleich“

Für den Intendanten David Pountney bedeutet die Uraufführung einen letzten Höhepunkt seiner Ära: Geschichten aus dem Wiener Wald ist bereits die fünfte bedeutende Bregenzer Premiere der vergangenen Jahre. Pountney bezeichnet Ödön von Horvaths Handlung als „messerscharfe Analyse der Anwohner aus dem raueren Teil Wiens und die gnadenlose Bloßstellung der Eitelkeit, Korruption und letztendlich Grausamkeit dieser Menschen“. Das alles werde jedoch in einem Ton geschildert, der „zart und bitter zugleich“ sei. Gerade das sei die Überraschung.

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