Saniertes Wohnhaus
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Architektur

Preisgekröntes „Bauen im Bestand“

Ein schlichter Bau aus einer Dornbirner Arbeitersiedlung wurde vom Callwey Verlag als eines der 50 „Häuser des Jahres“ ausgezeichnet. Die Wiederverwendung vorhandener Materialien spielte dabei eine große Rolle, ebenso wie der gegenseitige Tausch von Material mit einer Sanierung eines alten Bregenzerwälderhauses.

„Vorne hui. Und hinten? Ganz besonders hui!“ urteilte die Jury des Verlags über das Haus. Es steht in einer Arbeitersiedlung aus den 1920er Jahren mit 19 gegeneinander versetzten Typenhäusern und großzügigem Grünraum. Ideale Wohnbedingungen also für eine junge Familie, die der Architekt Wilhelm Fleisch damals schuf, meint Architekt Frank Stasi: „Sie haben einfach das Kollektiv genutzt, im Prinzip alles gemeinsam bestellt, es gab ein Fensterdetail, ein Geländerdetail, ein Türdetail – wahnsinnig effizient. Kostengünstiges Bauen par excellence.“

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Der eher schlichte Bau aus den 1920er Jahren blieb bei der Sanierung weitgehend erhalten

Wiederverwendung, wo es möglich ist

Dabei sind die Materialien hochwertig. Solche Bausubstanz auch weiterhin zu nutzen, ist ökologisch sinnvoll und ökonomisch klug, meint Stasi: „Re-Use wird immer stärker ein Thema werden, wenn man davon ausgeht, dass die Rohstoffe sich eben verteuern oder verknappen werden. Jemand hat ausgerechnet, dass es von der CO²-Bilanz her günstiger ist, ein gebrauchtes Fenster aus 5.000 Kilometer Entfernung mit seinem Privat-Pkw zu holen und irgendwo auf einer Baustelle einzubauen, als ein neues Fenster zu produzieren.“

Bauen im Bestand immer beliebter

Die „Häuser des Jahres“ müssen nicht unbedingt Neubauten sein. Bauen im Bestand setzt sich immer mehr durch.

Stahlanbau öffnet das Haus zum Garten

Die alten Fenster wurden bei der Sanierung dieses Hauses natürlich wieder verwendet, ebenso die Türen, die Treppen, die Dielenbretter. Und als die Oberflächen freigelegt waren, bot sich der atmosphärisch schöne Dachboden als Büro an. Ergänzt wurde das Haus um einen Stahlanbau, der sich ausnimmt wie ein begehbares Gartenregal, erklärt Architektin Rike Kress: „Wir haben uns mit diesem Anbau die Freiheit genommen, es so zu adaptieren, dass man jetzt auf allen Ebenen hinaus kann, einen Gartenbezug hat und so einfach dieses eher introvertierte Gebäude ein Stück weit nach außen geöffnet.“

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Der Stahlanbau öffnet das Haus auf allen Ebenen zum Garten hin

Materialtausch mit anderer Sanierung

Da beim Umbau Ziegel übrigblieben, tauschte man die gegen Dämm-Material bei einer befreundeten Familie, die zeitgleich ein Wälderhaus sanierte, das seit 1768 in Dornbirn steht. „Um die Sanierung im vorderen Bereich umsetzen zu können, hat man sich entschlossen, einen Teil des hinteren Grundstücks zu verkaufen und die bestehenden Zufahrten zu entfernen und das Haus wieder auf seine ursprüngliche Kubatur zurück zu bringen“, erläutert Architekt Stasi.

Balken konnten wiederverwendet werden

Aus dem anfallenden Baumaterial entstanden die neuen Gebäudeteile. Möglich ist das, weil Zimmerleute offenbar immer schon über den Tag hinaus dachten, so Stasi: „Man sieht noch die Markierungen auf den Balken – das sind die klassischen Abbund-Zeichen, die der Zimmerer macht. Dadurch, dass es alles Elemente sind, die zueinander passen, kann man sie in verschiedenen Häusern auch benutzen, wenn man will.“

Sendungshinweis: „Vorarlberg heute“, 3.1.2022, 19.00 Uhr, ORF2V

Leistbares Wohnen dank „Bauen im Bestand“

Dass ein Grundstück weniger wert ist, wenn ein altes Haus drauf steht – diese Rechnung gilt heute nicht mehr. Aber fürs „Bauen im Bestand“ braucht es Kreativität und die Fähigkeit, auch selbst mit anzupacken. Dann ist Wohnen in exquisiter Qualität durchaus leistbar.