Tische und Stühle im Wirtshaus
Pixabay/Peggy Choucair
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Wirtschaft

Wirtshaussterben: Land weist Vorwürfe zurück

In ganz Österreich sperren traditionelle Wirtshäuser und Landgasthöfe zu. Tirol startet daher eine Gegenoffensive mit einem neuen Fördermodell. In der Wirtschaftskammer Vorarlberg hofft man jetzt, die Landesregierung zu mehr Engagement bewegen zu können. Bislang fehle das Geld. Beim Land weist man die Vorwürfe zurück.

In ganz Österreich sperren traditionelle Wirtshäuser und Landgasthöfe zu. Tirol startet daher eine Gegenoffensive mit einem neuen Fördermodell und vereinfachten Behördenverfahren. In der Wirtschaftskammer Vorarlberg hofft man jetzt, die Landesregierung endlich zu mehr Engagement bewegen zu können. Bislang fehlt das Geld.

Je weiter man nach Ostösterreich blicke, um so weniger traditionelle Wirtshäuser und Landgasthöfe werde man sehen, erklärt Andrew Nussbaumer, Spartenobmann der Gastronomie in der Vorarlberger Wirtschaftskammer. Aber auch hierzulande müsse die Politik das Problem endlich ernst nehmen.

120 Betriebsschließungen jährlich

Nussbaumer untermauert das mit aktuellen Zahlen: Ohne Hotels gibt es in Vorarlberg derzeit 1.900 Gastronomiebetriebe – von Haubenlokalen über Imbissstuben bis zu Tankstellen mit Speise- und Getränkeservice. Jedes Jahr sperren zwischen 100 und 120 dieser Betriebe zu, fast ebenso viele neue sperren jährlich auf.

Wirtshauskultur soll gefördert werden

Das Wirtshaussterben ist ein Trend, der durch ganz Österreich geht. Um dem entgegenzuwirken, startet das Land Tirol ein Förderprogramm. Auch in Vorarlberg werden Konzepte zur Belebung der Wirtshauskultur überlegt.

Das Problem: Bei diesem Austausch finde seit langem auch eine Abwanderung der Standorte vom Land in Städte und große Gemeinden statt, erklärt Nussbaumer. Und neu eröffnet würden kaum noch traditionelle Vorarlberger Gasthäuser, sondern immer China-Restaurants, Italiener oder auch Kebab-Lokale.

Nur noch 180 traditionelle Wirtshäuser

Von den gut 650 Restaurants in Vorarlberg sind laut Nussbaumer bis heute maximal 180 traditionelle heimische Wirtshäuser übrig geblieben – und 60 davon seien akut vom Zusperren bedroht, vorwiegend auf dem Land. Die Hauptgründe dafür: fehlendes Geld bei einer Übernahme, Fachkräftemangel und zunehmend strengere Auflagen. „Wenn man nicht schnell etwas unternimmt, wird bald auch das letzte traditionelle Vorarlberger Wirtshaus verschwunden sein“, warnt Nussbaumer.

leeres Wirtshaus von innen
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Viele Wirtshäuser sind akut vom Zusperren bedroht

Kammer-Modell als Gegenstrategie

Und etwas dagegen unternehmen könnte man laut Nussbaumer sofort, allein – es fehlt der politische Wille. Die Kammer habe schon vor längerem ein Modell ausgearbeitet, um das Wirtshaussterben zumindest einzudämmen: Gastronomie-Experten analysieren vor Ort die Gegebenheiten und Notwendigkeiten, erstellen ein zukunftssicheres Konzept, das dann mit den Betreibern umgesetzt wird. Wenn nötig auch mit Pachtunterstützung oder Investitionshilfen.

Und bei sehr alten Gebäuden, beispielsweise mit zu niedrigen Räumen, könnte es laut Nussbaumer vielleicht auch eine Nachsicht bei den baulichen Auflagen geben. Dabei müsse man aber sehr sensibel vorgehen, um andere Gastronomen nicht zu übervorteilen.

Kostenaufteilung angestrebt

Da die Interessensvertretung das Modell laut Nussbaumer nicht gänzlich allein finanzieren kann, wird eine Kostenaufteilung zwischen Kammer und Land angestrebt, eventuell sollen auch die Gemeinden mit ins Boot geholt werden. Immerhin: Traditionelle Wirtshäuser auf dem Land werfen nicht nur Geld für die Gemeinden ab, sie bieten auch Arbeitsplätze, sind seit Jahrhunderten ein Zentrum des dörflichen Zusammenlebens und auch ein Stück Kulturgut.

Wirtshaus innen
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Wirtshäuser sind seit Jahrhunderten Zentrum des dörflichen Zusammenlebens und ein Stück Kulturgut

Keine Hilfe von der Politik

Von der Politik kommt laut Nussbaumer aber keine Hilfe: „Ich habe Wirtschaftslandesrat Karlheinz Rüdisser immer wieder darauf hingewiesen, leider ohne Erfolg.“ Im Landhaus rede man sich darauf hinaus, dass es für entsprechend effiziente Maßnahmen die Unterstützung vom Bund brauche und die Kompetenzen daher in Wien lägen.

Nachdem nun aber Tirol mit seinem Förderungsvorstoß aufzeigt, dass auch die Länder selbst etwas gegen das Wirtshaussterben unternehmen können, will Nussbaumer jetzt erneut bei der Vorarlberger Landesregierung anklopfen.

Rüdisser weist Vorwürfe zurück

Landesstatthalter Rüdisser (ÖVP) zeigte sich am Dienstag verwundert: Ein konkretes Unterstützungsersuchen sei der Landesregierung nicht bekannt. Es handle sich aber um ein Thema, das man „mit aller Ernsthaftigkeit diskutieren muss.“ Die Landesregierung sei gerne bereit, Vorschläge zu prüfen und dann gemeinsam mit dem betroffenen Partner eine Lösung zu finden.

Maßnahmen wie in Tirol – dort soll es Förderungen bei der Übernahme alter Wirtshäuser und einfachere Behördenverfahren geben – könne man durchaus prüfen, so Rüdisser. Es gebe aber bereits eine Förderung für Gasthäuser, die auch Restaurationsbetriebe sind. Was die Vereinfachung vom Behördenverfahren betreffe, müsse man sich genau ansehen, welche Rechtsmaterien betroffen seien. „Wir werden uns bemühen, gemeinsam Lösungen zu finden, dass das Sterben von Wirtshäusern in Gemeinden zurückgehalten werden kann“, so Rüdisser.

Bitschi fordert Gipfel

FPÖ-Landesobmann Christof Bitschi sagt, die Politik dürfe dem Wirtshaussterben in Vorarlberg nicht tatenlos zuschauen. Bitschi fordert einen Gipfel unter Beteiligung von Vertretern sämtlicher Landtagsfraktionen und der Wirtschaftskammer, bei dem konkrete Maßnahmen gegen das Wirtshaussterben definiert werden sollen: "Nur so werden wir auf Dauer unsere heimischen Traditionsbetriebe erhalten können.“