Dr. Martin Purtscher
Christian Jungwirth
Christian Jungwirth
„Focus Spezial“

Lebenserinnerungen von Altlandeshauptmann Martin Purtscher

Ein Focus Spezial mit Lebenserinnerungen von Altlandeshauptmann Dr. Martin Purtscher.„Ich empfinde es als große Gnade, in einer bewegten Zeit gelebt zu haben.“

Dr. Martin Purtscher: 1987-1997: Landeshauptmann Vorarlberg (ÖVP), Träger vieler Ehrenzeichen, Geschäftsführer der Suchard Schokoladen GmbH Gruppe 1966- 1984, Leiter der Jacobs-Suchard-Gruppe 1984-1987.

1928 in eine Bauernfamilie hineingeboren, hat er die NS-Zeit, den zweiten Weltkrieg, den Wiederaufbau und den zunehmenden Wohlstand in Vorarlberg erlebt. Als Landeshauptmann hat Dr. Martin Purtscher die Vorarlberger Illwerke heimgeholt, die Fachhochschule installiert und den EU-Beitritt Österreichs maßgeblich begleitet.

„Heimat ist nicht eng, sondern tief"

In der Sendung „Focus Spezial“ erzählt er von seiner bescheidenen Kindheit in Thüringen, seinem Wunsch nach Bildung, den Kriegsmonaten in Italien. Er hat Handelsschule und Handelsakademie besucht, danach neben seiner Tätigkeit für die Firma Lorünser Leichtmetallwerke Jus studiert. Purtscher beschreibt seinen Weg zum Landeshauptmann, seine beiden Vorgänger im Amt haben ihn dazu ermutigt. Der Tag des EU-Beitritts von Österreich war der wichtigste Tag in seiner Karriere, erzählt der Alt-Landeshauptmann, der zwar gern und weit gereist ist, seinem Heimatort Thüringen aber immer treu geblieben ist: „Heimat ist nicht eng, sondern tief.“

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Purtscher reiste sehr gerne
Purtscher
Purtscher ist leidenschaftlich gerne gereist – unter anderem auf den Spuren des Apostels Paulus
Familie von Purtscher
Purtscher
Purtscher Skifahren
Purtscher
Purtscher als Suchard-Manager
Landesbibliothek
Verabschiedung mit Familie 1997
Landesbibliothek
Kassabuch während der Handelsakademie
Purtscher

Kinder– und Jugendzeit

Martin Purtscher ist 1928 in eine Bauernfamilie hineingeboren. Der Vater war Kleinbauer und hatte große Mühe, die siebenköpfige Familie zu ernähren. Die Mutter war die personifizierte Güte, sehr tolerant. Das Leben war einfach. 1937 ist das Geburtshaus in Thüringen abgebrannt. Die Familie musste mehrere Monate ein einem Zimmer wohnen, bis der Vater ein neues Haus gebaut hatte. In die Schule ging er barfuß. Der Vater konnte dem begabten Schüler keinen Besuch des Gymnasiums ermöglichen, nach der achtjährigen Volksschule hat Martin Purtscher die Handelsschule in Feldkirch besucht, unterrichtet von Lehrpersonen, die dem NS-Regime genehm waren. „Der Wunsch, Matura zu machen, entstammte aus meinem großen Wissensdurst“, erzählt Purtscher. Mit dem Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland wurde die Kinderbeihilfe eingeführt, was die Lage der Großfamilie verbesserte. Doch als der Krieg begann, war der Vater, der im ersten Weltkrieg Soldat war, entsetzt, erzählt Purtscher, denn er wusste, was Krieg bedeutet. NS-Aufpasser notierten, wer in die Kirche ging. Martin Purtscher hat das seinem Vater erzählt, der geantwortet habe: „Jetzt gehst Du erst recht!“

Martin Purtscher kommt als 16-Jähriger 1944 bis zum Kriegsende hinter die Front in Italien. Der Jugendliche war als Kurier tätig. Die englischen und amerikanischen Jagdbomber haben die deutschen Soldaten beschossen, wenn sie aus den Fahrzeugen in Deckung flüchteten. „Hasenjagd“, hieß das. Martin Purtscher sah in einer Allee in den Bäumen aufgehängte Partisanen. In den wenigen Monaten als Soldat, habe er mehr und reichhaltiger gegessen als zuhause, sich aber auch das Rauchen angewöhnt, aber nur für ein Jahr.

Einmarsch der Franzosen in Thüringen

Martin Purtscher kann sich noch daran erinnern, wie die Franzosen den Dorfplatz in Thüringen besetzt hatten. Der Eindruck der Marokkaner war bleibend, das hatte man im Ort noch nie gesehen. Wegen einer ungeschickten Bemerkung – Purtscher hatte eine Frau aus Thüringen mit einem Marokkaner in einer eindeutigen Stellung gesehen – wurde Purtscher in einem ehemaligen Pferdestall eingesperrt. Die Frau hatte aus Ärger über die Bemerkung gesagt, der junge Martin Purtscher sei bei der Waffen SS gewesen, was nicht stimmte. Es gab kaum etwas zu essen. Martin Purtscher zog sich nach dem Verzehr des Inhalts einer verschimmelten Konservendose Gelbsucht zu und wurde schlussendlich entlassen.

Sendungshinweis:
„Focus Spezial“, 22. Mai 2021

Beruflicher Werdegang

Nach dem Krieg besuchte Martin Purtscher als Siebzehnjähriger die Handelsakademie, der damals in der Mehrerau in Bregenz untergebracht war. Es wäre unmöglich gewesen, täglich von Thüringen nach Bregenz zu fahren. Purtscher musste sich in Lauterach, Bregenz war zerbombt, ein Zimmer suchen. Vom Vater bekam er 50 Schilling pro Monat für die Miete und Essen, von der Mutter jeden Sonntag eine große Dose Riebel, die sechs Tage reichen musste.

Purtscher als Suchard-Manager
Landesbibliothek
Purtscher war Manager bei Suchard

1948, das wunderbare Jahr

„Ich hatte 1948 ein wunderbares Jahr, ich habe die Matura geschafft, lernte meine Frau Gretl kennen und bekam meine erste Anstellung bei der Firma Lorünser Leichtmetallwerk. Am 15. September 1948 habe ich mit 650 Schilling pro Monat begonnen.“ Purtscher studiert als Werkstudent Jus. 1952 hat er promoviert. Wechsel zu Suchard als Geschäftsführer, Leiter der Jacobs- Suchard Gruppe – Purtscher konnte zwei ehemaligen Konkurrenten kaufen, Mirabell und Bensdorp und den Marktanteil in Österreich stark steigern.

Angelobung: 1. Rede als Landeshauptmann
ORF Vorarlberg
Erste Rede als Landeshauptmann

Politisches Leben von Martin Purtscher

„Schwiegervater und Schwiegermutter haben mich bewogen, in die Gemeindevertretung zu gehen. Thüringen war damals stark umkämpft.“ „Ich wollte in der Politik etwas bewirken, betrachtete meine politischen Gegner nicht als Feinde. Als Anhänger von Sir Karl Popper bin ich der Meinung, dass jeder irren kann und daher gemeinsam getroffene Entscheidungen die besseren sind.“ Ich wollte eigentlich nicht von der Politik finanziell abhängig sein, aber meine beiden Vorgänger, Herbert Kessler und Ulrich Ilg, haben mich überzeugt, das Amt anzunehmen.

Schon als Manager hatte er sich immer darüber geärgert, dass Österreich nicht der EWG (heute EU) beitreten konnte. Ihm gefiel die Idee eines gemeinsamen Europas. Martin Purtscher hat sich jahrelang für den Beitritt eingesetzt. Beim ersten Auftritt in einer Landeshauptmann Konferenz hat Martin Purtscher mit Hilfe der damaligen Landeshauptleute Haslauer und Zilk durchgesetzt, dass man sich mit dem Wunsch eines EU-Beitritts auseinandersetzt und um Beitrittsverhandlungen ersucht. Über 100 Experten hatten sich mit der Frage Beitritt ja oder nein auseinandergesetzt. Franz Vranitzky hat, erzählt der Altlandeshauptmann, seiner Partei den Beitritt schmackhaft gemacht.

Martin Purtscher erinnert sich: „Das berührendste Erlebnis meines ganzen Berufslebens war das Finale in Brüssel. Wir hatten drei Tage und zwei Nächte durchverhandelt. Es spießte sich an Punkten wie Zweitwohnsitze und Landwirtschaft. Wir haben dann unter Tränen gefeiert, niemand hat sich der Tränen geschämt.“ Als Landeshauptmann hat Dr. Martin Purtscher die Vorarlberger Illwerke heimgeholt und die Fachhochschule installiert, weil er erkannte, dass eine universitäre Bildungseinrichtung fehlt.

Lebensresümee

„Ich empfinde es als große Gnade, in einer bewegten Zeit gelebt zu haben, das Ende von menschenverachtenden Diktaturen, technischen und medizinischen Fortschritt erlebt zu haben. Ich hatte ein sinnerfülltes, glückliches Leben und mit dem Glück der Liebe. Meine Familie war der Fels in der Brandung. Wir leben sinnerfüllt, wenn wir in anderen und andere in uns Spuren der Erinnerung hinterlassen.“