„Digitalisierung und gesellschaftliche Blindheit“

Fake News, Empörungsdemokratie und Medienmüdigkeit sind allesamt Phänomene unserer Zeit. In der Sendung „Focus - Themen fürs Leben“ spricht Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen von der „Digitalisierung und gesellschaftlichen Blindheit“.

Sendehinweis:

„Focus“ – Themen fürs Leben bei ORF Radio Vorarlberg
Samstag, 6. Oktober 2018,
13.00 bis 14.00 Uhr

Die Sendung wird diese Woche nicht als Audio auf vorarlberg.ORF.at bereit gestellt, weil der ORF mit Professor Bernhard Pörksen eine entsprechende Übereinkunft getroffen hat.

Für Professor Pöksen gibt es in Hinblick auf die Digitalisierung eine große gesellschaftliche Blindheit. Das sei ein Prozess, der eine ganz große Veränderung, eine Gesellschafts- und Stimmungsveränderung bedeute. Wir als Gesellschaft seien aber immer noch nicht in der Lage, die verantwortungsethischen Konsequenzen wirklich zu diskutieren. Pörksen nennt es eine Art der mentalen Pubertät.

Für den Tübinger Medienwissenschaftler steckt in dieser laufenden Medienrevolution ein großer, noch unverstandener, gesellschafts-politisch noch nicht entzifferter Bildungsauftrag. Es gehe darum, „Medienmündigkeit" auf der Höhe der Zeit einzuüben. Diese Frage und die Vorgangsweise seien aus seiner Sicht in ihrer Schärfe und auch in ihrer Dringlichkeit noch nicht wirklich erkannt.

Ende der Idylle im digitalen Zeitalter

Wir Menschen seien anfällig für die gefühlte Gefahr. Bernhard Pöksen erinnert an den jungen Attentäter von München, dessen Morden im Juli 2017 im Sekundentakt gestreamt wurde und Menschen in Angst und Panik versetzte. Es sei vorbei mit der Idylle im digitalen Zeitalter. Prof. Pörksen sieht uns im Übergang von der Mediendemokratie alten Typs zur Empörungsdemokratie des digitalen Zeitalters. Das digitale Netz sei ein riesenhafter Pool, in dem Haie schwimmen, die immer neue Anreize für Manipulationsmöglichkeiten austesten.

Bernhard Pörksen

Peter-Andreas Hassiepen

Als eine spezielle Gruppe sieht er die Influencer: Sie sind für Pörksen so etwas wie Stichwortgeber der digitalen Öffentlichkeit. „Mal machen sie Werbung für Gartenmöbel, mal für italienische Modeschuhe und mal erfinden sie ihre eigenen Nachrichtensendungen, die sie dann auf YouTube unterbringen. Jeder ist heute zum Sender geworden, jeder kann sich zuschalten und seine eigenen Ideen, seine eigenen Themen oder auch seine eigenen Produkte setzen - mal mit guten und mal mit schlechten Absichten."

Die Messbarkeit im Netz

Wir hätten zudem heute im digitalen Zeitalter in Gestalt von Messdiensten wie Google Analytics, CrowdTangle SpyNews und Ähnlichem mehr unfassbar präzise Echtzeitquoten. Das heiße, wir können sehr genau sehen, welches Thema gerade in welcher Region viral geht, oder warum sich Menschen an einem anderen Ort der Welt für einen seltsamen Riesen-Tintenfisch in einem japanischen Hafenbecken interessieren.

Letztlich geht es darum, Impulse, Reize, die in der Öffentlichkeit bereits vorhanden sind, sehr genau und in Echtzeit zu messen, und dann entstehe und bilde sich eine eigene Emotions- und Erregungsindustrie.

Zur Person:

Bernhard Pörksen, Prof. Dr., ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Er analysiert die Inszenierungsstile in Politik und Medien und beschäftigt sich – forschend, lehrend, beratend – mit der Macht digitaler Öffentlichkeit und der Zukunft der Reputation. 2008 wurde er zum „Professor des Jahres“ gewählt und für seine Lehrtätigkeit ausgezeichnet.

Literaturtipp:

Bernhard Pörksen. Die große Gereiztheit: Wege aus der kollektiven Erregung, Carl Hanser Verlag 2018.

Musik:

CHARLES AZNAVOUR - 20 GOLDENE CHANSONS La Boheme

SIGNE INSTR.
ERIC CLAPTON