Familienhölle: die Tücken der Blutsbande

Barbara Bleisch geht in der Sendung „Focus - Themen fürs Leben“ der Frage „Warum kann Familie in der Höllenglut verkommen?" auf den Grund. Bleisch ist Mitglied des Ethik-Zentrums der Universität Zürich, Moderatorin der „Sternstunde Philosophie“ im Schweizer Fernsehen SRF, Essayistin und Jurymitglied des Tractatus-Preises.

Sendehinweis:

„Focus“ – Themen fürs Leben bei ORF Radio Vorarlberg
Samstag, 29. September 2018, 13.00 bis 14.00 Uhr

„Die Bindung an die Eltern ist die einzige Beziehung, die wir uns nicht aussuchen können.“ Dieser Satz steht zentral über der Betrachtung von Barbara Bleisch zur „unentrinnbaren“ Bindung innerhalb der Familie; sei es jene der Eltern zu ihren Kindern oder/und jene der Kinder zueinander.

Woody Allens Version der Hölle

Barbara Bleisch beginnt ihren Vortrag mit einem Ausschnitt aus dem Film „Harry außer sich", gespielt von Woody Allen, der mit dem Lift geradewegs in die Hölle fährt, in den Abgrund menschlicher Verfehlungen. Mit zunehmender Tiefe wird es heißer und höllischer, bis er schließlich nach mehreren Zwischenstationen ganz unten, im Auge des Infernos, ankommt. Harry steigt aus und trifft dort auf seinen Vater: Der Vater hat vom Teufel lebenslänglich bekommen und schmort deshalb in der Hölle.

Die Sendung zum Nachhören:

Der Grund ist, dass er seinem Sohn zeitlebens ein schlechtes Gewissen eingeredet hat, weil Harrys Mutter bei der Geburt gestorben ist. Es bleibe die Frage ob Harrys ausschweifendes und instabiles Leben auf die väterliche Schuldzuweisung zurückzuführen sei, die dem Sohn die Kindheit zur Hölle gemacht hat, beschreibt Barbara Bleisch den Leitfaden des Films.

Drei Momente des Höllischen

„Was macht eigentlich ausgerechnet die existenziellste aller unserer Beziehungen so gefährdend?“ fragt die Philosophin. Und sie identifiziert drei Momente des Höllischen: Erstens der Schuldgedanke mit dem Hinweis, dass wir unseren Eltern letztlich nichts schuldeten.

Focus Barbara Bleisch
ORF

Zweites Moment: Die Unentrinnbarkeit. Das Scheitern in der Familie wiege umso schwerer, als es offenbar keine Möglichkeit gibt, einen Schlussstrich zu ziehen. Drittes Moment: Die Unersetzbarkeit: der Kontaktabbruch oder das Ableben eines Elternteils oder eines Kindes hinterlässt eine klaffende Lücke, eine Leerstelle, die - anders bei Partnerschaften oder Freundschaften - nicht gefüllt werden kann. So viel sei verraten, Barbara Bleisch bietet auch drei Vorteile bzw. „Dispensationen vom Höllischen“ in der Familie an.

Familie könne beides - Himmel und Hölle - sein, betont Bleisch. Himmel und Hölle bedingen sich. Sie begründetes damit: „Weil wir uns nahe sind, können wir uns verletzen, weil wir füreinander eine bestimmte Bedeutung haben, können wir einander nicht ersetzen und weil wir uns weder aus- noch abzuwählen vermögen, bleibe uns nichts anderes übrig, als uns miteinander zu arrangieren. Ob die Familie, in die wir hineingeboren werden, eher zum Familienglück oder zum Desaster neigt, isti dabei einfach auch Schicksal.“

Zur Person:

Dr. Barbara Bleisch, ist eine Schweizer Philosophin, Moderatorin , Autorin, Herausgeberin und freie Journalistin. Bleisch studierte von 1994 bis 2001 Philosophie, Germanistik und Religionswissenschaften in Zürich, Basel und Tübingen.

Seit 2002 arbeitet Bleisch als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Ethik-Zentrum der Universität Zürich. Von 2012 bis 2015 war Bleisch wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Bern im vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten Projekt Gründe der Parteilichkeit – Zur Ethik der Familienbeziehungen.Neben ihrer wissenschaftlichen Arbeit moderiert Bleisch seit 2010 regelmässig die Diskussionssendung Sternstunde Philosophie im Schweizer Fernsehen SRF 1.

Literatur:

Barbara Bleisch, Warum wir unseren Eltern nichts schulden. Hanser-Verlag 2018

Musik:

CD* DAS SÜSSE LEBEN
T* Neue Wunder
S: Klaus Hoffmann/Gesang

T: A Beautiful Story
Rosario Bonaccorso
Dino Rubino
Enrico Zanisi
Alessandro Paternesi

T: Der Walfisch
Rosario Bonaccorso
Dino Rubino
Enrico Zanisi
Alessandro Paternesi
2017 Millesuoni s.r.l.
2017 Jando Music