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MI | 10.02.2010
Gemüse und Obst (Bild: APA)
Orthorexia nervosa
Zwang: Besessen vom gesunden Essen
Gesunde Ernährung wird für viele Menschen immer wichtiger. Für manche allerdings zu wichtig: Es kann ein krankhafter Zwang, sich gesund zu ernähren, entstehen. Der Fachbegriff dafür lautet Orthorexia nervosa.
Sorge um die Gesundheit
Die Betroffenen sorgen sich ständig um ihre Gesundheit. Der Nahrungsaufnahme wird ein übertrieben hoher Stellenwert eingeräumt. Am Beginn steht meist der Wunsch, schlechte Ernährungsgewohnheiten abzulegen, von einer Krankheit zu genesen oder abzunehmen.
"Gute" und "schlechte" Lebensmittel
Die Lebensmittel werden in "gut und gesund" und "schlecht und ungesund" eingeteilt. Diese Menschen sind krankhaft darauf fixiert, nur Gesundes zu essen. Was gesund ist oder nicht, wird individuell eingeschätzt und festgelegt.
Täglich stundenlange Nahrungsanalyse
Das Interesse an der Zusammensetzung der Nahrung wird zum alles bestimmenden Lebensinhalt. Stundenlang werden jeden Tag Kalorien und Nährstofftabellen studiert, der ideale Gehalt an Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen berechnet.
Karotten (Bild: APA) Speisepläne schon Wochen voraus geplant
Die Mahlzeiten werden in vielen Fällen für längere Zeit im Voraus geplant, damit die "richtige" Zusammenstellung gesichert ist. Manche erstellen schon Wochen voraus ihren Speiseplan. Die Planung, der Einkauf, die Zubereitung und der Verzehr von Nahrungsmittel werden zum Mittelpunkt des Lebens. Andere Bereiche werden vernachlässigt.
Genuss spielt kaum oder gar keine Rolle
Der gesundheitliche Wert des Essens hat Vorrang gegenüber dem Vergnügen am Essen. Der Genuss spielt eine immer geringere Rolle, oft ist er überhaupt nicht mehr vorhanden.
Mangelerscheinungen möglich
Die gesundheitlichen Auswirkungen hängen von der Auswahl der Nahrungsmittel ab. Mangelerscheinungen und Gewichtsverlust können auftreten, müssen aber nicht.

Bei Orthorexia nervosa steht nicht wie bei Magersucht oder Bulimie die Quantität der Nahrung im Vordergrund, sondern die Qualität.
Keine Kontakte mehr: Soziale Isolation
Orthorexia nervosa kann zur sozialen Isolation führen. Die Betroffenen können oft keine Einladungen zum Essen mehr annehmen, da sie "normale" Lebensmittel nicht zu sich nehmen können.
Gemüse. (Bild: ORF) Umgebung soll missioniert werden
Manche versuchen auch ihre Umgebung zu missionieren. Auf Leute, die etwa Pizza oder ein fettes Würstel essen, wird hochmütig herabgeblickt.

Viele können auch irgendwann nicht mehr akzeptieren, dass andere ihre Essregeln nicht einhalten und brechen den Kontakt ab. Das Essen in Gesellschaft kann unmöglich werden.
Gefühl der totalen Selbstkontrolle
Wenn die Betroffenen gegen ihre Ernährungsregeln verstoßen, fühlen sie sich schuldig. Ihnen ist das Gefühl der totalen Selbstkontrolle wichtig. Sollten Regeln gebrochen werden, werden oft noch striktere auferlegt.
Noch keine konkreten Zahlen vorhanden
Die Bezeichnung Orthorexia nervosa wurde 1997 vom US-amerikanischen Mediziner Steve Bratmann eingeführt. Noch gibt es keine konkreten Zahlen darüber, wie viele Menschen in Vorarlberg darunter leiden.
Vorstufe zu Magersucht oder Bulimie
Es sei noch niemand in die Beratungsstelle gekommen, der gesagt hat, er leidet unter Orthorexia nervosa, so Psychologin Eva Garmusch von der Kontaktstelle für Essstörungen bei der Caritas.

Dennoch sei die Tendenz zum krankhaften gesunden Essen immer stärker zu spüren. Dies könne oft die Vorstufe zu einer Essstörung wie Magersucht oder Bulimie sein.
Unbekannter Zwang
Das sieht auch die Psychologin Andreas Hollenstein-Burtscher vom IfS (Institut für Sozialdienste) so. Auch ihr sind keine Klienten bekannt, die speziell wegen Orthorexia nervosa Hilfe gesucht haben. Kaum jemand würde diese Form des Zwanges namentlich kennen, sie sei noch sehr unbekannt.

Orthorexia nervosa sei derzeit noch nicht als Krankheitsbild oder Essstörung offiziell anerkannt, so Garmusch. Noch werden Erfahrungen von Betroffenen gesammelt.
Großteils Mädchen und Frauen betroffen
Ambulant werden vom IfS vor allem Menschen betreut, die an der Ess-Brech-Sucht Bulimie leiden. Stationär werden vor allem Magersüchtige betreut. Großteils sind noch immer Mädchen und Frauen von Essstörungen betroffen, so Hollenstein-Burtscher. Aber in letzter Zeit würden auch immer mehr Burschen und Männer daran erkranken.

Der Anteil der Mädchen und Frauen wird von den beiden Psychologinnen auf 85 bis 90 Prozent geschätzt.
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