Khorchide: „Eine Rede vom sanften Islam“

Prof. Dr. Mouhanad Khorchide spricht in der Focus-Sendung über den sanften Islam und einen barmherzigen Gott. Außerdem kommt Prof. Dr. Hartmut Rosa zu Wort. Sein Thema: „Resonanz - Hören und Antworten auf die Welt“.

Sendehinweis:
„Focus“, 8.10.2016, 13.00 Uhr, ORF Radio Vorarlberg

Der Professor für Islamische Religionspädagogik und Leiter des Zentrums für Islamische Theologie an der Universität Münster erlangte in den vergangenen Jahren Bekanntheit. Unter dem Titel „So fern und doch so nah. Wie verschiedene Gottesvorstellungen unsere Welt prägen“ erläuterte er diverse Gottesbilder im Islam und betonte: „In meiner Theologie mache ich mich aus einer islamischen theologischen Perspektive für das Konzept eines barmherzigen Gottes stark, der an den Menschen glaubt, ihm vertraut und ihn mit Freiheit ausstattet.“

Die Sendung zum Nachhören:

Indem man Freiheit zulasse, verwirkliche man seine eigene Freiheit, indem man Freiheit verhindere, verhindere man seine eigene Freiheit - so eine seiner Argumentationen für die Vorstellung von einem „humanistischen Gott".

Der barmherzige Gott - der Erbarmer

Dieser Gott erhöre Gebete und lasse Barmherzigkeit jenem zukommen, der in Reue umkehrt. Es sei der Gott, der seine mutterschoßlichen Gefühle zulässt. Der Begriff der Barmherzigkeit stammt aus dem Arabischen: „Rahman“- der Erbarmer. Gemeint ist damit auch die emotionale und bedingungslose Mutterliebe.

Mouhanad Khorchide

ORF

Prof. Dr. Mouhanad Khorchide

Er ist ein kommunikativer in der Zeit handelnder Gott. er Koran ist in dem Sinne nach Khorchide das Resultat ud Medium einer Kommunikation zwischen Gott und Mensch. Gott ließ keinen Koran vom Himmel fallen, sondern er kommuniziert mit den Menschen. Der Mensch wird dort abgeholt, wo er in seiner Entwicklung steht.

Die Grundlage von Freiheit ist die bedingungslose Offenheit Gottes von Freiheit. Freiheit bedeutet Selbstbestimmung. Sie wird erst dann konkret, wenn sie sich einem bestimmten Inhalt öffnet. Freiheit ist nur dort möglich, wo sich der Wille öffnet, also etwas bejaht.

Zweite und dritte Generation

Seine Studenten seien Angehörige der zweiten und dritten Migranten-Generation. Dritte Generation bringe zum Ausdruck, dass sie nicht ganz deutsch oder österreichisch seien. Die Fremdzuschreibung „ihr Muslime“ polarisiere, betont Khorchide. Er hat sich mit dieser Frage auch schon als Stundent befasst und Erhebungen in Wien gemacht. Diese meinten, sie seien überzeugte Muslime, der Koran sei wichtig für sie.

Die Aushöhlung des Korans

Sie haben aber bei genauerem Hinsehen nicht gewusst, was im Koran steht, weil sie kein Arabisch verstanden haben. Sie definieren sich nicht als Muslime im positiven Sinn, sondern nur indem sie kein Schweinefleisch essen und keinen Alkohol trinken. Gleichzeitig habe der Koran identitätsstiftenden Charakter, aber nicht im Sinne einer Sinnsuche nach Gott, sondern es gehe um Identität. Der barmherzige Gott passt ihnen nicht, weil der von ihnen verehrte exklusivistische Gott zur Abgrenzung gegen die bösen Anderen in der Gesellschaft (Mehrheitsgesellschaft) im Alltag diente.

Sie gehen davon aus: nur die Muslime werden errettet und die anderen werden in die Hölle geworfen. Das gebe Trost, egal wie schlecht es mir geht und wie diskriminiert ich mir vorkomme. Das inklusivistische Gottesbild verdauen manche sehr schwer.

Rosa: „Resonanz - Hören und Antworten auf die Welt“

Hartmut Rosa wurde für sein Buch „Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung" mit dem Tractatus, dem Essaypreis des Philosophicum Lech, der mit 25.000 Euro dotiert ist, ausgezeichnet. Er betreibe eine Sozialphilosophie, sagt Rosa, die rückgebunden sei an die Erfahrungen, an die Sichtweisen und Perspektiven der Menschen.

Hartmut Rosa

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Prof. Dr. Hartmut Rosa, Jena

Seine Zeitdiagnose lautet, dass da etwas mit unserer Weltbeziehung nicht stimme, und zwar ganz fundamental nicht. Die Welt laufe uns in fast allen Perspektiven ganz schön aus dem Ruder. In unserem Weltverhältnis bzw. unserer Weltbeziehung stimme etwas nicht.

Dinge in Reichweite bringen

Wir haben unsere Weltbeziehung in den letzten 300 Jahren in der Technik, in der Wissenschaft, in der Politik, aber auch in unserem individuellen Leben, auch in der Art und Weise wie wir versuchen zu leben, formuliert und angelegt. Wir haben die Welt verfügbar gemacht, in Reichweite gebracht. Das kann geschehen, wie wir unser Vermögen erhöhen, also Welt mit Geld in Reichweite bringen. Mit Geld können wir einiges unternehmen, nach Rio fliegen, ein Häuschen bauen, in die Südsee reisen. Wir bringen diese Dinge in unsere Reichweite.

Über Kommunikation Freunde in Reichweite

Das Smartphone bringt die Welt in unsere Hosentasche. Alles Wissen, alle Bilder, alle Bücher sind dadurch in Reichweite gebracht worden. Wir bringen auch die Welt ökonomisch in Reichweite, betont Rosa. Wir machen die Welt verfüg- und kontrollierbar. Wir erhöhen diesen Grad der Erreichbarkeit beständig. Rosas These ist, dass das nicht klappt. Durch dieses Programm scheint uns die Welt zu entgleiten. Die Welt erscheint uns irgendwann starr und stumm gegenüber zu stehen.

Mensch und Weltvertrauen

Rosa schlägt vor, sich des Moments bewusst zu machen, in dem man einschläft. Das setze Weltvertrauen voraus. Man könne die Welt, die einem gegenübersteht, nicht mehr kontrollieren. „Trotz der Erhöhung der Weltreichweite bedroht uns die Welt. Sie droht uns zu erschlagen und zu überfluten. Unser Naturverhältnis ist, dass wir Natur zerstören, vernichten, verlieren, manipulieren."

Im Umkehrschluss gefährde die Natur uns. Man denke nur an die Klimaänderung: Gletscherschmelze, Wasseranstieg in den Ozeanen, ergänzt Hartmut Rosa. Das Naturverhältnis scheint durch die Vergrößerung der Weltreichweite zu misslingen.

Soziologie des guten Lebens

Auf Basis dieses Befunds entwirft Rosa eine Soziologie des guten Lebens, wobei Letzteres nur gelingen könne, wenn auch die Resonanzverhältnisse, die Lebensverhältnisse im weitesten Sinn, entgegenkommend seien.

Zur Person:

Mouhanad Khorchide (Jg.1971), geboren in Beirut. Seit 2010 ist er als Professor für islamische Religionspädagogik am Centrum für Religiöse Studien (CRS) an der Westfälischen Wilhelms-Universität (Westfalen) als Nachfolger von Sven Kalisch.

Khorchides Großeltern waren aus Palästina in den Libanon geflohen, und seine Eltern zogen von dort weiter nach Saudi-Arabien, wo Mouhanad Khorchide zur Schule ging. Er und seine Geschwister durften als Ausländer dort nicht studieren und lernten Deutsch, um später in Deutschland studieren zu können. Doch als Staatenlose erhielten sie kein Visum und entschieden sich dann für Österreich.

Khorchide studierte Soziologie in Wien und wurde nach vier Jahren österreichischer Staatsbürger. Neben seinem Erststudium begann er ein Fernstudium. Er flog einige Jahre lang regelmäßig für ein paar Wochen nach Beirut, wo er den Abschluss in islamischer Theologie machte.

Univ.-Professor Dr. Hartmut Rosa Jg. 1965, in Lörrach ist ein deutscher Soziologe und Politikwissenschaftler. Seit 2005 ist Hartmut Rosa Professor für Allgemeine und Theoretische Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. 2006 erhielt er den Forschungspreis für Grundlagenforschung des Landes Thüringen.

Seit Oktober 2013 ist Rosa Direktor des Max-Weber-Kollegs für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien der Universität Erfurt. 2016 erhielt er den Tractatus-Preis.

Literatur:

Mouhanad Khorchide, Islam ist Barmherzigkeit. Grundzüge einer modernen Religion. Herder.

Mouhanad Khorchide, Scharia - der missverstandene Gott. Der Weg zu einer modernen islamischen Ethik. 2013.

Mouhanad Khorchide, Gott glaubt an den Menschen: Mit dem Islam zu einem neuen Humanismus. 2015.

Hartmut Rosa, Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung. Suhrkamp.

Hartmut Rosa und Robin Celikates, Beschleunigung und Entfremdung: Entwurf einer kritischen Theorie spätmoderner Zeitlichkeit. Suhrkamp

Hartmut Rosa und Wolfgang Endres, Resonanzpädagogik: Wenn es im Klassenzimmer knistert. Beltz

Musik:

CD* MUSTT MUSTT
T* Tana dery na

CD* MUSTT MUSTT
T* Mustt mustt (massive attack remix)

CD* SUFI MUSIC OF TURKEY
T* Tales from the ney / Improvisation on the „Makam Hidjat"/instr.