Ursula Kalb: „Die Armen - unsere Freunde“

Die Sendung „Focus“ wirft einen Blick hinter die Kulissen unserer Wohlstandsgesellschaft. Anlass bietet ein Vortrag von Ursula Kalb zum Thema „Die Armen - unsere Freunde“.

Ursula Kalb ist Mitglied der Gemeinschaft Sant Egidio in München. Diese Gemeinschaft wurde 1968 in Rom/Trastevere gegründet. Dort ist auch die Zentrale.

„Bettler sind keine andere Kategorie Mensch“

Die Mitglieder von Sant Egidio gehen auf die Straßen, um obdachlose Menschen zu besuchen. Das Wichtige sei das Gespräch, so Kalb. Man bleibe stehen, gehe nicht an ihnen vorbei. Man fange ein Gespräch an und versuche, diese Menschen zu verstehen. Das sei auch für die jungen Menschen der Gemeinschaft sehr bereichernd, schildert Kalb.

Die Sendung zum Nachhören

„Im Laufe der Zeit und in der Freundschaft merken wir, dass das genauso Menschen sind wie wir, die irgendwann im Leben ein Schicksal, einen Bruch hatten - Arbeitslosigkeit, psychische Krankheiten, ganz viele Faktoren, die eine Rolle spielen können, dass sie in die Obdachlosigkeit gekommen sind. Viele Menschen betteln, um ihre Miete bezahlen zu können. Jeder hat sein eigenes Schicksal und es sind ganz individuelle Geschichten", erzählt Kalb.

Focus Ursula Kalb

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Ursula Kalb

Altersmut wächst

Sant Egidio München habe eine Mensa eröffnet, wo viele Menschen zum Essen kommen können. Es sei keine Suppenküche, sondern ein Ort der Freundschaft, der Familiarität, wo die Mitglieder der Gemeinschaft mit am Tisch sitzen, mit den Besuchern die Geburtstage feiern, deren Fragen beantworten und ihre Anliegen erörtern.

Es seien auch viele alte Menschen mit Migrationshintergrund, die immer am Existenzminimum leben und im Alter vereinsamen. Sie seien für solche Orte der Gemeinsamkeit dankbar, bestätigt Kalb.

Das einsame Sterben der Obdachlosen

Im Zuge ihrer Arbeit sei den Mitgliedern von Sant Egidio ein Drama bewusst geworden, an das sie vorher nie gedacht hatten. Das Drama laute: „Ich sterbe und niemand mehr wird sich an mich erinnern“. Das Problem sei an einem „Bilderbuch-Obdachlosen“ aufgefallen, den die Stadt Würzburg gekannt habe, weil er Jahre in der Fußgängerzone auf seiner Ziehharmonika am Marktplatz gespielt habe. Man sei draufgekommen, dass es für verstorbene Obdachlose keine Beerdigung gebe.

Sendehinweis:

„Focus“, 23.7.2016, 13.00 bis 14.00 Uhr; ORF Radio Vorarlberg
28.7.2016, 21.00 bis 22.00 Uhr (WH)

„Alle Obdachlosen ohne finanzielle Mittel kommen in ein Urnen-Massengrab“, sagt Ursula Kalb. „Ein Aufschrei führte dazu, dass die Gemeinschaft Urnengräber gekauft habe, dass es immer eine Beerdigung geben kann. Einmal im Jahr findet ein Gebet statt, bei dem alle Namen der verstorbenen Obdachlosen vorgelesen werden. Das hat tröstende Wirkung für die Anwesenden, insofern, dass sie wissen, dass ihr Name hier auch einmal vorgelesen wird", so Kalb.

Die Freundschaft zu den Flüchtlingen

Man will die Flüchtlinge, die hier ankommen, willkommen heißen, verweist Ursula Kalb auf die mittlerweile stark infrage gestellte Willkommenskultur. „In Anlehnung an das Evangelium: Ich war fremd, durstig, obdachlos- und ihr habt mich aufgenommen." Entsprechend diesem Auftrag begegne man Menschen am Rande, wo auch immer sie stehen.

Es gehe nicht um Sozialarbeit und um ein Betreuen, sondern darum, dem Anderen die Würde zuzusprechen, dem Anderen auch mit Ehrfurcht zu begegnen, dem von der Gesellschaft zuvor viel genommen wurde. Indem man mit jemandem Freund wird, entdeckt man auch das Leiden des Anderen, wo die Probleme sind.“

Sterben auf dem Weg der Hoffnung

Flüchtlinge erzählten ihre Geschichten. Von den abgefahrenen Booten und von jenen, die nicht angekommen sind. Die Namen derer, die im Meer ertrunken sind, werden bei speziellen Gedenkfeiern genannt, damit sie in dieser Gedenkrunde nochmals öffentlich gemacht werden, erzählt Ursula Kalb.

Sinnstiftung für alte Menschen

Alte Menschen wollen am Leben der Gemeinschaft teilnehmen. „Es gibt mittlerweile einen Fonds, in den die alten Menschen für eine Patenschaft einzahlen, und sie werden zweimal im Jahr darüber informiert, wie es dem entsprechenden Mädchen, für den sie spenden, geht. So wissen sie, was in den jeweiligen Ländern los ist“, schildert Ursula Kalb die Einbindung alter Menschen und die Sinnstiftung.

Und diejenigen, die pflegebedürftig im Bett liegen, würden ersucht, für andere Menschen in Not oder für den Frieden zu beten. Es lasse sich auch so eine Freundschaft zu anderen Menschen leben.

Musik:

CD* PAUL BADURA SKODA : 75 th Birthday Tribute / CD 1
T* Tango „Serenade Italienne“ - für Akkordeon
AS* Ziehharmonika
U* A musical biography - CD 1 : Young & curious (1941-1946)

CD02/49033/7_H

CD* LUZ NEGRA
T* Escualo/instr.

TWIST IN MY SOBRIETY/TANITA TIKARAM

MENSCH /HERBERT GRÖNEMEYER

MOOREA INSTR. GIPSY KINGS