„Kränkung ist kein Gefühl, sie ist eine Macht“

Univ. Prof. Prim. Dr. Reinhard Haller, Suchtexperte, Gerichtspsychiater und Psychotherapeut, spricht diese Woche in Focus über das Thema Kränkung: „Kränkung ist kein Gefühl, sie ist eine Macht“.

Sendehinweis

„Focus“, 7.11.2015, 13.00 bis 14.00 Uhr
12.11.2015, 21.00 bis 22.00 Uhr (WH)

„Das Fanal eines Gekränkten“ ist für Reinhard Haller der Absturz der Germanwings-Maschine in den französischen Alpen. Der Gerichtspsychiater ist davon überzeugt, dass im Abschlussbericht zum Absturz ein einziges Motiv aufscheinen wird.

Die Sendung zum Nachhören

„Ein Mensch, der vielleicht enttäuscht war, der vielleicht oft benachteiligt worden ist, der vielleicht gekränkt war durch seine Depressionen, weil er den Job verliert und vielleicht nie mehr als Pilot wird arbeiten können. Da wird wohl in ihm etwas entstanden sein, das sich mit dem Satz umschreiben lässt: Das lasse ich mir nicht gefallen. Die da draußen im Passagierraum, die heile, lachende und unbeschwerte Welt, die nicht verstehen kann, wie miserabel es mir geht, EUCH werde ich es zeigen - und er nimmt sie mit in den Tod“. Es sei ein Zeichen dafür, wie Kränkbarkeit von der individuellen Haut abhänge, resümiert Haller diese Katastrophe.

Reinhard Haller Buch Kränkung

ORF

Reinhard Haller

Kränkungen erschüttern unseren Selbstwert

Sie treffen uns im Innersten, unser ICH im Kern unserer Persönlichkeit. Es gibt keine ärgere Form der Kränkung als jene der Selbstkränkung, sagt Haller. „Es ist nicht mehr möglich, einen Schuldigen zu finden, ein schwarzes Schaf. Ich allein bin das und es gibt keinen Ausweg mehr“. Suizidale Handlungen seien eine Implosion der Gefühle gegen mich selbst, betont Haller.

Zudem habe eine Kränkung immer einen destruktiven Charakter. „Sie ist nie wohlmeinend, auch wenn sie unabsichtlich passiert. Auch Lob kann kränkend sein, wenn man sagt: ‚Du bist der Dickste im Land‘. Kränkungen müssen immer bei mir, dem Empfänger, auf eine sensible Stelle treffen.“

Fast jedem Problem liege eine Kränkung zugrunde

Nahezu jedem menschlichen Problem liege eine Kränkung zugrunde, sagt Haller. Denn Kränkungen greifen unsere Selbstachtung, unser Ehrgefühl und unsere Werte an. Sie treffen im Innersten und können uns aus der Bahn werfen, uns krank machen und sogar zu den grausamsten Verbrechen und Kriegen führen.

„Kränkungen haben und sind eine Macht“

Das können alte Traumatisierungen sein, Narben, die nur scheinbar verheilt sind, oder Punkte, an denen ich nicht will, dass man daran rührt. Das können aber auch positive Werte sein. Kränkungen sagen mir auch „Was ist für dich wichtig? Was ist für dich ein großer Wert?“ Haller nimmt Bezug auf den Anschlag auf die Redaktion Charlie Hebdo in Paris. Was sei es anderes gewesen als ein Verbrechen aus Gekränktheit? Ist es kränkend wenn religiöse Werte, die für andere Menschen wichtig sind, in Karikaturen lächerlich gemacht werden?

Darf man auf eine solche Kränkung wiederum mit einer für manche verständlichen Kränkung in Form von Rache reagieren, gibt Haller in Frageform zu bedenken. Wieviel ist ein religiöser Wert wert?

Kränkung als Verletzung des Gerechtigkeitssinns

Das Gerechtigkeitsgefühl wird durch Kränkungen nachhaltig verletzt. Kränkungen enthalten immer Enttäuschungsreaktionen, weil sie oft auch in dem Satz zum Ausdruck gebracht werden: „Ich habe mich täuschen lassen“. Einer Enttäuschung geht immer eine Täuschung meiner selbst voraus.

Kränkungen werden individuell unterschiedlich wahrgenommen und sie haben eine nachhaltige Wirkung. Kränkungen wirken unter der Haut, sie wühlen sich dahin, sie liegen manchmal brach, sie sind über viele Jahre stumm und brechen dann wieder auf. Dieses unbemerkte, dieses versteckte, dieses gärende Wesen, das Kränkungen an sich haben, das macht letztlich ihre verheerende Kraft aus, aber das führt auch dazu, dass wir sie nicht wirklich ernst nehmen, weil wir sagen, das sind Kleinigkeiten.

Der Narziss-Mythos und die Kränkung

In der Psychologie ist die Kränkung mit Sigmund Freud und dem Narzissmus aufgekommen. Der Narzisst ist nach Haller in hohem Maße irritierbar. „Er empfindet jede konstruktive Meinung als Majestätsbeleidigung. Er ist ein verunsicherter Mensch, der vor nichts Angst hat. Er kann nicht herzlich lachen, weil dahinter die Angst steht, ausgelacht zu werden.“

Zur Person:

Univ.-Prof. Dr. Reinhard Haller ist Chefarzt und Leiter des Krankenhauses Maria Ebene, einem Behandlungszentrum für Suchtkranke. Er gilt als einer der renommiertesten Gerichtspsychiater Europas: Seine Analysen von psychischen Störungen und spektakulären Verbrechen sind in den internationalen Medien gefragt. Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte sind psychische Erkrankungen, Sucht, Selbstmord und Kriminalpsychiatrie.

Literatur zur Sendung:

Reinhard Haller, Die Macht der Kränkung. Ecowin.

Musik:

CD* JACQUES LOUSSIER TRIO: SCHUMANN - KINDERSZENEN
T* Glückes genug - Nr.5 aus „Kinderszenen“ op.15 / Bearbeitung für Jazztrio
G* Kinderszenen op.15 - 13 Stücke für Klavier / Bearbeitung
AT* Happy enough - from „Scenes from childhood“

CD* NEIL YOUNG ARCHIVES PERFORMANCE SERIES DISC 03: LIVE AT MASSEY HALL 1971
T* Tell me why/live

G* ERIK SATIE: GYMNOPEDIE - GNOSIENNES
T* Gnosienne Nr.2
K: Erik Satie/1866 - 1925
B: Jacques Loussier/1934