Thomas Fuchs: „Erziehung – ein Job für Mutige“

Thomas Fuchs spricht über „Erziehung in einer schwierigen Zeit – ein Job für Mutige“. Fuchs berichtet über mediale Gewohnheiten der Jugendlichen, häufige Konflikte in den Familien und emotionale Überforderung der Kinder.

Die Sendung können Sie hier nachhören:

Es gibt eine deutsche Studie, die besagt, dass 28 Prozent aller Eltern von Grundschulkindern behaupten, ihr Kind sei verhaltens- oder emotional gestört, zitiert Fuchs eine entsprechende Studie.

Porträt

Thomas Fuchs

„Typische häusliche Streitpunkte in Erziehungsfragen sind: Es geht dabei um Kaufwünsche des Kindes, um das Verhalten beim Essen, um die Hausaufgabensituation oder um aggressives Verhalten oder Wutanfälle. In 50 Prozent der Familien geht der Streit um das Ordnung-Halten, um das Aufräumen des Zimmers, den TV- oder PC Konsum, die Benutzung von Handys oder auch das Zubettgehen“, umschreibt Fuchs die Problemstellungen.

Was zeichnet unsere Kinder heute aus?

Es geht heute um eine Kindergeneration, die davon ausgeht, dass alles im Leben Spaß machen muss. „Sie meinen, es gibt ein Grundrecht auf Spaß, und wenn jemand von ihnen etwas verlangt, das keinen Spaß macht, dann glauben sie, sie sind im falschen Film.“ Kindern müssten lernen, dass es nicht ständig um ihre Bedürfnisse gehen kann, ergänzt der Psychologe.

Der mediale Konsum

Was Kinder heute von jenen früher unterscheidet, das sind mediale Gewohnheiten. „Das hat sich komplett verändert. diese Kindergeneration wächst mit 40 TV-Programmen, PC- und Videospielen auf. Die Belege für die Reizüberflutung sind offensichtlich. Was ist der Vorteil eines Buches gegenüber einem Film: das Kind kann das Tempo beim Buch selber bestimmen. Beim Film geht das nicht und dann drehen Kinder oft richtig auf und es kann aggressives Verhalten begünstigen. Die wahren Zeitfresser unserer Kinder sind die Medien."

Man sieht auch eine deutliche Vernachlässigung der persönlichen Kommunikation: eine Kindergeneration, die weniger aus dem Haus geht, statt im Fußballtraining sich zum Chatten im Internet trifft oder auf LAN-Partys Ballerspiele spielt.

Es fehlt der kindliche Schutzraum

Kinder kommen heutzutage viel zu früh mit Themen in Berührung, die für sie in dem Alter nichts wären, so Thomas Fuchs. „Das geht dich nichts an"- diesen Satz höre man heute viel seltener in Bezug auf ein Kind. Man glaube gar nicht, was Eltern heute mit ihren Kindern diskutieren. Egal ob es um den Wechsel der Wohnung, einen Hauskauf oder die Einschätzung des Partners geht. " Wie findest denn du das, was dein Vater hier macht?“

Es gibt kaum Schutz vor emotionaler Überforderung. Kinder kommen mit Dingen in Berührung, die sie nicht verarbeiten können. Sie sehen Krieg, Gewalt, bekommen finanzielle Schwierigkeiten mit, sie kommen mit Dingen in Berührung, für die sie die Reife noch gar nicht haben, sagt Fuchs. Kinder sind keine Übermenschen im Taschenformat. Kinder sind keine kleinen Erwachsene.

Sendehinweis:

„Focus“, 3.9.2015

Erziehung geschieht ohne Lizenz

Es fehlen die Vorbilder für Erziehende, beklagt Thomas Fuchs. Man habe keine Ahnung, wie man das machen soll. Die Fehler der eigenen Eltern wolle man natürlich in der Erziehung nicht wiederholen. Die Erziehungsaufgabe ist komplex. Die Erwachsenen sind oft auch sehr überfordert. Es gibt Eltern und Familien, die wegen ständiger Überforderung im Katastrophenmodus leben.

„Folgende Aspekte fallen nicht vom Himmel und man wird nicht damit geboren, die wachsen durch die Wahrnehmung eines erwachsenen Gegenübers: es ist auch das Gegenüber, das das kindliche ICH begrenzt, das NEIN sagt und darauf hinweist, wo’s lang geht, und eine klare Richtung vorgibt: Frustrationstoleranz, Rücksicht und Respekt, Wertschätzung und Werteorientierung, Pünktlichkeit, Leistungsbereitschaft und Zuverlässigkeit.

Diesen Vortrag haben wir bei den Klostertaler Familiengesprächen 2014 in Braz aufgezeichnet.

Zur Person:

Dr. Thomas Fuchs, Jahrgang 1966, verheiratet, 3 Kinder
Dipl. Psychologe, Hauptstudium in Psychologie an der Universität Konstanz mit Schwerpunkt klinischer Psychologie und Pädagogischer Psychologie. Im Jahr 2000 Eröffnung der Praxis für Kinder- und Jugendpsychologie, Verhaltenstherapie in Schwäbisch Gmünd.

Im Jahr 2004 erhält er den Status einer Lehrpraxis für Verhaltenstherapie, mit Anerkennung durch das Regierungspräsidium. Inzwischen hat er eine Lehrpraxis für mehrere anerkannte Ausbildungsinstitute für Verhaltenstherapie.

Homepage

www.dr-fuchs.info

LITERATUR:

Michael Winterhoff, Warum unsere Kinder Tyrannen werden: Oder: Die Abschaffung der Kindheit, Verlag Goldmann

Bernhard Bueb :
Lob der Disziplin: Eine Streitschrift
erschienen im Ullstein Verlag.

Judith Rich Harris.
Ist Erziehung sinnlos? Warum Kinder so werden, wie sie sind? rororo

Neil Postman. Das Verschwinden der Kindheit
Fischer.

MUSIK:

T* Libertango (Reprise) - aus dem Film „The Tango Lesson“

CD* A SONG FOR YOU
T* Bless the beasts and children / a.d.gln.Film / „Denkt bloß nicht, daß wir heulen“

CD* LOVE CAN BUILD A BRIDGE
T* Love can build a bridge/instr.
K: Naomi Judd K: John Jarvis K: Paul Overstreet