Haller: Mensch, das kränkbare Wesen

Psychiater, Neurologe, Suchttherapeut und Gerichtsgutachter Univ. Prof. Dr. Reinhard Haller, spricht in der Sendung „Focus“ bei ORF Radio Vorarlberg über das Thema „Der Mensch - das kränkbare Wesen“.

Die Sendung zum Nachhören:

Sendungshinweis:

„Focus“, 5.9.2015

Kränkungen seien eine enorme psychische Macht für das Individuum, für die Gesellschaft, für die gesamte Menschheit und sie seien maßlos unterschätzt, sagt Reinhard Haller. Er prophezeit, Kränkungen würden die Menschen künftig mehr beschäftigen.

Was löst Kränkungen aus?

Der international anerkannte Gerichtspsychiater meint, es seien Vorwürfe, Zurückweisungen, Beleidigungen, die Kränkungen auslösen. Kränkungen seien Beschämungen und Beschimpfungen, besonders dann, wenn man den wunden Punkt treffe.

„Kränkung hat sehr viel mit Verletzungen und Krankheit zu tun. Es sind Bloßstellungen, Entwertungen, Lüge, Betrug und abwertende Gesten, es ist das Nicht-Beachten, das Übergangenwerden, es ist das Schweigen mit der Erfahrung, ich bin dem anderen Menschen nicht einmal ein Wort wert.“ Das Sprichwort “Reden ist Silber,Schweigen ist Gold“ sei psychotherapeutisch vollkommen falsch, meint Haller. Die Menschen müssten wieder mehr über ihre Verletzungen und Kränkungen und das, was sie bedrückt, reden.

Kränkung: ein schwer zu fassendes Phänomen

Kränkung hänge immer mit dem Kränkenden zusammen, d.h. sie hänge auch von meiner physischen und psychischen Konstitution - also auch von der eigenen Verletzlichkeit - ab, so Haller.

Reinhard Haller

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Reinhard Haller

Kränkung habe sehr viel zu tun mit dem Selbstbild. Die Frage sei, ob man so selbstbewusst ist, dass die Kränkung einem nichts anhaben könne oder aber ob man sehr leicht verletzbar sei.

Der Verbrecher - der gekränkte Mensch

Fast alle Verbrecher, mit denen er über seine Tätigkeit als Gutachter in Berührung kam, seien schwerst gekränkte Wesen, sagt Prof. Haller. Hinter derartigen Racheaktionen stünden häufig frühe Kränkungen. Auch bei Suchtpatienten liege fast immer eine große Kränkung, die in ihrem Leben ausgemacht werden könne, vor. Manchmal sei es nicht bewusst, manchmal komme man im Zuge der psychotherapeutischen Gespräche drauf.

Fast immer sei es so, dass die Suchtmittel - die Drogen, der Alkohol - gegen dieses Gekränktsein als Schild eingesetzt würden, so Haller. „Alkohol macht eine dickere Haut, man ist nicht mehr so empfindlich; und so ist es bei allen Drogen."

Die unglaubliche Macht der Kränkung

Kränkungen können laut Haller Ehen zerstören, Kriege auslösen; sie könnten Amokläufe erklären und psychosomatische Leiden, Depressionen, Erschöpfungszustände und Suizide bewirken. Hinter alldem stecken in vielen Fällen Kränkungen und er glaube schon, dass man Kriege der Gekränktheit von Völkern verdanke. Im Prinzip präge den Menschen kaum etwas so negativ wie es Kränkungen.

„Man vergisst das heute viel zu oft, dass der Mensch ein kränkbares Wesen ist. Was kränkt macht krank und macht in vielen Fällen auch kriminell. In einer scheinbaren „coolen“ Umgebung leben oft zutiefst kränkbare Wesen.

Kränkung sei der Angriff auf ein persönliches Gefühl, Vorstellungen und Werte. Das bedeute, man fühle sich in unserer Gestimmtheit verletzt oder beleidigt, wenn sich die eigenen Vorstellungen als nicht richtig erweisen. Es sei besonders schlimm, wenn der eigene Wert nicht als solcher anerkannt, geschätzt und tolerant behandelt werden. Darauf reagiere man mit einem Verhalten, das Verletzungen anzeigen soll.

Der Narzisst und die Kränkung

Als wesentliche Kriterien des Narzissten nennt Haller die vier „E"s: Egozentrizität, Empfindlichkeit, Empathiemangel und
Entwertung. Er beschreibt den Narzissten als einen Menschen, der nur dadurch überleben kann, indem er alles tut, um seinen Selbstwert zu erhöhen, seine emotionalen Defizite durch Leistung zu kompensieren oder andere zu entwerten.

Zur Person

Univ.-Prof. Prim. Dr. Reinhard Haller ist Facharzt für Psychiatrie und Neurologie und seit zwanzg Jahren ärztlicher Leiter des Vorarlberger Behandlungszentrums für Suchtkranke (Stiftung Maria Ebene) und Drogenbeauftragter der Vorarlberger Landesregierung. Seit 1983 ist er gerichtlich beeideter und zertifizierter Sachverständiger und gilt als internationaler Experte für Kriminalpsychiatrie. Seine Forschungsschwerpunkte sind: Sucht und Suizid, Forensische Psychiatrie und Kriminologie.

Literatur

„Die Narzissmus-Falle“. Anleitung zur Menschen- und Selbstkenntnis ist im ecowin Verlag Salzburg erschienen.

Musik

CIFERENCE SYMPHONY - I WELL/Live

To the rescue 4
Terry Devine King

Jazz a la Carte
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