Herausforderung und Verantwortung als Schulfächer

Margret Rasfeld, Schulleiterin der Evangelischen Schule Berlin Zentrum, spricht in der ORF Radio-Vorarlberg-Sendung Focus über das Thema: „Die Schulfächer ‚Herausforderung‘ und ‚Verantwortung‘. Berliner Luft macht’s möglich.“

Die Sendung zum Nachhören:

Sendungshinweis:

„Focus“, 4.5.2013

Schüler sind die „Bildungsexperten“

„Jeder Mensch ist doch Experte für sein eigenes Leben. Und eben auch fürs Lernen. Es geht aber darum, ihm Möglichkeiten zu eröffnen und Erfahrungen zu bieten, die ihm helfen, die Freude am Lernen zu steigern, nicht abzutöten. Jeder von uns weiß genau, wann er was in welchem Zustand gut lernt,“ leitet Margret Rasfeld ihren Vortrag ein. Sie wolle an ihrer Schule Schülern eine Stimme geben. Und das sei nicht nur deshalb wichtig, weil Kinder auch emotional berühren können, sondern weil es ihr gutes Recht sei, so Rasfeld.

Tage der Utopie in St. Arbogast

Die Schulleiterin Margret Rasfeld und zwei Schülerinnen ihrer Schule lösten Begeisterungsstürme und Staunen in Vorarlberg aus - einmal vor Vertretern der Wirtschaft und letztlich bei den Besuchern der Tage der Utopie (www.tagederutopie.org )im Bildungshaus St. Arbogast in Götzis. Sie stellten ihre Schule - die Evangelische Schule Berlin Zentrum - vor, in der eine neue Lern- und Beziehungskultur gelebt und gepflegt wird.

„Wie still wäre es im Wald, wenn nur die begabtesten Vögel sängen“, meinte Alexander Puschkin. Dieser Satz steht am Beginn der Homepage der Evangelischen Schule Berlin, die anders funktioniert als Schule im landläufigen Sinn.

Wenn Schüler Schule machen

Ihr pädagogisches Konzept ist geleitet und getragen von der Wertschätzung der Vielfalt in der Gemeinsamkeit, die in dem Satz gipfelt: „Jede zählt, jeder ist einzigartig.“

Wenn Schüler Schule machen, wird die Gegenwart Zukunft oder die Zukunft Gegenwart. Jedenfalls zogen Margret Rasfeld und zwei Schülerinnen der 340 Schüler zählenden Schule in ihren Bann, weil sie an ihrer Schule einen wissenschaftlich begleiteten Aufbruch wagen, der zu mehr Chancengleichheit und -gerechtigkeit unabhängig von den Voraussetzungen der Kinder und Jugendlichen führen soll.

Evangelische Schule Berlin Zentrum

Die Schule hat sich mittlerweile einen solchen Namen gemacht, dass sie für Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler, Universitäten und Hochschulen zu einer Art Wallfahrtsort geworden ist; auch aus Vorarlberg.

Ausgangspunkt für die neue Schule

Margret Rasfeld umreißt die Anforderungen an die Schule heute mit den Herausforderungen an der Gesellschaft, hervorgerufen durch den notwendigen Stopp der Zerstörung unserer Lebensgrundlage- der Erde, der Globalisierung und den neuen Technologien; ihr Credo lautet: „Weg vom Machbarkeitswahn hin zu Nachhaltigkeit und weg vom EGO im Konkurrenzsystem hin zum WIR“.

Der große Transformationsprozess

Rasfeld spricht von einem großen Transformationsprozess, weil Schule neben Familie der wirkmächtigste Prägungsfaktor in der Gesellschaft sei. Welcher Geist in der Schule gepflegt werde, so wachse die Jugend dann natürlich auch auf, ergänzt die Schulleiterin.

Sie hält die Schul- und Bildungssituation zwischen Deutschland und Österreich für total vergleichbar. Es sei furchtbar viel Parteipolitik im Spiel, ohne auf Kinder und Jugendliche zu schauen. Wir seien mehr mit alten Konkurrenzthemen befasst, als den Blick zu öffnen.

Der Defizitblick

Die frühe Selektion befördere den Defizitblick. Lehrer seien fixiert auf den Defizitblick - sie würden schauen, ob ein Kind gut genug fürs Gymnasium sei. So entstehe Druck. Lehrer seien in einem System, in dem nicht ressourcenorientiert gedacht werde, sondern defizitorientiert. "Wenn Kinder in der dritten Klasse nach Hause kommen und weinen, weil sie eine „3“ geschrieben hätten, dann könne man fragen, wie gehen wir mit dem Wertvollsten um, das wir haben. Das habe mit Chancenungleichheit zu tun.

30 Prozent der Kindern gehen mit Angst in die Schule, hält Rasfeld vor Augen. Angst sei Kreativitätskiller, Angst mache krank.

Der innovationsfeindliche Geist

Unser Bildungssystem erzeuge einen innovationsfeindlichen Geist. Die vier Grundbedingungen für Innovation seien, so Margret Rasfeld: Autonomie, Urteilskraft, Entscheidungsstärke und größtmögliche Interdisziplinarität. Die Schulen wären autonomer, sie reizten aber ihre Spielräume nicht aus, sagt Rasfeld. 80 Prozent des Unterrichts in deutschland laufen üebr Arbeitsblätter. Jede Institution habe ihren heimlichen Lehrplan von dem was gelehrt wird, aber nicht was da steht.

Schule als Ort der Beziehungskultur

Im 21. Jahrhundert würden wir keine Pflichterfüller benötigen, sondern Menschen mit Mut und Gestaltungskraft, Visionskraft. Wir müssten - so zeige es die Hirnforschung - den jungen Menschen Gemeinschaft und Aufgaben geben, an denen man wachsen könne.

Die Frage bleibe, ob Schulen Orte der Be-ziehungskultur oder Orte der Beziehungs-verhinderung sind. Wichtig für Lehrer seien Schulen, wo man sich engagieren und einbringen könne - und nicht das Abarbeiten von Arbeitsblättern, hier liege die größte Burnoutgefahr. Kinder würden mit fremdbestimmten Wissensinhalten zugeschüttet, die sie dann punktgenau ausschütten müssten, so Rasfeld. Man unterfordere sie in all den
wunderbaren Potenzialen, die sie hätten.

Begeisterung und Bedeutsamkeit seien die Faktoren, die das Lernen erleichtern. „Wir erleben doch täglich, wie komplex und kompliziert unsere Welt ist. Aber unsere Schulen bereiten die jungen Leute nicht auf die Herausforderungen der Zukunft vor. Darauf, Probleme kreativ und phantasievoll zu betrachten. Mit Schwierigkeiten selbstbewusst umzugehen. Von Universitäten und Unternehmen werden junge Menschen gesucht, die eigenverantwortlich arbeiten können und möchten. Sie suchen Menschen mit sozialer Kompetenz. Menschen, die gelernt haben, aufeinander Rücksicht zu nehmen, umsichtig und teamfähig zu sein. Das kann man lernen. In der Schule“, fasst Schulleiterin Rasfeld die Aufgabenstellung an Schule aus ihrer Sicht zusammen.

Zauberwörter „Herausforderung und Verantwortung“

Wir wollen sie bestärken mit unserer eindeutigen Botschaft, dass alle Kinder die Chance haben sollten, sich für die Gesellschaft zu engagieren, ihre Leidenschaften zu entwickeln und alle ihre wunderbaren Potenziale zu entfalten. Potenziale, die oft nicht in Leistungstests abprüfbar sind.

„Herausforderungen und Verantwortung“, sagt Schulleiterin Margret Rasfeld, lauten die beiden Zauberwörter, die aus den Schülern hier keine Fakten-Zombies machen, sondern kluge und selbstbewusste junge Menschen mit großem Herz.

Links

Zur Person

Margret Rasfeld ist Leiterin der Evangelischen Gemeinschaftsschule in Berlin-Zentrum. Sie wird häufig als eine der innovativsten Schulleiterinnen Deutschlands bezeichnet und ist Beraterin in zahlreichen Einrichtungen zu grundlegenden Bildungsinnovationen.

Literatur

EduAction - Wir machen Schule. Margret Rasfeld und Peter Spiegel

Musik

Pascal Contet & Wu Wei: CD Iceberg
Enya Only if