R. Haller: „Gott vergibt, ein Narzisst aber nie...“

Univ.-Prof. Dr. Reinhard Haller spricht in der ORF Radio-Vorarlberg-Sendung „Focus“ über das Thema „Gott vergibt, ein Narzisst aber nie…“. Dabei erläutert er verschiedene Formen des Narzissmus.

Die Sendung zum Nachhören:

Die vier großen „E“

Narzissmus äußert sich nicht nur in Selbstverliebtheit und ICH-Sucht - er lässt wich, wie Univ.-Prof. Dr. Reinhard Haller sagt, mit den vier großen „E“ charakterisieren: Extremer Egozentrik, ein großes Maß an Empfindlichkeit, Mangel an Einfühlungsfähigkeit und letztlich die Entwertung.

Sendungshinweis:

„Focus“, 20.4.2013

Der Sadist

Reinhard Haller erzählt die Tatsachengeschichte eines Buben in einem Erziehungsheim, der sich über dem Suppenteller ergeben muss. Der Erzieher zwingt ihn, das Erbrochen aufzuessen, bis sich der Bub wieder übergibt und der Erzieher ihn sadistisch an den Haaren bis zum Boden drückt und ihn auffordert, alles aufzulecken. Haller sieht im Erzieher den grausamen Narzissten, den Egomanen, der sich nicht in den Buben hineinfühlen kann und so auch die Würde des Buben verletzt.

Reinhard Haller

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Reinhard Haller

Narzissmus zeitlos und aktuell

Das Thema Narzissmus sei ein zeitloses, aber auch ein aktuelles Thema. „Auf der einen Seite ist es der Mythos des Narziss, der bis ins alte Griechenland zurückreicht, auf der anderen ist es ein Wort, das wir heute immer häufiger verwenden.“, führt Haller aus. "Wir sagen, dass mein Chef ein wahnsinniger Narzisst ist und meine Kollegin derartig narzisstisch ist, mein Konkurrent trägt seinen Narzissmus vor sich her und Partnerschaften mit Narzissten sind die reinste Hölle und in den Führungsetagen sind nur Narzissten“, umschreibt Prof. Haller das Themenspektrum. Weiters führt er aus: „Wir verwenden Ausdrücke wie den Hypernarzissten, den Komplementärnarzissten und im Computer begegnet uns der Cybernarzisst, in der Geschäftswelt ist alles voll von Narzissten, selbst der neue Papst Franziskus meinte, die Krise der Kirche beruhe auf deren narzisstischer Theologie, womit gemeint sei, sie achte viel zu sehr auf sich und die anderen Theologien viel zu wenig.“

Selbstliebe mit Suchtcharakter

Es gibt dieses Ölgemälde des italienischen Malers Michelangelo Merisi da Caravaggio: Darauf ist der Jüngling Narziss zu sehen, der wie betört und in großer Selbstverliebtheit ins Wasser blickt und vom Spiegelbild seiner eigenen Schönheit hingezogen erscheint. Dafür diente der altgriechische Mythos von Narkissos als Vorlage.

Narzissmus - eine Urkraft

Der Narzissmus ist eine Urkraft des Menschen und andererseits wird er in der heutigen Zeit immer häufiger. Für junge Menschen seien nach der jetzt vorgelegten Studie die Egozentrizität und die Selbstdarstellung ganz wichtige erstrebenswerte Eigenschaften. „Der Narzissmus war ursprünglich eine Störung, eine schlechte Eigenschaft, eine Sünde, ein Laster, und er hat plötzlich ein anderes Gesicht bekommen. Er wird als Eigenschaft nicht zu einer Tugend, aber zu etwas, das man anstrebt“, beschreibt Haller die Veränderungen des Begriffs im Wandel der Zeit.

Narzissmus salonfähig in der Gesellschaft

Narzissmus bedeutet laut Haller: Ich will mich durchsetzen, meine Meinung ist die entscheidende, das ICH, das EGO steht im Vordergrund. Haller glaubt zwar nicht, dass wir vor einem Zeitalter des Narzissmus stehen, aber vor einer Zeit, in der der Narzissmus modern werde, man könnte auch sagen, der Narzissmus sei heute salonfähig geworden.

Narzissmus wird immer mehr zum Ideal

Narzissmus sei nicht gut und nicht schlecht, so Haller. Jeder Mensch brauche ein bestimmtes Maß an Narzissmus, dieser diene unserem Selbstwert, es komme aber auf die rechte Dosis drauf an. Die Grenzziehung zur Störung ist laut Haller, dass er nicht übersteigert sein dürfe - d.h.: „Wenn ich zu wenig Selbstbewusstsein habe und unter ständigen Minderwertigkeitskomplexen leide, dann bin ich ein neurotischer Mensch, wenn ich zu viel davon habe, bin ich sehr rücksichtslos, wenn ich zu empfindlich bin und am Weltschmerz zugrunde gehe, werde ich nicht überlebensfähig sein, wenn ich zu viel an Empathie habe, ist es natürlich auch nicht gut und wenn ich nur die anderen wertschätze, aber nicht mich selbst, ist es eine Konstellation aus der psychische Probleme entspringen können.“ Es gehe also um das rechte Maß zwischen Egozentrik und Rücksichtnahme, zwischen Empfindlichkeit und Durchsetzungsfähigkeit, zwischen Empathiemmangel und Durchsetzungsfähigkeit sowie zwischen Selbst- und Fremdwertung.

Ihm scheine, so Reinhard Haller, das Gleichgewicht in der Gesellschaft durcheinander gekommen zu sein; nicht nur das, sondern auch die Veränderung der Koordinaten werden immer mehr zu einem Ideal.

Stark im Austeilen, sonst mimosenhaft

Die Narzissten seien im Austeilen unglaublich stark und im Einstecken mimosenhaft. Sie könnten einen anderen Menschen ohne weiteres sadistisch niedermachen, aber wenn auf sie selbst nur die leiseste Kritik komme oder etwas, was sie als Kritik interpretieren, dann reagierten sie zutiefst gekränkt, zeichnet der Psychotherapeut die Auswüchse der narzisstischen Störung.

Wer ist die narzisstischste Berufsgruppe?

Es gebe in der Psychotherapie nichts Schlimmeres als einen Narzissten behandeln zu müssen, merkt Haller an. Wer ist die narzisstischste Berufsgruppe - die Künstler oder die Kritiker, die Ärzte oder Rechtsanwälte, die Manager oder die Broker oder sind es Politiker und Journalisten?

Die Narzisstengalerie

Der Grandiose, der Geleidigte, der Demütige (es darf niemand bescheidener sein als er), der sozial Angepasste, der Konstruktive, der Fanatische, der Wüterich, der Bösartige, der Parasitäre, der Amouröse, der Kompensatorische, der Perfektionistische und letztlich Narziss, der Große.

Zur Person:

Univ.-Prof. Dr. med. Reinhard Haller ist Psychiater, Psychotherapeut und einer der renommiertesten Gerichtpsychiater Europas. Er ist als Sachverständiger an verschiedenen in- und ausländischen Gerichtshöfen tätig und verfasste u.a. Gutachten in den bekannten Fällen des Sexualmörders Jack Unterweger, des „Bombenhirns“ Franz Fuchs, des Inzesttäters Josef Fritzl aus Amstetten sowie im Fall des Amoklaufs in Winnenden.

Er hat mit mehr als 300 Mördern gesprochen und richtet seinen Blick auf krankhafte Entwicklungen und Störungen, auf die Urkraft von Emotionen und Affekten, auf die Bedeutung der Erziehung und den Einfluss von Gruppen. Er analysiert die zum Bösen disponierende Persönlichkeit, beschreibt soziale Konflikte, in denen sich die destruktive Potenz des Bösen entzündet, und versucht, durch Beschreibung jener Faktoren, die zu jeder Zeit und in jeder Kultur als verwerflich gelten, den Code des Bösen zu knacken. Reinhard Haller war Präsident der Kriminologischen Gesellschaft, der wissenschaftlichen Vereinigung deutscher, österreichischer und schweizerischer Kriminologen.

Literatur:

Reinhard Haller. „Die Narzissmusfalle: Anleitung zur Menschen- und Selbstkenntnis“ erschienen im Ecowin Verlag.

Musik:

Freedom is a voice.Bobby McFerrin

Baby.Bobby Mc.Ferrin

Public interrests Blue Mountain Vol.2