Prof. Dr. Niko Paech: „Befreiung vom Überfluss - Aufbruch in die Postwachstumsökonomie“

"Finanzkrisen belegen das Scheitern des auf Wachstum und Fremdversorgung basierenden Wohlstandmodells. Niko Paech stellt das Konzept „Postwachstumsökonomie“ vor.

Die Sendung zum Nachhören

„Kein Weiter-So“

Zeit zum Innehalten: Anstelle eines expansiven „Weiter-so“ bietet sich das Konzept der Postwachstumsökonomie an, die zwar bescheiden dimensioniert, aber langfristig stabil ist," führt Professor Paech sein Thema ein.

Sendehinweis

„Focus“, 29.11.12

Weiterhin scheine ein auf permanente ökonomische Expansion getrimmtes System kein Garant für Stabilität und soziale Sicherheit zu sein.

Darauf deute nicht nur die derzeitige Eskalation auf den Finanzmärkten hin, sondern auch die Verknappung jener Ressourcen „Peak Everything“), auf deren unbegrenzter und kostengünstiger Verfügbarkeit das industrielle Wohlstandmodell bislang basierte.

Niko Paech

ORF

Niko Paech

Es sei an der Zeit, die Bedingungen und Möglichkeiten einer Postwachstumsökonomie auszuloten.

„Was wären die Merkmale einer Ökonomie jenseits permanenten Wachstums? Welcher Wandel, welche Institutionen, welche Konsum- und Produktionsmuster gingen damit einher? Welche Wege führen in eine Wirtschaftsordnung, die auch ohne permanentes Wachstum für soziale Stabilität sorgen könnte?,“ so der kritische Wachstumsökonom Niko Paech.

„Konsum und soziales Prestige“

Ein wichtiger Befund für Prof. Paech ist, dass eine Steigerung des über Geld vermittelten materiellen Reichtums ab einem bestimmten Niveau das subjektive Wohlbefinden nicht weiter erhöht.

Viele Konsumaktivitäten sind symbolischer Art, zielen auf soziales Prestige oder die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe oder „Szene“. Innovationen schaffen neue Angebote der materiellen Selbstinszenierung, die von Pionieren aufgegriffen werden.

Wer nicht mitzieht, verliert den Anschluss. Folglich ist ein immer höherer Konsumaufwand nötig, um die soziale Integration zu verteidigen. Insoweit die Auswahl an Konsumoptionen geradezu explodiert, der Tag aber nach wie vor nur 24 Stunden hat, wird die minimal erforderliche Zeit zum Ausschöpfen konsumptiver Optionen zum Engpassfaktor. Das Viel-Haben tritt in Widerspruch zum Gut-Leben.

„Wachstum gegen Armut“

Professor Niko Paech macht darauf aufmerksam, dass weiteres Wachstum auch mit der Notwendigkeit begründet werde, man könne nur so Armut und ungerecht empfundene Umverteilung mildern. Anstelle einer konfliktreichen Umverteilung vorhandenen Reichtums sei es politisch akzeptabler, Zuwächse zu produzieren, mit denen Bedürftige besser gestellt werden könnten, ohne dabei den Status Quo der gut Situierten antasten zu müssen, erläutert Paech. Diese „Friedensstifter-Logik, nach der Verteilungs- oder Knappheitsprobleme in Wachstumsforderungen umgewandelt werden, versage jedoch immer offenkundiger," beklagt Professor Paech.

Neue konsumorientierte Mittelschichten

Es gebe einen unglaublichen Kaufkraftzuwachs einer globalen Mittelschicht; der sei in den letzten Jahren um ca. 1,2 Milliarden sogenannte „neue Konsumenten“ in den Aufsteigernationen (China, Indien, Brasilien etc.) erweitert worden. Man gehe gleichzeitig neuerdings von einem Anstieg des Preises für einen Barrel Rohöl auf 200 Dollar bis 2030 aus.

Postwachstumsökonomie

Als „Postwachstumsökonomie“ bezeichnet Professor Paech " eine Wirtschaft, die ohne Wachstum des Bruttoinlandsprodukts über stabile, wenngleich mit einem vergleichsweise reduzierten Konsumniveau einhergehende Versorgungsstrukturen verfügt."

Das Konzept der Postwachstumsökonomie orientiere sich an einer Suffizienzstrategie( Suffizienz meint hier Genügsamkeit) und dem partiellen Rückbau industrieller, insbesondere global arbeitsteiliger Wertschöpfungsprozesse zugunsten einer Stärkung lokaler und regionaler Selbstversorgungsmuster.

Eine ökologisch und sozial zukunftsfähige Ökonomie bedürfe - so der Olderburger Ökologieprofessor der Beseitigung jeglicher Wachstumsabhängigkeiten und -zwänge, ergänzt Professor Paech.

Zur Person

Professor Dr. Niko Paech lehrt am Institut für Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftspädagogik an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg Unternehmensführung und betriebliche Umweltpolitik.

Seine Forschungsschwerpunkte:
Nachhaltige Entwicklung, Umweltökonomik, Innovations- und Diffusionsforschung, Klimaschutz, Konsumforschung, Ökologische Ökonomie.

postwachstumsoekonomie.org

Literatur

Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie. oekom verlag

Musik

CD Accordian Tribe