Dürr: Was die Welt im Innersten zusammenhält

„Ein Baum, der fällt, macht mehr Krach als ein Wald, der wächst. Wir lernen in der Schule die Geschichte der fallenden Bäume“, kritisiert Professor Dr. Hans Peter Dürr mit dieser tibetischen Weisheit die Lautstärke der Meldungen und der Unterrichtsgegenstände über Krieg und Zerstörung.

Was ist eigentlich Materie?

Sendungshinweis:

„Focus“, 20.9.2012

Seit 60 Jahren befasse er sich mit der Frage, ob es Materie denn eigentlich gebe. " Im Grunde gibt es Materie gar nicht. Jedenfalls nicht im geläufigen Sinne. Es gibt nur ein Beziehungsgefüge, ständigen Wandel, Lebendigkeit. Wir tun uns schwer, uns dies vorzustellen. Primär existiert nur Zusammenhang, das Verbindende ohne materielle Grundlage. Wir könnten es auch Geist nennen. Etwas, was wir nur spontan erleben und nicht greifen können. Materie und Energie treten erst sekundär in Erscheinung - gewissermaßen als geronnener, erstarrter Geist. Wir können sie etwa mit der Software in einem Computer vergleichen, " sagt Hans Peter Dürr.

„Die Lebendigkeit hat keine Chance.“

Was hält die Welt im Innersten zusammen? Womit gehen wir eigentlich um, wenn wir mit der Welt umgehen? Inwiefern „tötet“ die moderne Naturwissenschaft die Welt?

Audio: Die Focus-Sendung zum Nachhören

Hans Peter Dürr legt dar, inwiefern die Naturwissenschaften mehr und mehr zu einer „Wissenschaft des Toten“ wurden, die das Prinzip der Lebendigkeit aus der Betrachtung der Natur, der Welt, des Menschen verbannt, und keinen Raum für die Lebendigkeit bietet. Und wie sehr die mathematisierten Naturwissenschaften uns daran gewöhnt haben, das in der Sprache der wissenschaftlichen Modelle Unsagbare als das schlechthin Inexistente zu betrachten.

Wie kommt das Lebendige zurück?

Die Wissenschaftler fragen sich wie kommt jetzt aber das Lebendige wieder herein? Die Antwort von Hans Peter Dürr lautet: „Auf diesem Wege, auf dem Wege der Naturwissenschaften ganz bestimmt nicht! Weil sie das Lebendige am Menschen zu einer Maschine machen und den Roboter wohl gar verlässlicher finden, weil er nicht mehr diese Offenheit des Lebendigen hat, sondern vollends beherrschbar ist.“

Sendungshinweis: „Focus“, 15.09.2012

Der Nobelpreisträger Werner Heisenberg habe nämlich gezeigt, dass es gar nicht um Dinge gehe, sondern um Prozesse. „Und wenn es um Prozesse geht, dann können wir auch verstehen, dass es eine große Rolle spielt, welche Elemente zuerst da sind. Im Falle eines Duells spielt es natürlich eine große Rolle, ob der eine oder der andere zuerst den entscheidenden Stoß führt. Daran sieht man, dass die Urelemente nicht Begriffe sind oder Dinge, sondern Prozesse.“

Das zwischenmenschliche Einvernehmen

Hinsichtlich des Zwischenmenschlichen geht Hans Peter Dürr von einem ursprünglichen, vorgängigen Einvernehmen aus, auf das man vertrauen kann und in das man Vertrauen entwickeln muss?

„Das ist der Punkt. Das genau ist es, was unsere Zivilisation kaputt macht. Der Wettbewerb ist das Instrument, das dieses Vertrauen unter den Menschen zerstört. Weil jeder sagt: Ich muss unbedingt das behalten, was ich habe. Anstatt dass er sagt: Ich brauche den Anderen“ mahnt Professor Dürr.

Ein „neues Denken“

Worin bestehen die neuen Denknotwendigkeiten? Der Umbruch bestehe darin, dass wir sehen, dass wir mit dieser Welt, die wir im Augenblick vor uns haben, eine Welt ist, in der das Lebendige eigentlich nicht mehr möglich ist.

Wir sollten erkennen, dass wir eine Teilhabe am Lebendigen haben. Und wir sollten uns nicht orientieren an der Theorie des Toten, die die mathematisierte Naturwissenschaft in weiten Bereichen hervorbringt.

„Jeder soll einzigartig sein und seine Individualität einzigartig ausdrücken, aber zugleich wissen, dass es die anderen gibt, deren Individualität die eigene ergänzt. Die Aufgabe ist, kreativ zu sein und das Verschiedenartige so zusammenzubauen, dass es sich positiv ergänzt“, schließt Professor Dürr. Jede Perspektive sei so wertvoll wie die eigene.

Wir danken Bernard Reichenpfader für die freundliche Überlassung des Mitschnitts dieses Vortrags, den Sabine Asgodom bei den 31. Goldegger Dialogen 2012 gehalten hat.

Zur Person:

Hans Peter Dürr, geb. 1929 in Stuttgart; deutscher Physiker; bis 1997 Direktor am Max-Planck-Institut für Physik München. Dürr promovierte 1956 bei Edward Teller und war von 1958 bis 1976 Mitarbeiter von Werner Heisenberg, 1978 Nachfolger von Werner Heisenberg. Er widmete sich zunehmend angrenzenden Randthemen seiner eigentlichen Kernfachgebiete, darunter erkenntnistheoretischen und gesellschaftspolitischen Fragestellungen. 1987 wurde er mit dem Right Livelihood Award -Alternativer Nobelpreis- ausgezeichnet. Er ist Mitglied des Club of Rome.

Literatur:

„Wir erleben mehr als wir begreifen“ 2001; „Wirklichkeit, Wahrheit, Werte und die Wissenschaft“, 2003; „Warum es ums Ganze geht - Neues Denken für eine Welt im Umbruch, 2009; „Geist, Kosmos und Physik, Gedanken über die Einheit des Lebens“; „Das Lebendige lebendiger werden lassen. Wie uns neues Denken aus der Krise führt“, 2010.