„Erziehung heute“: Verwöhnte Kinder?
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RV-„Bodenseemagazin“, 28.8.2012
„Frau Braza, verwöhne ich mein Kind zu sehr?“, fragte mich kürzlich eine Mutter in der Praxis und diese Frage möchte ich heute zum Thema von Erziehung heute machen.
Wo liegen die Grenzen?
Kaum etwas bereitet Eltern solches Kopfzerbrechen wie die Frage, ob sie ihre Kinder verwöhnen. Niemand weiß genau, wann aus Zuwendung Verhätschelung wird. Diese Frage beschäftigt viele Mütter und Väter und in Seminaren mit Eltern wird dieses Thema mit Sorge eingebracht. Bekommt mein Kind zu viel? Wo liegen die Grenzen? Diese Erfahrung machen Eltern immer wieder neu, wenn sie sich mit diesem Thema ernsthaft beschäftigen.
Hier die häufigsten Antworten auf die Seminar-Frage: Was verstehen sie unter Verwöhnung?
• Aufgaben abnehmen, die alleine zu bewältigen wären
• jemandem einen Gefallen tun
• Konflikte und Auseinandersetzung vermeiden
• liebevolle Zuwendung, einfach jemand gut sein
• sofort springen, wenn Sohn oder Tochter was will
• wenn ich den Sohn, wenn er verschlafen hat, zur Schule fahre
• Weg des geringsten Widerstandes.
• mir von meinen Kindern auf der Nase herum tanzen lassen
• wenn ich meinem Mann alles hinterher räume
• Nackenmassage nach einem schweren Alltag
• wenn ich für meine Kinder Dinge erledige, die sie übernommen haben
• bei Krankheit der Kinder Dinge zulasse, die sonst nicht üblich sind
Warum verwöhnen Eltern ihre Kinder?
Warum viele Eltern ihre Kinder verwöhnen, hat insbesondere zwei Gründe: Erstens drängen die extrem hohen Anforderungen, die Umfeld und Gesellschaft an Eltern heute richten, diese dazu sich über die Maßen um ihre Kinder zu kümmern - oft mehr als es denen gut tut. Zum anderen neigen Eltern auch aus Gemütlichkeit und um die eigenen Bedürfnisse zu befriedigen, zum Verwöhnen. Sie binden die Schuhbänder des Kindes lieber schnell selbst, weil sie es eilig haben. Sie räumen das Kinderzimmer auf, weil sie selbst die Unordnung nicht ertragen. Oder sie fahren das Kind überall hin, obwohl es längst die Wege kennt und auch mit dem Rad fahren könnte - nur um das eigene Bedürfnis nach Sicherheit zu beruhigen.
Eigeninitiative und Selbsttätigkeit nicht verhindern
Auch wenn die wenigsten Eltern ihre Kinder bewusst verwöhnen wollen, der leicht über die Lippen gehende Satz: “Ich mach das schon für Dich!” führt mitten ins Kerngeschehen. Je häufiger diese Haltung deutlich wird, desto umfangreicher wird Eigeninitiative und Selbsttätigkeit verhindert. So nachvollziehbar die Gründe im Einzelfall auch sein mögen: Kinder können nur dann eigenständig ihr Leben meistern, wenn sie für die verschiedensten Ereignisse, Handlungsfelder, Wirrnisse, Krisen oder gar Stürme des Lebens stark gemacht werden.
Eltern, Kindergärten Schulen und Einrichtungen der beruflichen Ausbildung haben demnach ein Umfeld zu schaffen, in welchem gelernt wird, Chancen zu erkennen und aufzugreifen.
Bedenken Sie:
Damit wachsen Kinder und Jugendliche in die Unfähigkeit. Sie können auf diese Weise weder Eigenständigkeit noch ein angemessenes Selbstvertrauen entwickeln. Somit wird durch die Verwöhnung kontinuierlich die Entwicklung von Lebensmut verhindert, mit der Folge, für sich und andere keine Verantwortung zu übernehmen.
Publiziert am 28.08.2012

