Peter Eicher: „Was du liebst, lass frei ...“

Bei der „Focus“-Sendung von Radio Vorarlberg spricht diesmal Prof. DDr. Peter Eicher über das Thema „Was du liebst, lass frei – über den Ablösungsprozess von Eltern und Kindern“.

Die Sendung zum Nachhören:

Zwischen Abhängigkeit und Bruch

Sendungshinweis:

„Focus“, 23. August, 13.03 bis 14.00 Uhr

Peter Eicher bekundet höchsten Respekt vor der täglichen Kleinarbeit im Umgang mit Kindern und heranwachsenden Jugendlichen. Der Begriff „Erziehung“ mag er nicht, ihm ist Begleitung, das Miteinander-leben, das einander Fördern lieber.

Wie ist es um diesen Bruch, diese Abhängigkeit bestellt, fragt Prof. Eicher?

Er beruft sich auf das Buch „Das Rätsel Ödipus“ von Norbert Bischof. Bischof, ein ehemaliger Mitarbeiter von Konrad Lorenz beschreibt das Verhalten der Graugänse, dass sie an einem bestimmten unvorhersehbaren Punkt ihrer Entwicklung denjenigen, der sie fütterte, gebissen hätten und davongelaufen seien. Ein ähnliches Verhalten habe man auch bei Schimpansen und anderen Tierarten festgestellt.

Die primäre Vertrautheit

Die ursprüngliche bzw. primäre Vertrautheit ist notwendig. Eicher berichtet von Patienten, die ihm gesagt hätten, sie vermissten diese Vertrautheit, denn sie seien von ihren Eltern nie gestreichelt oder liebkost worden. Sie sei immens wichtig.

Der neurobiologische Programmwechsel

Es gehöre zur Entwicklung des Menschen, dass innerhalb kürzester Zeit die Programme wechseln, auch neurobiologisch stelle das Gehirn um. "Die ganze Sache stellt um und alles, was vorher so schön und vertraut war, wird durch den plötzlichen Wunsch ersetzt, diese Nähe nicht zu erfahren. Eigentlich sei es ein „Hau ab! lass das endlich!“, umschreibt Prof. Eicher den Auftakt der Loslösung des Menschen aus seiner familiären Geborgenheit.

Das sei ein neurobiologische Programm, führt Eicher aus. Es brauche eine Flucht vor dieser Nestwärme, einen Bruch, eine Zerstörung der Nestwärme und der primären Vertrautheit. Damit die zweite Vertrautheit aufgebaut werden könne mit Partnern außerhalb der Familie, ergänzt Peter Eicher.

„In die Brüche gehen lassen“

In der modernen Entwicklungspsychologie gilt, dass der Bruch zwischen den Generationen die notwendige Voraussetzung zur gesunden Lebensentwicklung der Jüngeren und der Älteren schafft. Erst das „in die Brüche gehen" lässt bei wachsendem Selbstvertrauen -Neues“ entstehen. Der Vortrag fragt nach den Bedingungen für eine gesunde Entwicklung in der Erziehung und in der wachsenden Selbständigkeit. Aus psychologischer, literarischer und religiöser Sicht soll das Verständnis dafür gefördert werden, dass Freiheit keine immer schon vorhandene Eigenschaft, sondern die Frucht einer Lebenslagen Auseinandersetzung ist.

Dieser Vortrag wurde im Bildungshaus St. Arbogast aufgezeichnet.

Zur Person: Professor DDr. Peter Eicher

Peter Eicher studierte römisch-katholische Theologie Philosophie, Psychologie und Literatur an der Universität Freiburg im Üechtland. Von 1977 bis 2008 war Eicher Professor für Katholische Theologie an der Universität Paderborn. Eicher ist mit Lisette Eicher verheiratet, die das Hilfswerk für HIV-Positive und an AIDS Sterbende, „Stern der Hoffnung - Aidshilfe International“, mit Schwerpunkt in Brasilien gegründet hat.

Literatur

Norbert Bischof. Das Rätsel Ödipus. Die biologischen Wurzeln des Urkonfliktes von Intimität und Autonomie. Piper.

Musik

Accordion Tribe
Sea of reeds
„intuition“