Bischof Erwin Kräutler: „Wir werfen das Handtuch – nicht!“

Die momentane Lage sei äußerst schwierig, umschreibt der aus Koblach stammende Bischof Erwin Kräutler die Lage in der Diözese am Rio Xingu. Aber – auch er werfe das Handtuch nicht, sagte der Bischof in der Sendung „Focus“.

Sendungshinweis:

„Focus“, 24.5.2012

Es gehe durch die europäischen Länder die Rede vom aufstrebenden Schwellenland Brasilien, sagt Bischof Erwin: damit wolle man andeuten, Brasilien brauche nichts mehr. „Brasilien hat genug Geld und die Möglichkeit, für alles zu sorgen und den Armen und Ausgegrenzten ein schönes Heim und einen guten Unterhalt zu bieten.“ Das stimme, meint Kräutler, dass Brasilien genug Geld habe, aber die Rechnung gehe nicht auf; Das Geld wäre vorhanden, aber die Rechnung, dass alles schön aufgeteilt wird, die gehe eben nicht auf. Der Kuchen sei groß, aber nur wenige haben das Recht, sich etwas von diesem Kuchen abzuschneiden. …und mit dem Milliarden Wasserkraftwerk Belo Monte sei das ganz klar der Fall.

Audio: Hier können sie die aktuelle „Focus“-Sendung nachhören.

Belo Monte wird Gegenwart

Wie eine Furie würden derzeit die Bauarbeiten begonnen und vorangetrieben, beschreibt Bischof Kräutler den Start des Bauprojekts. „Rund um die Uhr. Es gibt keinen Sonn- und Feiertag, tausende Arbeiter werden früh am Morgen mit Bussen aus Altamira zur Baustelle gekarrt. Man könne sich nicht vorstellen, wie die Arbeiter, die auch für bessere Arbeitsbedingungen gestreikt hätten, finanziell und sozial durchkommen, sagt Kräutler. Es sei ihnen nur alle sechs Monate möglich, zu ihren Familien zu kommen.

In Altamira sei die vor dem Bau versprochene Infrastruktur nicht geschaffen worden. Von den 40 von der Regierung festgelegten Punkten zur Schaffung der Infrastruktur, sei keine einzige gänzlich erfüllt worden. Die Sicherheitslage in Altamira sei sehr gefährlich: es komme jeden Tag zu einem Mord.

"Was sind 40.000 zu 200 Millionen“

...sagt die brasilianische Regierung. An der Schleife, die der Rio Xingu in Altamira macht, wo für das Kraftwerksprojekt Flächen benötigt werden, wurden Häuser von Menschen, die dort seit jeher lebten, ohne Entschädigung abgerissen. Große Farmer und Landbesitzer hätten eine Entschädigung erhalten, sagt Erwin Kräutler. „Die kleinen Farmer werden jetzt als Eindringlinge abqualifiziert, obwohl sie dort ihre Anbauflächen hatten. Jetzt können sie verschwinden und niemand sagt ihnen- wohin“, beklagt Kräutler die Vorgangsweise der Betreiberfirma Norte Energia.

Die diesen Siedlern versprochenen Häuschen seien richtige Käfige. „Das ist der Preis, den es für den Fortschritt zu zahlen gilt“, sagt Dom Erwin. In Altamira selbst müssten wegen des Staudamms mindestens 40.000 Menschen umgesiedelt werden. Für die Regierung sei das kein Problem, mit dem Verweis darauf, was denn 40.000 Menschen zu den insgesamt 200 Millionen Brasilianerinnen und Brasilianern seien.

"Der Aurizid - die Indios werden mit Gold „ausgelöscht“

Die Indios seien nicht für Belo Monte, sie seien aber bereit, für die Geldgeschenke und die Vorteile, die man ihnen von Seiten der Betreiber versprochen habe," taub und stumm" zu werden. Die Indios sind ins Zentrum der Aufmerksamkeit der Betreiberfirma von Belo Monte geraten. Es gehe der Firma darum zu beweisen, dass sie sehr „indiofreundlich“ sei. „Sie bekommen ein Schnellboot, der Sprit wird bezahlt, sie fahren in die Stadt und kaufen ein, was sie nicht brauchen“, stellt Bischof Kräutler verwundert fest.

In einem einzigen Jahr seien umgerechnet rund sechs Millionen Euro ausgegeben worden. Man wisse nicht wohin dieses Geld genau gegangen sei.
Die Indios glauben derzeit den Mahnern, zu denen sich Bischof Kräutler zählt, nicht. „Dieses Geld ist ein Dolchstoß- hinterrücks-, weil die Kultur und die kulturellen Ausdrucksformen der Indios damit zerschlagen werden. Früher sind sie jagen und fischen gegangen und heute warten sie, bis der Geschenkkorb zu ihnen kommt,“ stellt Kräutler enttäuscht fest.

Die müssen da durch und wir werden da sein, wenn sie aus ihrem Taumel erwachen. " Wir werden sie nicht verlassen," steckt Bischof Erwin Kräutler die Position von sich und seiner Kirche ab.

Zur Person:

Erwin Kräutler, Missionar vom Kostbaren Blut, auch Dom Erwin. Geboren am 12. Juli 1939 in Koblach, Vorarlberg, ist römisch-katholischer Ordensgeistlicher, Missionar und seit 1980 Bischof und Prälat von Xingu, der flächenmäßig größten Diözese Brasiliens. Im Jahre 2010 wurde er für seinen Einsatz für die Menschenrechte der Indios und die Erhaltung des tropischen Regenwaldes im Amazonas-Gebiet mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet.

Literatur:

Kämpfen, glauben, hoffen: Mein Leben als Bischof am Amazonas: Mein Leben als Amazonas-Bischof von Erwin Kräutler

Rot wie Blut die Blumen: Ein Bischof zwischen Tod und Leben von Erwin Kräutler

Musik

Heitor Villa-Lobos (1887-1959)
Bachianas Brasileiras