„Über die Innenwelt unserer Nachbarn“ - Muslime in Europa

Die nachhaltigste Migrationsbewegung der letzten Jahrzehnte bei den Muslimen sei die Heiratsmigration, sagte die deutsch-türkische Sozialwissenschaftlerin Necla Kelek in der Sendung „Focus“ auf Radio Vorarlberg.

Sendungshinweis:

„Focus“, 17.5.2012

„An der Lage der Frauen erkennt man den Grad der Freiheit einer Gesellschaft, aber auch der Demokratie. Der Aufstand in der arabischen Welt beflügelte nicht nur die Araber, sondern auch die Europäer.“, sagte Necla Kelek und zitiert Schlagzeilen deutscher Zeitungen: „Die Zärtlichkeit der Massen“, schrieb eine deutsche Wochenzeitung, „Zeitenwende“ titelte „die Zeit“.

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Nüchtern betrachtet, sagte Necla Kelek, seien aber in Tunesien und Ägypten zwei Despoten verjagt worden, in anderen Ländern Nordafrikas und des Nahen Ostens „…streiten Menschen für Freiheit und mehr Lohn.“

Ob der Sturz Hosni Mubaraks in Ägypten das Land für die Freiheit geöffnet habe, was wünschenswert wäre, meint Kelek, sei aber von Hier und Heute aus nicht zu beurteilen.

Ägypten ist durch islamische Kultur geprägt

Der Vortrag

Dieser Vortrag wurde beim Montagsforum im Kulturhaus Dornbirn aufgezeichnet.

Ägypten war nicht nur durch Mubarak, sondern durch die islamische Kultur seit dem 7. Jahrhundert geprägt. Der Artikel II der ägyptischen Verfassung bestimmt den Islam zur Staatsreligion. „Es gibt dort keine Gesetze, die der Scharia, also den islamischen Gesetzen, widersprechen. Das Personenstands- und Familienrecht ist in den Händen der Imame. 95 Prozent der Frauen in Ägypten tragen das Kopftuch, und sie sind zum Großteil beschnitten.“, resümiert Necla Kelek die momentane Lage in Ägypten.

Ägyptische Menschenrechtsaktivisten beklagten, dass in Ägypten noch nichts gewonnen sei, der Verfassungsrat und die Wahlen wollen fortlaufend beweisen, wer eigentlich an die Macht kommen soll.

„Wenn das Familienrecht nicht säkular ist, wenn Promiskuität und die Herrschaft der Männer in den Familien nicht abgeschafft werden, was werden wir verändert haben.“, blickt Kelek kritisch auf die momentanen Verhältnisse.

Die Religionskritik

Der Islam ist die im Alltag prägende Kraft. So wie viele Muslime ihre Religion in Europa leben wollen, sei dies eine Herausforderung an die europäische Gesellschaft. „Wie viel Freiheit und Toleranz hält diese Gesellschaft aus? Wie wird der Islam die Gesellschaft verändern und wohin wird er sie bewegen?“ fragte die Sozialwissenschaftlerin Kelek.

In Europa leben derzeit rund 15 Millionen Menschen, die statistisch zu den Muslimen gezählt werden. Die überwiegende Zahl der Muslime ist zugewandert.

Der Islam kennt keinen verbindlichen theologischen Kanon. „Nach heutiger Vorstellung ist der Islam Glaube und Unterwerfung unter Recht und Gesetz zugleich. Gottes Gesetz soll über dem vom Menschen gemachten Gesetz stehen.“, laute die Forderung, so Necla Kelek. „Religion steht in Europa nicht über der Verfassung und das ist Teil des Streits, wenn es um Integration geht.“ Umreißt Kelek die Grundfrage der Integration in Österreich und Deutschland.

Auf die Jugend kommt es an

Wir müssen uns mit dem Thema Integration aus unserem ureigensten Interesse befassen, sagte Necla Kelek. Das Wichtigste sei, die Kinder und Jugendlichen für die Werte der Demokratie und des sozialen Rechtsstaates zu begeistern, also in die Mitte der Gesellschaft zu integrieren, mahnte Necla Kelek.

Heiratsmigration: Nachhaltigste Migrationsbewegung

Nach islamischer Tradition finden in Familien arrangierte Hochzeiten - oder in Form von Zwangsehen - statt. Söhne und Töchter werden verheiratet mit Mitgliedern aus der eigenen Familie oder aus dem Heimatdorf. „Hier liegt einer der Gründe für das Misslingen der Integration von türkischen, arabischen oder kurdischen Einwanderergruppen.“

„Mit den Bräuten kam die anatolische Tradition nach Europa, der Bezug zur Heimat riss nie ab; durch die entstandenen Großfamilienstrukturen wurden Clans manifestiert. Eine halbe Million Bräute kam nach 1980 nach Österreich bzw. Deutschland; sie kannten meist nicht die Sprache, noch mussten sie Deutsch lernen, denn in den Familien war vom Essen bis zur Kindererziehung alles Türkisch“, beschrieb Necla Kelek ein Integrationshemmnis.

Zur Person Necla Kelek:

Necla Kelek wurde in Istanbul geboren, sie ist Sozialwissenschaftlerin und Publizistin. Sie war von 1999 bis 2004 Lehrbeauftragte für Migrationssoziologie an der Evangelischen Fachhochschule für Sozialpädagogik in Hamburg und Mitglied der Deutschen Islamkonferenz. Sie gilt als Islamkritikerin und Frauenrechtlerin.

Keleks Hauptthema ist „die islamisch geprägte Parallelgesellschaft in Deutschland“. Sie lehnt eine Duldung einer nicht-emanzipatorischen Erziehung von Mädchen, aber auch von Jungen, in traditionalistischen islamischen Familien als „falsch verstandene Toleranz“ ab.

Sie berät die Hamburger Justizbehörde zu Fragen der Behandlung türkisch-muslimischer Gefangener. Außerdem beriet sie die baden-württembergische Landesregierung bei ihrer Gesetzesinitiative, Zwangsheirat als eigenständigen Straftatbestand zu formulieren, statt als besonders schweren Fall der Nötigung. Sie war Mitglied in der von der Bundesregierung berufenen ersten Islam-Konferenz und freie Autorin, unter anderem in der Frauenzeitschrift Emma und vielen Tageszeitungen.

Publikationen:

2012: Chaos der Kulturen: Die Debatte um Islam und Integration. Kiepenheuer & Witsch, Köln.

2010: Über die Freiheit im Islam.

und im selben Jahr die 2010 Himmelsreise. Mein Streit mit den Wächtern des Islam.

2006: Die verlorenen Söhne. Plädoyer für die Befreiung des türkisch-muslimischen Mannes.

2005: Die fremde Braut. Ein Bericht aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland

Alle Bücher sind bei Kiepenheuer & Witsch, Köln erschienen.

Diese Literaturliste ist nicht vollständig.

Musik:

Sixites Groove Jazz
John Parricelli and Stan Sulzmann
West one Music