Rausch-Sucht-Verbrechen: Irrwege zum Glück?

Univ.Prof.Dr. Reinhard Haller spricht in der aktuellen Radio-Vorarlberg-Sendung „Focus- Themen fürs Leben“ darüber, wie die Suche nach Glück zur Sucht führen kann.

Die Sendung zum Nachhören

Die Glücksbringer

Die Glücksbringer heute seien nicht die Antidepressiva, sondern jene, die einen Rausch erzeugen können, sagt Reinhard Haller, Chefarzt der Stiftung Maria Ebene(www.mariaebene.at).

Sendungshinweis :

„Focus“, 14.4.2012

Weder Rausch noch Sucht seien an psychotrope Substanzen gebunden, der Einsatz von Drogen sei jedoch der einfachste Weg, Bewusstseins- und Empfindungsveränderungen zu erreichen. " Neben der Eigenwirkung der berauschenden Substanz ist immer aber auch die individuelle Disposition des Konsumenten entscheidend.

Rauschmittel liefern aber auch die biologischen Grundlagen des Glücks. Sie geben Einblick in jene Hirnregionen, in denen das Glück lokalisiert ist", verweist Haller auf die medizinische Komponente seines Blickwinkels.

Zeitgeist, Drogen und das Glück?

Es läge am kulturellen Background, dem Zeitgeist mit seinen ideologischen Strömungen, in welcher Disposition sich eine Gesellschaft bezüglich Drogengebrauchs und dessen psychischer Wirkung befinde, erläutert Haller: „Es ist also auch eine Frage der Mode, was unter Glück verstanden und welche Form des Glücklichseins angestrebt wird.“, erklärt Haller und verweist auf die Flower-Power-Bewegung der 60er- und 70er-Jahre mit dem friedlich machenden Cannabis, auf die No Future Generation der 80er-Jahre, die ihr Nichtwissenwollen mit Rohypnol und andere Narkotika betäubte und auf die Yuppie-Gesellschaft der 90er, die mit der alten Kulturdroge Kokain ihr Gutdraufsein feierte.

Das bereits 1913 entwickelte und für lange Zeit verbotene Ecstasy erfülle indes in seiner bunten Tablettenform die phänomenologische Ähnlichkeit mit dem Internetsurfen der heutigen Zeit. Heroin jedoch, das wohl schwerste Suchtmittel wegen seines härtesten Entzugs, bleib zeit- und kulturunabhängig, so Haller.

Verhaltenssüchte wurden dominanter

Die Suche nach dem Glück in Form von Drogenrausch scheine dem „heutigen Glücksverständnis nach immer neuen Erlebnissen, Sensations-Seaking und kribbelndem Risiko entgegenzukommen“, ergänzt Professor Haller.

Auch wären die Verhaltenssüchte wie „Ess- und Brechsucht, Kaufsucht, Spiel- und Arbeitssucht, Sex- und PC-Sucht“ u.v.m. nichts Neues, doch dominanter geworden.

Das Verbrechen

Psychiater Reinhard Haller führt aus, dass jedes Verbrechen eine Suche nach Glück sei - und verweist dabei auf den Glücksrausch des Anders Behring Breivik, der sich nach seinem Massaker in Oslo und Utøya in seinem lächelnden Gesicht gespiegelt habe.

„Bei vielen Verbrechern - und für die trifft zweifelsohne das Glück des Bösen zu - kommt noch etwas hinzu, und das ist Machtausübung. Für die schwer narzisstischen Menschen liegt das Motiv ihrer Handlungen nicht im sexuellen Lustgewinn, auch nicht im materiellen Lustgewinn, es liegt darin, andere zu beherrschen, über sie zu bestimmen, gottgleich sozusagen sein zu können, über Leben und Tod zu bestimmen, sich an ihrer Angst zu weiden und sich dadurch aus der Alltäglichkeit herauszuheben - das heißt sie suchen das Glück dann nicht in der Weise, dass sie etwas Besonderes anstreben, sondern dass sie alle anderen niederdrücken und selbst als einzigartig dastehen“, erläutert Haller.

Zur Person:

Univ.Prof.Dr.Reinhard Haller gilt als der berühmteste Gerichtspsychiater Österreichs.

Haller ist Facharzt für Psychiatrie und Neurologie und seit 20 Jahren ärztlicher Leiter des Vorarlberger Behandlungszentrum für Suchtkranke und Drogenbeauftragter der Vorarlberger Landesregierung. Seit 1983 ist er gerichtlich beeideter und zertifizierter Sachverständiger und gilt als internationaler Experte für Kriminalpsychiatrie.

Seine Forschungsschwerpunkte sind: Sucht und Suizid, Forensische Psychiatrie und Kriminologie. 2003 wurde er zum Universitätsprofessor durch den Bundespräsidenten Dr. Thomas Klestil ernannt. Haller hat über 250 wissenschaftliche Arbeiten publiziert und mehrere Bücher veröffentlicht, darunter der Sachbuch-Bestseller „Die Seele des Verbrechers“, welcher bereits in der 3. Auflage erscheint.

Literaturhinweis:

Reinhard Haller:( Un)glück der Sucht: Wie Sie Ihre Abhängigkeiten besiegen, erschienen bei Ecowinvon

Reinhard Haller. Das ganz normale Böse: Warum Menschen morden. rororo Taschenbuch

Konrad Paul Liessmann. Die Jagd nach dem Glück. Perspektiven und Grenzen guten Lebens. Zolnay-Verlag

Musik:

CD Extraplatte, Musikproduktions-und Verlags GmbH.

Diesen Vortrag hat Univ.Prof. Dr.Reinhard Haller beim 15.Philo-sophicum Lech 2011 gehalten. CARPE DIEM/Zell am See/ hat uns diesen Mitschnitt freundlicherweise zur Verfügung gestellt.