Rebekka Reinhard: Die Kunst des Irrens

Lebenskunst-Philosophin Rebekka Reinhard spricht in der Radio-Vorarlberg-Sendung „Focus“ darüber, wie Menschen durch Perfektionismus und Effizienz oft sinnfrei erleben und warum uns gerade Irrwege in anderes „Fahrwasser“ bringen können.

Die Sendung zum Nachhören:

Der Vortrag wurde im Rahmen der Reihe „Wissen für’s Leben“ im Festsaal der Arbeiterkammer in Feldkirch aufgezeichnet.

Über Umwege zum Sinn

Wir leben in einer Zeit, in der fast jeder Lebensbereich der Effizienz und der Effektivität, der Lösungsorientiertheit, der Marktfähigkeit, der Berechenbarkeit, des Perfektionismus bestehen muss. Ziel- und Lösungsorientiertheit scheint der Weisheit letzter Schluss zu sein. Mit Expertenhilfe versuchen wir, jede Unwägbarkeit auszuschalten. Wir bemühen uns, bloß nicht vom Weg abzukommen und verkümmern in unserem durchorganisierten, sinnfreien Alltag. Ja, die Zukunft ist ungewiss, aber nicht bedrohlich.

Sendungshinweis:

„Focus“, 29.3.2012

Die Sicherheit gibt es nicht, da das Leben per Definition unwäg- und unberechenbar ist, sagt Rebekka Reinhard. Hörten wir auf, uns zu fürchten, so hätten wir eigentlich die Chance das Leben von seiner spannendsten Seite kennenzulernen.

Die ständige Jagd: immer höher, weiter und perfekter

Durch diese Jagd kommen wir nicht weiter, sondern oft in die Klinik. „Es schaffen“ , scheint die große Zielvorgabe in unserem Leben zu sein, wobei nicht ganz klar ist, was mit dem „Es“ eigentlich gemeint sein soll. Die Menschen versuchten durch die eigene perfekte Leistung, wie in einer Selbstvermarktungsshow, die anderen - ähnlich einer Castingshow - auszustechen.

„Burnout“ wurde zum Leitbegriff des vergangenen Jahres. Es ist nach Rebekka Reinhard nicht nur ein Medienhype, sondern auch eine Tatsache: natürlich nehmen Burnout, Depressionen und Stresserkrankungen in einer Zeit, die den Fortschritt um des Fortschritts willen vorgibt, zu - wobei kein Sinn hinter dem ständigen Voranschreiten zu erkennen ist.

Odysseus - die Kunst des Irrens

Odysseus hatte zehn Jahre trojanischen Krieg und zehn Jahre Irrfahrt hinter sich gebracht, bevor er in sein Reich Itaka zurückkehren konnte. Während der Irrfahrt ist er vielen Seeungeheuern und Monstern begegnet und den liebreizenden Damen - den Sirenen- , die ihn alle davon abgehalten haben, zurückzukehren.

Rebekka Reinhard stellt die rhetorische Frage: "Hätte Odysseus seine Reise nach den Kriterien des Zeitmanagements geplant und hätte er sie effizient und effektiv gestaltet, er wäre vermutlich nicht der weise und erfahrene Held der Kulturgeschichte geworden.

Chronos - der grausame Gott

Er entthronte seinen Vater Uranus und er verschlang vorsorglich alle seine Kinder. Wer nicht aufpasst und Macht über seine Lebenszeit gewinnt, landet im Schlund des Chronos. Er wird chronisch unzufrieden, chronisch gestresst, und am Ende, wenn er Pech hat, chronisch krank.

Askese: Übung macht den Meister

Askese meint, sich einzuüben, in ein tägliches Erinnern am Ende eines Tages, was man so tagsüber gemacht hat - was gut und was schlecht war. Nicht um sich zu beurteilen, sondern um Bilanz zu ziehen, um einen Standpunkt zu finden, wo man am nächsten Tag weitermachen kann.

Zur Person:

Dr. Rebekka Reinhard ist Philosophin und eine philosophische Beraterin mit eigener Praxis (www.reinhard-praxis.de) in München. Außerdem ist sie Referentin, unter anderem in der ärztlichen Fortbildung und mit Führungskräften von Unternehmen.

Rebekka Reinhard hat Philosophie, Amerikanistik und Italianistik studiert und promovierte über amerikanische und französische Gegenwartsphilosophie.

Literatur von Rebekka Reinhard:

Sinndiät - warum wir schon alles haben, was wir brauchen - Philosophische Rezepte für ein erfülltes Leben

Odysseus oder die Kunst des Irrens. Philosophische Anstiftung zur Neugier.

Würde Platon Prada tragen? Philosophische Überlebenstipps für den Lifestyle-Dschungel

Diese drei Bücher von Rebekka Reinhard sind im Ludwig Verlag München erschienen.

Musik

CD YO-YO MA plays Ennio Morricone