„Mystik: aus der verstaubten Ecke in die Lebensmitte“

Der Schweizer Bestsellerautor Pierre Stutz gilt als „Szene-Star“. Der Theologe, der in einer Lebenskrise auf seine mystischen Wurzeln gestoßen ist, hat mit seinen Büchern als spiritueller Lebensbegleiter eine Millionen-Auflage erreicht. Er holt die Mystik aus der verstaubten Ecke in die zentrale Lebensmitte.

Sendungshinweis:

„Focus“, 15.3.2012

Mystik rührt etymologisch vom griechischen Zeitwort „myein“ mit der Bedeutung, „die Augen schließen und nach Innen schauen“. Diese sprachliche Klärung bringt Pierre Stutz am Ende seines Vortrags. Am Beginn sagt er, dass er leidenschaftlich gerne mit mystischen Frauen und Männern im Gespräch sei. Es sei das Faszinierende, das Göttliche in allen Dimensionen, in all unseren Lebensvollzügen zu erahnen, zu erleiden, zu erstaunen, zu feiern, zu hinterfragen, zu haben und wieder zu verlieren, weil das Wesentliche nie zu haben sei.

Audio: Hören Sie die komplette Focus-Sendung von Johannes Schmidle.

Mystik - was ist das ?

Es gibt keine allgemein gültige Definition von Mystik, sagt Stutz; sie gehe nicht von einem allgemein gültigen, Gedanken-, Glaubens- und Erfahrungsaustausch aus, sondern von der eigenen Erfahrung.

Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber sagt, „Mystik ist das Grenzgebiet des Glaubens, in dem die Seele Atem holt zwischen Wort und Wort“.

P.Stutz unterstreicht die Erfahrung Bubers, dass es keine echte Begegnung gebe, ohne Zwischenraum. Das sei für unsere Welt, in der wir virtuell mit Bildern, mit Erfahrungen, mit Nachrichten überfüllt seien, in der alles machbarer und schneller werde, höchst revolutionär.

Pierre Stutz - der spirituelle Begleiter

Er - Strutz- sei nicht durch Begeisterung und Neugierde auf seine mystischen Wurzel gestoßen, sondern durch eine innere Notwendigkeit. Der Schweizer Bestsellerautor Pierre Stutz gilt als „Szene-Star“. Der Theologe, der in einer Lebenskrise auf seine mystischen Wurzeln gestoßen ist, hat mit seinen Büchern als spiritueller Lebensbegleiter eine Millionen-Auflage erreicht. Er holt die Mystik aus der verstaubten Ecke in die zentrale Lebensmitte.

Er sei nicht durch Neugierde oder Begeisterung auf die Mystik aufmerksam geworden, sondern durch eine innere Notwendigkeit. Ausgelöst durch ein Burnout - durch leere Batterien - sei er tagelang sinnlos umhergeirrt: nicht nur physisch und psychisch, sondern auch spirituell.

Schreiben als „inneres Feuer“

Das Schreiben wird für Pierre Stutz zum „feu sacré“, zum inneren Feuer: So sind bis heute über 40 Bücher entstanden. Die Bücher sind inspiriert von seiner Aufgabe als spiritueller Begleiter, von seinem persönlichen Hoffen und Ringen in der Gottessuche und von biblisch-mystischen Urtexten. Seine rege Vortrags- und Kurstätigkeit im ganzen deutschsprachigen Raum lässt ihn für immer mehr Menschen zum spirituellen Begleiter werden.

Es gibt keine „Dauererleuchtung“

Mystiker erzählen uns unermüdlich „Du kannst erleuchtet werden, du bist es auch schon, wenn du das Leben anders anschaust, nicht vom Haben her, sondern vom Sein“, ergänzt Pierre Stutz. So werde Gott in Dir Mensch, erklärt Stutz den Ansatz christlicher Mystik: Gott wird in dir Mensch, in deinem Staunen, in deinem Schreien, in deinem Zweifeln an Sinn.

„Mystik ist kein Luxus?“

Der Mystiker stelle nicht mehr die Frage, was muss ich tun, sondern, wo nehme ich die Kraft her, erläutert Pierre Stutz das Grundanliegen mystischer Erfahrung.

Mystik sei kein Luxus, sondern gerade für uns westlich geprägte Menschen eine gesundheitspolitische Notwendigkeit. Die Burnout-Rate, die Depressionserkrankungen seien das Signal der verlorenen Mitte in uns Menschen. Eine harte Feststellung für eine Gesellschaft, die die Balance zwischen zupacken und geschehen lassen verloren habe. Mystisch zu sein, bedeute, sich mit dem eigenen Leben zu versöhnen, mit der eigenen Geschichte.

Musik:

CD: Ignaz Jan Paderewski: Liszt, Schubert, Beethoven, Schumann,
Mendelsohn, WagnerSchelling. Nimbus Records.

CD „the real ground-one for all“

Zur Person: Pierre Stutz

Pierre Stutz wurde 1953 in Hägglingen (Schweiz) geboren. Eine persönliche Lebenskrise führt ihn 1992 in die Abbaye de Fontaine-André. Nach einer zweijährigen Vertiefung in der christlichen Mystik gründete Pierre Stutz zusammen mit den Frères den Ort Fontaine-André als ‚offenes Kloster‘. Es entsteht eine Gemeinschaft von Frauen und Männern, auch verheirateten, die miteinander eine Spiritualität im Alltag suchen und leben. 2002 verlässt er Fontaine-André als Wohnort. Als Autor und spiritueller Begleiter gestaltet er dort weiterhin Lesungen und Kurse.

Literatur von Pierre Stutz :

Geborgen und frei. Mystik als Lebensstil. Kösel-Verlag, München

Engel des Trostes wünsche ich dir. Briefe an Trauernde - Verlag Herder

Kleines Buch vom Kreis des Lebens. Verlag Herder

Link: