Paulus Hochgatterer zur Sprache der Jugend

Diese Woche ist der Schriftsteller, Kinder- und Jugendpsychiater Paulus Hochgatterer zu Gast in der Radio-Vorarlberg-Sendung „Focus“. Dabei steht die Sprache der Jugendlichen im Mittelpunkt.

Die Sendung zum Nachhören:

Hinweis:

Diese Sendung ist eine Wiederholung vom 25. Februar 2012.

Es sind die Grundfragen des beginnenden Dialogs: „Soll ich dir etwas erzählen? Erzählst du mir auch etwas?“ Paulus Hochgatterer zitiert Friedrich Hölderlin: „Freund, glaube mir, ich sag`s aus tiefster Seele. Die Sprache ist ein großer Überfluss. Das Beste bleibt doch immer für sich und ruht in seiner Tiefe wie die Perle am Grund des Meeres.“

Sendungshinweis:

„Focus“, 16.8.2012

Man könne über Sprache nicht sprechen, ohne über Metaphorik zu sprechen, betont Hochgatterer und ergänzt: „Metaphorik, die Übertragung von Bedeutung, ist das Wesen von Sprache. Es betrifft das Wesen von Kommunikation, somit das, was wir täglich tun, wir unter uns und der Psychiater mit seinen Patienten.“

Francois Truffaut: „Sie küssten und sie schlugen ihn"

Zur visuellen und gedanklichen Grundlage seines Vortrages macht Paulus Hochgatterer Antoine Dornell; er ist die Hauptfigur im schönsten und traurigsten Kinofilm, den er kenne, betont Paulus Hochgatterer. Der Titel des Films von Francois Truffaut lautet: „Sie küssten und sie schlugen ihn“ (französischer Originaltitel: „Les Quatre Cents Coups“).

Die Handlung zeichnet den Weg des jungen Antoine nach, der in ärmlichen und lieblosen Verhältnissen bei seiner Mutter und seinem Stiefvater aufwächst. Angestiftet von Mitschülern wird Antoine durch Streiche in der Schule auffällig. Als er zusammen mit einem Mitschüler die Schreibmaschine seines Stiefvaters entwendet, um sie im Leihhaus zu Geld zu machen, dort aber nicht los wird und beim Versuch entdeckt wird, die Schreibmaschine unbemerkt zurückzubringen, übergeben ihn seine Eltern der Polizei. Später willigen sie ein, Antoine in einem Heim für Schwererziehbare unterzubringen. Antoine flieht schließlich vor den Grausamkeiten aus der Einrichtung.

Film Identität und Sprache

Für Paulus Hochgatterer ist es nicht nur ein Film über Kinder, deren Idealisierungen, Identifikationen und Strategien widrigste Umstände zu überleben, sondern auch ein Film über Sprache. 400 Coups - Streiche, die man macht und landet - seien in Anlehnung an ein französisches Sprichwort die Grundmasse für einen Kerl, einen ganzen Mann, einen echten Franzose vielleicht, interpretiert Hochgatterer den französischen Titel den Films.

Wo lernt das Kind sprechen?

Sprache beginnte in den Armen der Mutter und sei letztlich immer etwas eigenes, obwohl sie aus der Mutter-Kind Beziehung komme und auf die Kommunikation abziele, so Hochgatterer. Sprache weise weg aus der Umklammerung der Mutter und diene der Etablierung dessen, was wir so einfach und etwas großspurig „Identität“ nennen - die Idee, um einen halbwegs tragfähigen Platz in dieser Welt zu besitzen.

Kinder würdendie Welt begrifflich und syntaktisch erfassen. Die Bewältigung von Text habe also immer mit der Bewältigung der ödipalen Situation - mit Konflikt und Identifikation - zu tun.

Poetologische Zentralfragen stellen

Wenn man Kindern und Jugendlichen ihre eigene Sprache nicht raubt, nicht verstümmelt, wenn man ihnen regelmäßig die beiden poetologischen Zentralfragen „Erzählst du mir etwas?“ und „Soll ich dir etwas erzählen?"“ stellt, belohnen sie einen mit ihrer Erzählung, ermutigt Paulus Hochgatterer die ZuhörerInnen, sich um diesen Dialog zu bemühen.

Die Sprache der Jugendlichen sei auf jeden Fall frech und auf die Entwicklung von Sprache schließt Hochgatterer und bekundet seine Sympathie für die in der Jugendsprache hippen Abkürzungen, wie

BD = Brain damaged
end = einfach nur dumm
MoF = Mensch ohne Freunde
gmbh = geh mir ein Bier holen

Dieser Vortrag wurde im Rahmen des 30-Jahr-Jubiläums der Carina, dem Zentrum für Kinder-und Jugendpsychiatrie und Psychosomatik in Feldkirch - aufgezeichnet.

Zur Person :

Dr. Paulus Hochgatterer steht seit 2007 der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Tulln als Primar vor. Er ist aber auch Schriftsteller - in seinen Werken sind die Protagonisten häufig psychisch Kranke und Außenseiter. Damit spielen die beruflichen Erfahrungen des Autors als Psychiater sehr stark in sein literarisches Schaffen mit hinein.

Musik

CD Dancing Flutes: Die 14 Berliner Flötisten
Musikproduktion Davringgaus und Grimm