Focus: „Altern ist nichts für Feiglinge“

Das „Älterwerden“ ist diese Woche Thema in der „Focus“-Sendung. Prof. Dr. Ursula Lehr und Dr.Herrad Schenk erläutern ihre Sichtweisen über den Prozess des Alters und Möglichkeiten, wie damit umgegangen werden kann.

Die Sendung zum Nachhören:

Ursula Lehr: „Forever young“ - das ist Unfug!

Sendungshinweis:

„Focus“, 9.2.2012

Für die ehemalige deutsche Bundesministerin Ursula Lehr ist ein gesundes Altwerden eine doppelte Verpflichtung: einmal gegenüber sich selbst, andererseits aber auch gegenüber der Umgebung. „Wir können nicht ‚forever young‘ sein - das ist ein Unfug“, meint Ursula Lehr.

Ursula Lehr

Caritas

Prof. Dr. Ursula Lehr.

Wir leben in einer Gesellschaft des langen Lebens, was wir aber nicht als Problem sehen sollten, sondern uns darüber freuen und es als Herausforderung sehen, empfiehlt Ursula Lehr.

„Dass wir älter werden, daran können wir nichts ändern. Aber wie wir älter werden, das haben zum Teil wir selbst in der Hand.“ Es gelte, dem Leben nicht nur Jahre, sondern den Jahren Leben zu geben. Alter sei keine Krankheit. Aber je älter wir werden, umso größer sei die Wahrscheinlichkeit, krank zu werden.

Alter soll als Chance, nicht als Gefahr erlebt werden, empfiehlt sie.

"Wir brauchen soziale Kontakte

„Wir brauchen soziale Kontakte“, mahnt Professor Lehr. Und wenn wir davon sprechen, die Welt zu gestalten, dann gäbe es viele Möglichkeiten.

Es gelte, sich mit der Vergangenheit und der Zukunft zu versöhnen, und dabei aber die Gegenwart nicht aus dem Blick zu lassen.

Vollenden heißt, zu Ende bringen

„Denken wir an die Doppelbedeutung, die das Wort ‚Enden‘ hat, und die in der Verbindung mit dem Eigenschaftswort ‚voll‘ zutage tritt", so Lehr. Vollenden heiße wohl „zu Ende bringen“, aber so, dass sich darin das erfülle, worum es geht. So sei der Tod nicht das „Nullwerden“, sondern der Endwert des Lebens - etwas, das unsere Zeit vergessen hat.

Prof. Dr. Ursula Lehr hat diesen Vortrag bei den Caritasgesprächen 2011 im Bildungshaus St. Arbogast gehalten.

Herrad Schenk: Neue Perspektiven für Frauen

Es klingt wie ein Weckruf von Herrad Schenk, dass jedes zweite Mädchen, das bei uns nach dem Jahr 2000 geboren wurde, 100 Jahre alt werden wird.

Herrad Schenk

Land Vorarlberg

Dr. Herrad Schenk.

Altsein hat zunehmend mehr ein weibliches, denn ein männliches Gesicht, meint die Gerontologin und Autorin Herrad Schenk. Alle Klischees seien Quatsch, die da behaupten: Das junge Alter bedeute frei zu sein und zu tun was man wolle, während das hohe Alter nur Pflegebedürftigkeit, Einsamkeit sowie psychisches und soziales Elend bedeuten müsse.

Altern ist ein Frauenthema

Der Frauenanteil unter den Alten nimmt mit steigendem Alter immer weiter zu. Zugleich ist das Altern ein zentrales gesellschaftliches Thema: die Lebensqualität der Gesellschaft von morgen wird wesentlich davon abhängen, wie wir mit unserem eigenen Altern und mit dem der Gesellschaft umgehen, mahnt Herrad Schenk.

Altern ein Angstthema

Altern sei für die meisten, die selber noch nicht alt sind, ein Angstthema. Die heute weit verbreitete Angst vor dem Alter stehe dabei im krassen Widerspruch zur durchaus erfreulichen Lebenswirklichkeit der meisten älteren Menschen hierzulande.

Sie wolle, so Herrad Schenk, die problematischen Aspekte des Alterns nicht schön reden. Weil die Wahrscheinlichkeit so genannter „kritischer Lebensereignisse“ zunehme, sei und bleibe das Alter eine Lebensphase, in der Themen wie Loslassen, Verzicht und Abschied eine wichtige Rolle spielten.

Kulturelle Klischees vom Alter

Jugend und frühe Erwachsenenjahre sind bestimmt vom Bild der aufsteigenden Lebenslinie, von der Erwartung eines unaufhörlichen „Mehr, Höher, Größer, Schöner“ – die mittleren Lebensjahre sieht man als Plateau, das Alter als Abstieg. Die Mehrzahl junger Frauen, soweit sie überhaupt so etwas wie Lebensplanung betreiben, stellen sich das
eigene Leben höchstens bis zum 40., 45., 50. Lebensjahr vor: Ausbildung, Partnerwahl, Familiengründung, Beruf, Kinder, das
Eigenheim…..und wenn die Kinder einmal groß und aus dem Haus sind, scheint nichts Lebenswertes mehr zu kommen, dahinter liegt für die meisten ein großes graues „Einerlei“.

Medien und Alter

In den Medien sei im Zusammenhang mit dem demographischen Wandel vor allem von der Zunahme der Pflegebedürftigkeit die Rede. Im Kopf der meisten Menschen gebe es zwei beherrschende Klischees: Junges Alter bedeute „frei sein, endlich tun können, was man will“, namentlich reisen. Hohes Alter heiße hingegen „Abhängigkeit durch Pflegebedürftigkeit, Einsamkeit, psychisches und soziales Elend“.

Dr. Herrad Schenk hielt den Vortrag beim Neujahrsempfang des Landes Vorarlberg für Frauen in der Kulturbühne AmBach
in Götzis.

Zur Person: Prof. Dr. Ursula Lehr

Lehr ist eine führende Wissenschaftlerin auf dem Gebiet der Erforschung und Gestaltung des Alterns und war zeitweise eine deutsche Politikerin (CDU). Sie gründete 1986 in Heidelberg im Auftrag der das Institut für Gerontologie und 1995 das Deutsche Zentrum für Alternsforschung (DZFA). Von 1988 bis Anfang 1991 war Lehr Bundesministerin für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit.

Zur Person: Dr. Herrad Schenk

Schenk studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in Köln und York. Sie hat im Bereich Gerontologie promoviert und ist seit 1980 Schriftstellerin.

Sie schreibt Romane und Sachbücher: „Wieviel Mutter braucht der Mensch“; „Altersangstkomplex. Auf dem Weg zu einem neuen Selbstbewusstsein C.H.Beck, München“

Musik

CD Roland Härdtner`s. Swinging Maccet`s. Compact Disc