80 Jahre Anschluss: Historiker mahnt zu kritischem Blick

Am 12. März jährt sich der Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland zum 80. Mal. Der Bregenzer Historiker Werner Dreier nimmt diesen Gedenktag zum Anlass, um einen kritischeren Blick auf aktuelle soziale und politische Entwicklungen einzumahnen.

Herr Dreier, am 12. März gedenken wir des Anschlusses Österreichs an Hitler-Deutschland vor 80 Jahren. Nach so langer Zeit: Braucht es heute überhaupt noch eine solche ritualisierte Erinnerungskultur?

Werner Dreier: Da sind gleich zwei wesentliche Behauptungen drin: Erstens das Wort „Anschluss“ und zweitens das Wort „ritualisierte Erinnerungskultur“. Zuerst einmal zu dem Wort „Anschluss“: Es handelt sich vom 11. zum 12. März einerseits um eine Machtergreifung von innen, d.h. von Ministern, die bereits im Kabinett Schuschnigg drin waren, dann von Nationalsozialisten auf der Straße, also von unten, und dann eben auch von außen durch die deutschen Truppen. Der österreichische Anteil an dem Wandel von Österreich in eine nationalsozialistische Diktatur darf keineswegs vergessen werden. Und das Wort „Anschluss“ suggeriert, dass sozusagen die Außenkräfte stärker waren als die Innenkräfte.

Werner Dreier im Gespräch mit Andreas Feiertag

Das zweite ist „ritualisierte Erinnerungskultur“. Das ist ja ein Vorwurf, der durchaus häufig gemacht wird. Und dieser Vorwurf meint, da würde etwas stattfinden, was eigentlich heute keinerlei Bedeutung und keinerlei Sinn hat. Wenn wir heute mit Menschen reden, die die Zeit des Nationalsozialismus erlebt haben und die dort entweder Angehörige verloren haben oder die selbst unter den Nationalsozialisten gelitten haben, dann ist diese Zeit sehr präsent. Das heißt, wir haben einerseits eine Zeit, die 80 Jahre her ist und andererseits ganz präsent in unsere Gegenwart hereinreicht.

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Wir haben heute in Österreich immer wieder sogenannte Skandale. Wir haben gerade die Debatte um die Liederbücher der Burschenschaften gehabt, wir haben immer wieder einzelne Menschen, die im öffentlichen Leben ungute Vergleiche zum Nationalsozialismus herstellen, und wir haben auch die Rechtsextremen, die vor allem im Internet durchaus den Nationalsozialismus heute noch verherrlichen und die Verbrechen nicht anerkennen. Das heißt, auch auf dieser Ebene ist diese Zeit eine in unsere Gegenwart hereinreichende Zeit und sehr präsent. Es braucht eine Auseinandersetzung.

Wenn Sie die sozialen und politischen Verhältnisse in Österreich betrachten, die damals zur Demontage der Demokratie und schließlich dann zum Anschluss geführt haben, gibt es da Parallelen zur heutigen Zeit?

Dreier: Es gibt so eine schönen Satz: „Die Vergangenheit wiederholt sich nicht, aber manchmal reimt sie.“ Das heißt, ich glaube nicht, dass wir von Parallelen sprechen können, aber wir sollten schauen, wo es denn in unserer Gegenwart Entwicklungen gibt, Ansätze gibt, zu denen wir auf der Grundlage dieser Vergangenheit etwas sagen können. Ein ganz wesentlicher Faktor in der nationalsozialistischen Diktatur waren Zonen, in denen das allgemeine Recht, das das Individuum vor dem Staat und anderem schützt, nicht gegolten haben. Wir müssen aufpassen: Gibt es Entwicklungen, wo bei uns rechtlose oder Sonderrechtszonen beginnen würden. Und hier kann man daran denken, wie in manchen Teilen Europas Flüchtlinge behandelt werden und welche rechtliche Sicherheit flüchtende Menschen in Europa genießen, wenn sie in Europa ankommen.

Es sind noch nie so viele staatliche Schlüsselpositionen mit Burschenschaftern besetzt worden wie jetzt. Macht die aktuelle Bundesregierung damit deutsch-nationales Gedankengut wieder salonfähig oder dient sie vielleicht sogar als Steigbügelhalter für das Wiedererstarken rechter Ideologien?

Dreier: Das ist eine Frage, die jeder Staatsbürger für sich beantworten muss. Was man vielleicht sagen kann, ist: Wir haben eine Auseinandersetzung mit einem Rechtsextremismus in der Zweiten Republik durchaus schon länger. Ich würde meinen, dass es sich insofern gewandelt hat, als dass heute rechtsextreme Auftritte in der Öffentlichkeit stärker und rascher sanktioniert werden. Also wir haben, glaube ich, eine wachere Öffentlichkeit, wir haben eine stärkere Kultur der Verantwortung. Ich würde meinen: Ja, wir müssen aufpassen, wer an welche Positionen kommt.

Wie groß schätzen Sie eigentlich den Anteil der österreichischen Bevölkerung, der heute noch oder wieder im „braunen Sumpf“ herumdümpelt?

Dreier: Also ich würde schon meinen, dass es ein Unterschied ist zwischen dem, was wir als „braunen Sumpf“ der 30er Jahre begreifen würden, und dem, was wir heute sehen. Wir haben natürlich in jeder Gesellschaft Gruppen, überwiegend junge Männer, aber auch Frauen, oder auch ältere Männer, die Demokratie ablehnen, die das ablehnen, was wir demokratische oder westliche Werte oder Menschenrechte nennen würden, die gerne eine effizientere Diktatur sehen würden statt diesem komplizierten demokratischen System, das wir haben. Und wir wissen, dass es in Österreich durchaus dreißig, vierzig Prozent - je nach Umfrage - Menschen gibt, die sich so etwas wie eine stärkere Persönlichkeit, eine Führungspersönlichkeit, vorstellen können. Aber das sind Unterschiede: Die, die sich eine Führungspersönlichkeit vorstellen können und die, die im Kern Rechtsextreme sind.

Wie müsste aus Ihrer Sicht ein „Vorsorgeprogramm“ aussehen, das gegen extreme Ideologien - egal ob rechts oder links - sowie gegen eine Demontage der Demokratie schützen kann?

Dreier: Ich glaube, es gibt Anzeiger, Seismografen, die uns rechtzeitig, wenn wir dorthin schauen, zeigen können, wenn etwas Problematisches in unserer Gesellschaft passiert. Und zwar ist es im Wesentlichen der Umgang mit den Schwachen und Institutionen, die für die Schwachen da sind. Wenn wir genau hinschauen, was passiert in der Psychiatrie zum Beispiel, also hat die Psychiatrie angemessene Ressourcen, hat die Psychiatrie angemessen Personal, wie geht es den Menschen, die in psychiatrischen Institutionen sind. Das ist eine Gruppe von Schwachen, wo sich relativ schnell zeigen lässt, wenn sich eine Gesellschaft verhärtet und entsolidarisiert.

Ein weiterer Bereich sind zum Beispiel Gefängnisse. Es gibt interessante Studien über den Nationalsozialismus, wo man zuerst einmal sieht, dass sich in den Gefängnisse sehr, sehr früh entwickelt, was sich dann in anderen Bereichen des Lebens entwickelt. Also wenn die Rechte der Gefangenen nicht geschützt werden, ist es vielleicht gar nicht so weit, dass die Rechte auch von anderen Menschen nicht geschützt werden.

Und eine dritte Gruppen wären heute bei uns die Flüchtlinge. Wie geht man um mit Menschen, die keinen Schutz haben, also schutzbedürftig sind? Und wenn man mit ihnen menschlich umgeht, dann ist es hoffnungsfroh, und wenn sie in Sonderrechtssituationen gebracht werden, wenn man mit ihnen unmenschlich wird, dann wird diese Unmenschlichkeit auch in die Gesellschaft allgemein zurückschlagen.

Wenn Sie sich diese drei Gruppen in Österreich ansehen: Wie schlägt denn bei Ihnen dieser Seismograf aus?

Dreier: Ich finde zwei Bereiche sehr problematisch im Augenblick: Das sind Gefängnisse, weil da in letzter Zeit die Diskussion immer mehr in Richtung Rache und Strafe geht und weniger [in Richtung] Resozialisierung. Weil es aus den Gefängnissen immer mehr Stimmen gibt: Wir brauchen mehr Arbeit, wir brauchen mehr soziale Räume, wir brauchen mehr Personal, wir brauchen mehr Bauten - und da wenig hingehört wird.

Und der zweite Bereich ist sicher der Bereich von Flüchtlingsunterkünften, wo ja die Tendenz eher zu größeren Unterkünften geht. Also wo es eher Richtung Kasernierung geht und wo auch die Abschiebehaft ein problematischer Bereich ist, also wo Menschen, die eigentlich nicht straffällig sind, behandelt werden, als wären sie straffällig geworden. Das ist sicher ein ganz zentraler Bereich, wo es eben wichtig ist, dass wir da alle gut hinschauen, was hier passiert.

Das Gespräch führte Andreas Feiertag, ORF Vorarlberg

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