Debatte über Integration geht weiter

Nach dem knappen „Ja“ beim Verfassungsreferendum in der Türkei hat Landeshauptmann Markus Wallner (ÖVP) eine Debatte ausgelöst: Das Vorarlberger Ergebnis ist für ihn ein Zeichen gescheiterter Integration. Integrationsexperten im Land sehen das anders.

Über 70 Prozent der in Vorarlberg lebenden Türken haben sich für Erdogans Präsidialsystem ausgesprochen - für Wallner ein Zeichen, dass man wieder ganz am Anfang stehe. Mehr dazu in Wallner sieht Integration wieder am Anfang.

Integrationsexperten am Wort

Bruno Schratzer hat mit Adnan Dincer (Vorsitzender Partei NBZ), Attila Dincer (Integrationsexperte) und Eva Grabherr (Integrationsexpertin, „okay.zusammen leben“) gesprochen.

In Vorarlberg waren nicht ganz 12.000 Wähler registriert. Gut 8.000 von ihnen haben beim Verfassungsreferendum mit „Ja“ gestimmt. Die 70 Prozent müsse man aber relativieren, sagt Adnan Dincer, Voritzender der Partei NBZ: Umgelegt auf die Zahl der Türkischstämmigen, die tatächlich gewählt hätten, repräsentiere das zwölf Prozent aller im Land lebenden Türkischstämmigen.

Dincer: „Reset durchführen“

Und trotzdem: In der türkischen Community werden die Aussagen von Landeshauptmann Wallner geteilt. Man könne Wallner nur zustimmen, sagt Adnan Dincer - „Wir haben das ja schon vor einem Jahr gesagt, dass die Integrationspolitik auf Bundesebene und auf Landesebene versagt hat.“ Man müsse ein Reset durchführen und an den Tisch zurückkehren, damit man gemeinsam die Integration voranbringen könne.

„Zehn oder 15 Jahre zurückgeworfen“

Für Integrationsexperte Attila Dincer ist scheitern ein hartes Wort - widersprechen wolle er Wallner aber auch nicht: „Die Integration ist nahezu gescheitert“ - oder zumindest sei sie zehn oder fünfzehn Jahre zurückgeworfen worden. „Aber die Gründe liegen hier in Vorarlberg, nicht in Ankara.“

Integrationsexpertin Eva Grabherr sieht es nicht ganz so streng: „Ich glaube, es würde in Vorarlberg und in Österreich anders aussehen, wenn Integration in einem solchen Ausmaß gescheitert wäre, wie das jetzt heute oft im Raume steht.“ Die Menschen würden hier leben und arbeiten und ihre Bildungsprozesse machen - „langsamer als wir das alle gerne hätten, aber sie machen das.“

Konflikte bringen uns weiter"

Durch das Referendum wurde die Integrationsdebatte wieder so richtig entfacht. Für Attila Dincer ist jahrzehntelange Unzufriedenheit der Grund, warum sich viele fast nur noch für die Türkei und kaum noch für Vorarlberg interessieren würden. Eva Grabherr rät, Menschen, die für Erdogans Präsidialsystem gestimmt hätten, darauf anzusprechen und mit ihnen zu diskutieren. Sie sieht die Sache positiv: „Konflikte gehören zum Integrationsprozess dazu. Sie bringen uns sogar weiter.“