Was tun mit gewalttätigen Kindern?

Im vergangenen Jahr gab es in Vorarlberg 29 Fälle, in denen Minderjährige ihre Eltern bedroht haben. Experten sagen, solche Gewaltakte hätten oft eine lange Vorgeschichte - und raten betroffenen Eltern dazu, sich Hilfe zu holen.

Bei der Gewaltschutzstelle des Instituts für Sozialdienste (ifs) wurden im vergangenen Jahr mehr als 700 Fälle von Gewalt in der Familie verzeichnet. Bei fast zehn Prozent der Fälle sind die Kinder allen Alters gegen ihre Eltern gewalttätig geworden, 29-mal waren sie erst minderjährig. In der Mehrzahl der Fälle gehe die Misshandlung von Söhnen aus, heißt es bei der Gewaltschutzstelle.

Anzeichen schon vorher

Bei der Gewalt von Kindern gegen ihre Eltern gebe es oft schon vorher Anzeichen, sagt Anneli Kremmel-Bohle, Psychologin und Psychotherapeutin im Vorarlberger Kinderdorf. Das Problem sei, dass das Problem wachse, je älter die Kinder werden.

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Gewalt gegen Eltern

Im Beitrag sehen Sie: Anneli Kremmel-Bohle, Kinderdorf Vorarlberg.

Beim Fünfjährigen tue man das Problem noch ab, gegen ein so junges Kind könne man sich auch noch problemlos wehren. Beim Zwölfjährigen werde es dann schon kritisch, vor allem, was die Mütter betreffe, sagt die Expertin. Und beim 14-Jährigen sei es dann oft ganz vorbei, was die Wehrfähigkeit anbelangt.

Furtenbach: „Kreis des Schweigens“ durchbrechen

Ähnlich sieht das auch Ulrike Furtenbach vom ifs. Den Anfang nehme der Prozess oft schon im Alter von drei bis vier Jahren - etwa dann, wenn es den Eltern nicht gelinge, Grenzen zu ziehen. Auslöser für die späteren Gewalttaten seien oft banale Dinge - beispielsweise, dass Pubertierende dazu aufgefordert werden, ihr Zimmer aufzuräumen.

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Ulrike Furtenbach im Studiogespräch

Ulrike Furtenbach vom ifs stellte sich im „Vorarlberg heute“-Studiogespräch den Fragen von Thomas Haschberger.

Wenn es dann so weit sei, gelte es vor allem, den „Kreis des Schweigens“ zu durchbrechen, sagt Furtenbach. Die Eltern würden sich nämlich oft für ihre Situation schämen. Wichtig sei es, sich von außen Hilfe zu holen. Und auch dem Jugendlichen Hilfe und Beratung zukommen zu lassen, damit er neue, gewaltfreie Lösungsstrukturen kennenlerne.

Krisenstelle beim Kinderdorf

Das Vorarlberger Kinderdorf ist eine jener Stellen, bei der man sich Hilfe von außen holen kann. Hier hat man für Fälle, in denen Kinder gegen ihre Eltern gewaltätig werden, eine Krisenstation eingerichtet. Wenn es eskalierende Konflikte seien, sei eine Intervention zielführend, sagt Expertin Kremmel-Bohle. Dabei würden die Konfliktparteien zunächst voneinander getrennt.

Dann könne man sich in Ruhe anschauen, wie es weitergehen soll: Ob das Kind wieder zurück zu den Eltern soll, ob es eventuell eine eigene Unterbringungsmöglichkeit brauche, oder ob man der Familie eine Unterstützung zukommen lasse, damit die Situation sich nicht wiederhole.