Lebenshilfe sammelt Trinkgeld ein
Wer Trinkgeld gibt, will die Freundlichkeit, den besonderen Service eines Kellners, einer Bedienung oder Buffetkraft belohnen. Diese Auffassung vertritt die Wirtschaftskammer Vorarlberg. Eine Sichtweise, die von der Lebenshilfe Vorarlberg offenbar nicht geteilt wird.
Die Lebenshilfe betreibt 15 Schulkantinen und Betriebskantinen. Seit etwa vier Monaten wird das Trinkgeld von 35 Mitarbeitern und 20 Betreuten eingesammelt, bestätigt der Verantwortliche für die Lebenshilfe-Gaststätten, Robert Allgäuer. Manche bekämen mehr Trinkgeld als andere. Allgäuer sagt, er wolle mit seiner Vorgangsweise dafür sorgen, dass alle 55 Beschäftigten gleich viel aus der Gesamtsumme erhielten.
Eine ehemalige Mitarbeiterin berichtet, Trinkgeld werde nicht erst seit Monaten, sondern seit Jahren eingesammelt. Es komme sehr viel Geld zusammen. An einem Sonntag, mit viel Betrieb, hätten die Mitarbeiter zwischen 50 und 70 Euro eingenommen - beispielweise an einem Kiosk der Lebenshilfe im Wildpark in Feldkirch. Sie kritisiert, dass sie als Mitarbeiterin verpflichtet wurde, das Trinkgeld abzugeben. Auch die Betreuten sähen keinen Cent davon. Man habe ihr gesagt, mit dem Geld finanziere die Lebenshilfe defizitäre Standorte.
Vor wenigen Tagen äußerten auch aktuell beschäftigte Mitarbeiter ihren Unmut über das Einsammeln des Trinkgeldes. Man habe ihnen mündlich mitgeteilt, das Trinkgeld komme in eine gemeinsame Kasse und werde dann im Rahmen von Ausflügen oder Einkaufsgutscheinen an alle Beschäftigten des Kantinenbereiches aufgeteilt. Mitarbeiter geben gegenüber dem ORF an, sie seien mit der Vorgangsweise nicht einverstanden und seien auch nicht gefragt worden. Gegen einen gemeinsamen Trinkgeldtopf für die jeweilige Kantine habe man nichts einzuwenden, doch die Verteilung des Trinkgeldes auf alle 15 Betriebstätten ginge zu weit.
Art der Verteilung ist noch nicht festgelegt
Der Chef der Lebenshilfe-Gastronomie, Robert Allgäuer, räumt ein, die geeignete Form der „Trinkgeld- Verteilung“ noch nicht festgelegt zu haben. Allgäuer sagt, er denke aber an Einkaufsgutscheine für ein Dornbirner Einkaufszentrum oder für Götzis. Auch eine gesellschaftliche Aktivität käme in Frage. Allgäuer will die letzte Entscheidung über die Verwendung der Trinkgelder nach eigenem Bekunden den Beschäftigten überlassen. Die Gesamtsumme an Trinkgeld will Allgäuer nicht öffentlich preisgeben.
Sowohl in der Wirtschafts- als auch in der Arbeiterkammer bezeichnet man dieses Trinkgeld-Modell der Lebenshilfe als höchst ungewöhnlich. Arbeitsrechtsexpertin Gertrud Broger gibt zu bedenken, dass Mitarbeiter keinen Einblick hätten, wieviel Trinkgeld bei ihnen ankäme.
In der Gastronomie sei es üblich, so Arbeitsrechtsexpertin Broger, dass Arbeitnehmer Trinkgeld behalten dürfen. Der Gesetzgeber sehe auch vor, dass Arbeitnehmer für Trinkgeld Sozialversicherung zahlen müßten - im Sinne einer Trinkgeldpauschale.
Trinkgeldtopf muss vereinbart werden
Es gebe aber auch eine gerichtliche Entscheidung, wonach Vereinbarungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer zulässig seien, die Arbeitnehmer verpflichten, zumindest einen Teil des Trinkgeldes abzugeben - um es auf die gesamte Belegschaft aufzuteilen.
Auch eine Vereinbarung über einen gemeinsamen Ausflug mit dem Trinkgeld, sei zulässig. Aus dieser Entscheidung ergebe sich, dass zumindest eine Vereinbarung notwendig sei. Laut Broger werde in solchen Fällen den Mitarbeitern gesagt, dass nicht nur Service sondern auch Küche, einen Teil zur Zufriedenheit der Kunden beitrügen und vom Trinkgeld profitieren sollten.
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Arbeitsrechtsexpertin Gertrud Broger, Arbeiterkammer Vorarlberg, im Interview mit ORF-Redakteurin Christiane Schwald.
Wirtschaftskammer betont Einzelleistung
Die Höhe des Trinkgeldes sei vor allem von der Persönlichkeit des Mitarbeiters abhängig, heißt es in der Wirtschaftskammer. Besonders freundliche Mitarbeiter erhielten mehr Trinkgeld als andere. Unterschiede im Trinkgeld seien durchaus normal.
Wagner: Mitarbeiter haben zugestimmt
Die Geschäftsführerin der Lebenshilfe, Michaela Wagner, hat sich am Montag ebenfalls zu Wort gemeldet. Man habe alle Mitarbeiter kontaktiert. Ihr sei keine einzige negative Gegenstimme bekannt. Das neue System sei mit Jahresbeginn eingeführt worden. Es sollte - laut Wagner - zu mehr Gerechtigkeit und Transparenz führen. Über den Einsatz des Geldes würden die Mitarbeiter entscheiden. Sollte Kritik laut werden, sei die Lebenshilfe als lernfähige Organisation zu Korrekturen bereit, so Wagner. Die Lebenshilfe betrachte Trinkgeld-Einnahmen auch als Spende für die Betreuten.
Gewerkschaft bezeichnet Lebenshilfe-Modell als ungewöhnlich
Gerhard Furtner von der Gewerkschaft „vida“ sagt, die Verteilung eines Trinkgeldtopfes auf alle Standorte eines Unternehmens kenne er so nicht. Das Modell sei sehr ungewöhnlich für die Gastronomie. Über Vereinbarung sei ein gemeinsamer Topf für eine Kantine legitim, wenn die Belegschaft sage, man wolle an einem Strang ziehen, so Furtner.
Publiziert am 27.08.2012

