Missbrauch: Heimgeschichte aufarbeiten

185 Personen aus Vorarlberg und 285 aus Tirol haben sich bisher bei den Opferschutzkommissionen der beiden Länder gemeldet, Opfer von Gewaltpraktiken in früheren Erziehungseinrichtungen gewesen zu sein. Eine wissenschaftliche Studie soll nun helfen, die Heimgeschichte aufzuarbeiten.

Wie sehr mussten Mädchen und Buben tatsächlich unter ihren Erzieherinnen und Erziehern, unter Betreuern, Lehrern und Ärzten leiden? Schläge, sexuelle Übergriffe, Pychoterror, Quälereien, all diese Dinge haben in den Heimen von Tirol und Vorarlberg stattgefunden. Das ist eine Tatsache, eine, die man nicht verschleiern sollte, unterstreicht Landesrätin Greti Schmid (ÖVP) bei einer Pressekonferenz in Tirol.

Eine gemeinsame Studie für Tirol und Vorarlberg geht den offenen Fragen nach. Die Geschichte der Erziehungsheime in der Zweiten Republik ist unter der Leitung der Innsbrucker Erziehungswissenschaftlerin Michaela Ralser von der Uni Innsbruck erstellt worden. Im Auftrag der beiden Landesregierungen von Vorarlberg und Tirol sollten die historischen Fakten zu Berichten geliefert werden, die seit zwei Jahren Österreich erschüttern.

Opfern wird Entschädigung in Aussicht gestellt

Im Jahr 2010 sind die Vorwürfe erstmals aufgetaucht: Berichte über Misshandlungen, über sexuellen und psychischen Missbrauch von Kindern in Heimen, Berichte von Betroffenen. Seitdem werden immer neue Fälle und Details bekannt. Tirol und Vorarlberg wollen die Fälle aufarbeiten und die Opfer entschädigen, mit dem Bekenntnis zur Verantwortung und auch mit der wissenschaftlich-historischen Aufarbeitung, sagt Tirols Soziallandesrat Gerhard Reheis (SPÖ).

Mündel- und Jugendwohlfahrtsakten, Heimunterlagen, Berichte der Vormundschaftsgerichte, Personal- und Krankenakten - all diese Quellen haben die Wissenschafter für ihre Studie herangezogen. Wobei die Aktenlage in der Vorarlberger Landeserziehungsanstalt Jagdberg in Schlins besonders umfangreich und aussagekräftig ist, betont am Montag die Innsbrucker Erziehungswissenschafterin Michaela Ralser.

Heime haben Entwicklung verschlafen

Insgesamt könne man feststellen: Heime und Erziehungseinrichtungen seien bis in die 80er Jahre der nötigen Entwicklung weit hinterhergehinkt, ausreichende Kontrolle seitens der Politik und anderer Aufsichtsorgane habe es nicht gegeben. Mit den Erkenntnissen der Studie sollen jetzt weitere historische Aufarbeitungen stattfinden: vor allem im Vorarlberger Jagdberg und in den Tiroler Heimen Bubenburg und St. Martin in Schwaz sowie in der einstigen pychiatrischen Kinderbeobachtungsstation.