Bilanz: Vier Jahre neue Mittelschule
Bewährt haben sich neue Wege in der Pädagogik. Beim Teamteaching stehen in den Hauptfächern Mathematik, Deutsch und Englisch fast immer zwei Lehrer in der Klasse. Die Schüler sind nicht mehr in drei Leistungsgruppen unterteilt, sondern werden gemeinsam in Kleingruppen unterrichtet. Dadurch kann der Schwächere vom Leistungsstärkeren lernen, sagt der Direktor der neuen Mittelschule Rheindorf in Lustenau, Gerd Neururer. Sowohl die Starken als auch die Schwächeren könnten optimal gefördert werden. „Die Kinder sind, was ihr Sozialverhalten betrifft, ruhiger geworden, es hat sich vieles entspannt“, sagt Direktor Neururer.
Die Lehrer sind mehr Stunden in der Klasse und hätten dadurch mehr Zeit für individuelle Gespräche.
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Die Landeschulinspektorin für die Pflichtschulen, Karin Engstler, findet, dass die Schüler jetzt mehr zur Selbstständigkeit erzogen werden.
Eine positive Bilanz zieht auch Schullandesrat Siegmund Stemer (ÖVP). Die Entwicklung gehe in die richtige Richtung, die Schulteams arbeiteten sehr engagiert und der Vorsitzende der Personalvertretung der Pflichtschullehrer, Armin Roßbacher (SPÖ), findet, dass die Lehrer durch die Vorbereitungen zu zweit entlastet werden.
Verbesserungen stehen an
Die Neigungen und Talente jedes einzelnen Kindes sollten noch stärker als bisher angeschaut und gefördert werden, sagt der Schullandesrat. Für ihn ist die neue Mittelschule noch lange nicht am Ende der Entwicklung angelangt. Die neue Form des Unterrichtens müsste flächendeckend in allen neuen Mittelschulen umgesetzt werden. Das Teamteaching muss verfeinert und die Verschränkung der Zusammenarbeit zwischen den neuen Mittelschulen und den Gymnasien intensiviert werden, sagt Stemer.
Elternvertreterin Monika Hilbrand hat die Erfahrung gemacht, dass viele Eltern noch zu wenig über die neue Mittelschule Bescheid wissen, verunsichert sind und viele Fragen haben. Sie fordert, dass noch stärker informiert wird.
Forderung nach gemeinsamer Schule
Mittelschuldirektor Gerd Neururer und Personalvertreter Armin Roßbacher (SPÖ) sind davon überzeugt, dass es an der Zeit ist, die gemeinsame Schule aller 10- 14 Jährigen einzuführen. In Vorarlberg besuchen rund drei Viertel der Kinder nach der Volksschule die neue Mittelschule, ein Viertel das Gymnasium. Wären auch diese Schüler in den Klassen, hätte dies einen äußerst positiven Effekt, sagt Direktor Neururer.
Armin Roßbacher kritisiert, dass eine große Chance vergeben wurde. Die ÖVP habe sich durchgesetzt, die neue Mittelschule sei keine Alternative zum Gymnasium und die frühe Entscheidung für eine Schullaufbahn sei ein Stress für Kinder und Eltern.
Landesschulinspektorin Karin Engstler meint zu dieser Frage: " Ich denke, dass wir in der Zukunft darauf schauen müssen, dass alle Kinder miteinander aufwachsen." Möglicherweise werde es aber erst in zwanzig Jahren zu einer gemeinsamen Schule kommen.
Gerhard Rüdisser von der Bildungsgewerkschaft kritisiert, dass eine Trennung der Kinder mit neuneinhalb Jahren viel zu früh ist. Die Lehrer stünden unter gewaltigem Erfolgsdruck, hätten aber keine idealen Voraussetzungen, weil ihnen die guten Schüler fehlten.
Österreich noch nicht reif für die gemeinsame Schule
Schullandesrat Siegmund Stemer entgegnet, dass Österreich für die gemeinsame Schule nicht reif sei. Die Spitzen der Bundesregierung müssten einige Themen klar legen, da fehle ihm die Führung. "Wir brauchen ein modernes Dienstrecht und ein besseres Gehaltssystem, eine moderne Pädagogenausbildung“, sagt Stemer. Die Lehrer müssten lernen Talente und Schwächen der Kinder besser zu erkennen und damit umzugehen. "Wir haben auch deutlich zu wenig Lehrer für eine gemeinsame Schule“, sagt Stemer. Um die große Bandbreite von Schülern einer gemeinsamen Schule in einer Klasse optimal unterrichten zu können, wären 2,5 Lehrer pro Klasse in den Hauptfächern nötig, rechnet Stemer vor. Angesichts des Lehrermangels sei dies nicht zu schaffen.
Neuerungen Mittelschuljahr 2012/2013
Im Herbst gibt es die Leistungsgruppen definitiv nicht mehr. In den dritten und vierten Klassen der neuen Mittelschulen werden die Kinder nach einem neuen Notensystem beurteilt. Kinder, die in den Hauptfächern den vertiefenden Stoff schaffen, erhalten die Noten 1 oder 2, Kinder, die lediglich den grundlegenden Lernstoff können, die Noten 3 bis 5. Die Lehrer und Direktoren werden in diesen Tagen darüber informiert.
Daneben gibt es ein verpflichtendes Eltern-Lehrer- Schüler Gespräch, weitere zusätzliche Formen der verbalen Beurteilung kommen dazu. Auch Buben werden in textilem Werken unterrichtet. Neu ist auch das Pflichtfach Berufsorientierung. Die Stunden für Ernährung und Haushalt werden gekürzt, geometrisch Zeichnen ist kein Pflichtfach mehr.
Landesschulinspektorin Engstler bedauert, dass die Stundentafel für die neue Mittelschule nicht neu aufgesetzt, sondern an die Gymnasien angepasst wurde. "Man hat nicht darüber nachgedacht, welche Schulfächer Kinder in diesem Alter brauchen“, sagt Engstler. Das Teamteaching (zwei Lehrer unterrichten in den Hauptfächern) soll vorarlbergweit intensiviert werden.
In 51 ehemaligen Hauptschulen wird nach dem Mittelschulsystem unterrichtet. Vier Hauptschulen werden im übernächsten Schuljahr umstellen. Im Herbst werden knapp 3.000 Volkschüler die neue Mittelschule besuchen, 40 Prozent hätten die AHS Reife. Knapp 1.000 Kinder werden ein Vorarlberger Gymnasium besuchen. Heuer mussten weniger Kinder als vor einigen Jahren, nämlich 33, abgewiesen werden.
Publiziert am 26.06.2012

