„Tiefste Lebenswunden sind Beziehungswunden"

Die Philosophin, Theologin und Buchautorin Melanie Wolfers spricht in Focus über das Thema: „Die tiefsten Lebenswunden sind Beziehungswunden. Von Opferrollen, vom Vergeben und Aussöhnen."

Keine Katze mit sieben Leben,
keine Eidechse und kein Seestern
denen das verlorene Glied
nachwächst,
kein zerschnittener Wurm
ist so zäh wie der Mensch
den man in die Sonne
von Liebe und Hoffnung legt.
Mit den Brandmalen auf seinem Körper
und den Narben der Wunden
verblasst ihm die Angst.
Sein entlaubter
Freudenbaum
treibt neue Knospen,
selbst die Rinde des Vertrauens
wächst langsam nach.

(Hilde Domin)

Sendehinweis:

„Focus" – Themen fürs Leben bei ORF Radio Vorarlberg
Samstag, 14. Oktober 2017, 13.00 bis 14.00 Uhr

Johannes Schmidle befasst sich in dieser „Focus“-Sendung mit dem Kern einer Kränkung, die da liegt, wo sie unseren Selbstwert angreift und uns schwächt: „Wer sich auf den inneren Weg zurück zur Kränkung macht, der wird bemerken, dass innere Gefühle wie Angst, Wut, Scham oder Hass spürbar werden“, sagt die Theologin, Philosophin und Buchautorin Dr. Melanie Wolfers.

Die Sendung zum Nachhören:

Seit 17 Jahren ist Melanie Wolfers in der Seelsorge tätig, insbesondere mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen: Die tiefsten Lebenswunden würden mit Absicht, aus Versehen, bewusst oder unbewusst zugefügt, betont Wolfers. Kein Lebensbereich scheine davon ausgenommen zu sein. Nehmen wir nur das Berufsleben, wo man gekränkt werden kann, wenn man unfair kritisiert oder entlohnt wird. Auch das Leben im Freundeskreis und in der Nachbarschaft halte jederzeit Kränkungserfahrungen bereit. Vertrauliches wird weitererzählt oder Konkurrenz und Neid führten zu bösen Gerüchten.

Versöhnungskultur kann helfen

Am meisten verletzt werde man in Beziehungen, die für einen bedeutsam und emotional wichtig sind. Je größer das Vertrauen zu jemandem, umso näher lasse man jemanden an sich heran. Eine Versöhnungskultur helfe einem, mit den kleineren Blessuren des Alltags zurechtzukommen. „Da hilft es auch, solche Dinge nicht zu wichtig zu nehmen, eine Nacht darüber zu schlafen, auch damit zu rechnen, dass man einen schlechten Tag haben kann oder eventuell gedankenlos gehandelt hat.“

Focus Melanie Wolfers
Herder Verlag

Wir machten alle Fehler und bedürfen der Nachsicht, sagt Melanie Wolfers. Das Leben füge aber auch Wunden zu, für die die normale Versöhnungskultur nicht ausreiche. Die Wunde, die möglicherweise aus der Kindheit stamme oder eine schwere Kränkung, die sich nicht auf die leichte Schulter nehmen lasse. „Kränkungen können krank machen. Und dabei verlieren Menschen Stück für Stück ihre Leidens- und Liebesfähigkeit“, so die Theologin.

Innerliche Aussöhung bringt Frieden

Wenn man auf Dauer mit dem im Streit liege, was einem widerfahren ist, mit einem Teil der eigenen Geschichte, dann verdunkle sich der Lebenshorizont. „Wer Frieden schließt, findet zu neuer Lebendigkeit und zu Freude“, betont Melanie Wolfers. Es hänge davon ab, ob wir uns auf den Weg der inneren Versöhnung machen. Wer Verzeihung und Versöhnung im Inneren vorfinden kann, der lässt schrittweise los und befreit sich von dem, was ihm angetan wurde. Wunden könnten sich so in neue Lebensmöglichkeiten verwandeln.

Verzeihen beruhe auf einem freien Entschluss, und führe in eine neue Freiheit. Und Wolfers ergänzt: „Wer sich innerlich aussöhnt, wird freier vom Ballast der Vergangenheit. Da kann etwas heilen und sich innerer Friede ausbreiten.“

Zur Person:

Dr. Melanie Wolfers gehört der Gemeinschaft der Salavtorianerinnen in Österreich an. Sie stammt aus Flensburg/Norddeutschland. Die Theologin und Philosophin promovierte in theologischer Ethik. Sie war Dozentin für Philosophie und als Studentenseelsorgerin in München tätig, ehe sie 2004 in den Orden in Wien eintrat.

Wolfers leitet IMPULSLEBEN, das Angebote zu Spiritualität und Lebensorientierung macht. Sie ist eine der renommiertesten Autorinnen geistlicher Bücher im deutschsprachigen Raum.

Literatur:

Melanie Wolfers, Die Kraft des Vergebens. Wie wir Kränkungen überwinden und von neuem lebendig werden. Herder.

Melanie Wolfers, „Freunde fürs Leben. Von der Kunst, mit sich selbst befreundet zu sein“. adeo Verlag.

Musik:

Michal Svoboda- guitar
„La Busqueda“- Barrios Llobet works for guitar
Verlag: Arcodiva.cz.

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