„Onlinesüchtig - verfangen im Netz"

Dr. Kurosch Yazdi und Dr. Michael Kaess sprechen in „Focus“ über das Thema Internetsucht.

Sendehinweis

„Focus" - Themen fürs Leben bei ORF Radio Vorarlberg
Samstag, 11. März 2017, 13.00 – 14.00 Uhr
Donnerstag, 16. März 2017, 21.00 – 22.00 Uhr (WH)

Dr. Kurosch YAZDI

Vorstand der Klinik für Psychiatrie mit Schwerpunkt Suchtmedizin Kepler Universitätsklinikum, Linz

Kein Familienleben, kein Schulbesuch, keine Lehrausbildung, keine Kontakte nach außen: Es ist der Verlust des psychosozialen Gefüges, den jemand erlebt und erleidet, wenn er krankhaft in seiner virtuellen Welt gefangen bleibt.

Focus zum Nachhören

Dieser Mensch meint, er sei ja gar nicht einsam, weil er ständig im Netz mit jemandem in Kontakt ist. Prim. Dr. Yazdi schildert den Fall eines twittersüchtigen 17-jährigen Mädchens, das 18 Stunden pro Tag getwittert hat. Alle 20 Sekunden hat sie für ihre Follower einen Tweet abgesetzt, mit den größten Alltagsbanalitäten. Yazdi ergänzt: „Krank ist der, der es sich durch sein Verhalten unmöglich macht, ein normales Leben zu führen.“ Bei Online-Spielen kommen Phänomene wie Gruppenzwang und Gruppendruck ins Spiel. Spieler sitzen zwar alleine in ihrem Zimmer, sie spielen aber nicht alleine, sondern sind vernetzt mit anderen. Es wird in dieser Sendung auch die Rede von Online-Ego-Shootern und Pornografie-Süchtigen sein. Süchtig mache, was leicht verfügbar ist, sagt der Suchtexperte und das treffe auch auf Internet-Pornografie zu.

Ein großes Problem ist auch die Co-Abhängigkeit. Wenn Mütter die Internet-Sucht der Kinder unterstützen. „Der Jugendliche kann das Spiel nicht unterbrechen und die Mutter serviert das Essen ins Zimmer.“ Die Suchtvariante ist, dass junge erwachsene Männer über Jahre nicht mehr mit der Familie gegessen haben.

Dr. Michael Kaess

Geschäftsführender Oberarzt Kinder- und Jugendpsychiatrie Universitätsklinikum Heidelberg

Das Internet ist deshalb so suchterzeugend, weil es eine ideale Welt ist, sagt Dr. Michael Kaess. Kaess arbeitet in einer Ambulanz für Risikoverhalten und Selbstschädigung. Er spricht nach mehreren Studien in europäischen Ländern über Prävalenz, die Krankheitshäufigkeit, von pathologischer Internetsucht im Jugendalter. Sie liegt zwischen vier bis fünf Prozent im Alter von 15 Jahren, wobei diese Zahlen deutlich steigend sind. Das rasante Wachstum der Verfügbarkeit von Internet führe zu einer Steigerung der Internetsucht. „Wenn wir über die Jugendlichen reden, die internetsüchtig sind, dann ist das keine Bagatelle, sondern die sind ziemlich krank", sagt Kaess. Sie leiden häufiger unter Depressionen, unter Angstzuständen, haben aber auch häufiger Aufmerksamkeitsstörungen.

Die reale und die virtuelle Welt überlappen sich; sie werden auch in Zukunft bleiben. „Man muss Jugendlichen helfen, ihre Probleme in der realen Welt zu verstehen und ihnen bei deren Bewältigung zu helfen; da gibt es einen Zusammenhang mit der Onlinesucht“, sagt Michael Kaess.

Person:

Kurosch Yzadi, Prim. Dr., Vorstand der Klinik für Psychiatrie mit Schwerpunkt Suchtmedizin
Er studierte Medizin und absolvierte eine Facharztausbildung für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin, ehe er sich auf Suchterkrankungen mit Schwerpunkt Verhaltenssüchte wie Online-Süchte und Glücksspielsucht spezialisierte. Yazdi ist verheiratet und hat ein Kind.

Michael Kaess, Dr., Geschäftsführender Oberarzt der Klinik
Leiter der Sektion „Translationale Psychobiologie in der Kinder- und Jugendpsychiatrie“

Literatur:

Kurosch Yazdi, Junkies wie wir. Spielen, Shoppen, Internet. weas uns undusnere Kinder süchtig macht. edition a.

Paul Eiselsberg. SocialMediaRevolution: Die Auswirkungen der neuen Kommunikationswelten auf die Gesellschaft und Wirtschaft in Österreich.
Trauner Verlag .

Musik:

T:"Fünfer für Luggi"
CD Eing`spielt und Zammg`spürt
Maria und Gottfried Jaufenthaler
AMUSI

T:Song for my father
CD „Viaggiando"
Rosario Bonaccorso

T:Body and Soul
Tony Bennet and Amy Winehouse

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