„Das perfekte Kind: Wider den Anforderungswahn"

Der Anforderungsdruck auf Eltern ist heute gewaltig. Gleichzeitig stellt sich oft die Frage: Was ist richtig? Eltern sind ständig herausgefordert, entscheiden, coachen oder sorgen zu müssen. Christane Kohler-Weiß spricht über die Herausforderungen des Eltern-Seins.

Sendehinweis:

„Focus“, 11.8.2016, 13.00 bis 14.00 Uhr, ORF Radio Vorarlberg (WH vom 26. März 2011)

„Ein perfektes Kind, wer wünscht sich das nicht“, fragt Dr. Christiane Kohler-Weiß einleitend. „Eltern wollen es richtig machen, natürlich“, bestätigt sie elterliche Befindlichkeit und Wahrnehmung.

Die Sendung zum Nachhören

Ein perfektes Kind

Welche Eltern hätten nicht gerne ein „perfektes Kind“: es ist „gesund, intelligent, hübsch, charmant, kreativ und später dank der Erziehung höflich, es spielt ein Instrument, ist fröhlich, kann sich gut selbst beschäftigen und stört nicht. Es ist beliebt, hat viele Freundinnen und Freunde, ist sportlich, selbstbewusst, durchsetzungsfähig“ umschreibt Kohler-Weiß die Eigenschaften. Die Wunschträume hätten viel mit den Sehnsüchten zu tun, aber nichts mit der Wirklichkeit.

Kind - Sein hat sich sehr verändert

Schon die Schwangerschaft habe sich durch die Pränatal-Diagnostik verändert. „Früher konnte man nicht wissen, was aus dem Bauch herauskommt. Heute gibt es permanente Kontrollen und mit jedem Kontrollschritt werden Eltern vor Entscheidungen gestellt. Diese entscheiden über Tod oder Leben eines Kindes“ sagt Kohler-Weiß.

Focus Christiane Kohler-Weiß
ORF
Christane Kohler-Weiß

Sowohl die Veränderungen in der Schwangerschaft, bei der Familienplanung, bei der Fruchtbarkeitsverlängerung habe Kinder immer mehr zu einem Produkt unseres Planens gemacht. Dadurch sei die Planungsaspekt ist viel stärker im Vordergrund.

„Wir behandeln Kinder nicht mehr so sehr wie einen freien Menschen, sondern mehr wie ein Produkt. Die Logik von der Herstellung von Produkten ist, dass das Produkt dem Modell entsprechen soll, das man sich am Anfang gemacht hat. Die Logik dieses Produktdenkens sind ständige Qualitätskontrollen und der Ausschuss der nicht einwandfreien- Produktionsware.“ fasst die Theologin Kohler -Weiß die Veränderungen zusammen. Dieses Denken habe unsere Wahrnehmung von Kindern verändert.

Bild von Zukunft hat sich verändert

Früher sei klar gewesen, wenn man sich anstrengt und nicht völlig aufs Hirn gefallen ist, dann wird man`s im Leben zu etwas bringen. „Bildung lohne sich und Anstrengung“, ergänzt Kohler-Weiß.

„Je mehr Eltern den Eindruck haben, ihren Kindern keine vielversprechende Zukunft in Aussicht stellen zu können, desto mehr empfinden sie den Druck dafür sorgen zu müssen, dass ihre Kinder das Beste aus sich herausholen, damit sie später im allgemeinen Konkurrenzkampf bestehen können und der allgemeinen Katastrophe möglichst entgehen“.

Was sind gute Eltern?

Kohler -Weiß formuliert 15 Thesen. Eine der wichtigsten ist, dass gute Eltern Hoffnung für ihr eigenes Kind haben. Ohne Hoffung, Liebe und dieses Zutrauen der Eltern in die Kinder sowie die Erziehungskompetenz gebe es keine gesunde Entwicklung. Hoffnung zu haben sei vielleicht die schwierigste Aufgabe, die an Eltern gestellt sei. Eltern hätten zur Geburt ihres Kindes JA gesagt und müssten dieses JA immer wieder neu durch-buchstabieren.

Zur Person:

Dr. Christiane Kohler Weiß ist verheiratet, Mutter von drei Kindern, Theologin; als Pfarrerin leitet sie gemeinsam mit ihrem Mann die evangelische Gemeinde in Meckenbeuren (BRD).

Literaturhinweis:

Das perfekte Kind-eine Streitschrift gegen den Anforderungswahn. Herder Verlag

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