„Wege aus der Sackgasse"

Psychotherapeutin und Supervisorin Dr. Bärbel Wardetzki spricht in Focus über „Wege aus der Sackgasse von Kränkung und Verbitterung“.

Die Sendung zum Nachhören

Sendehinweis

„Focus“, 30.7.2016
Text von Johannes Schmidle

„Das einzig Beständige ist der Wandel“ (Heraklit)

Wir Menschen sind ein Leben lang herausgefordert, uns permanent mit Veränderungen auseinanderzusetzen. Viele bemerken wir gar nicht. Unser Körper ist dabei, seine Zellen zu erneuern und sich innerlich zu verändern. Wir altern langsam vor uns hin und merken das auch gar nicht. Unsere Wünsche und Einstellungen verändern sich, unsere Wohnungen werden zu groß oder zu klein; d.h. wir sind in einem permanenten Wandlungsprozess und die laufen so ab, dass wir uns nicht groß damit auseinandersetzen müssen.

Alles NEUE macht Angst

Wir unterliegen derzeit auch großen gesellschaftlichen Veränderungen, unter denen wir manchmal sehr vielmehr leiden.
Die Finanzkrise, die vielen Flüchtlinge, die in großer Zahl zu uns kommen, die wir gar nicht alle aufnehmen und geschweige denn integrieren können. Das NEUE nimmt uns das Handwerkszeug, das wir zur Hand haben, aus der Hand. Von daher sind wir gehalten, alles bitteschön, beim Alten zu belassen. Wir lieben auch immer lieber das Leiden, das uns bekannt ist. Wardetzky nennt es „das gemütliche Elend“, von dem wir wissen, wie und dass es passiert.

Keiner geht ohne Umbrüche und Erschütterungen durchs Leben

Wir Menschen möchten die Kontrolle behalten und Einfluss nehmen können. Viele Wandlungsprozesse lösen in uns deshalb so viel Ängste aus, weil wir uns nicht mehr als Handelnde erleben und uns ausgeliefert fühlen. das sind Themen, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen.

Verbitterung Kränkung sind Sackgassen und die Frage ist, wie kommen wir darüber hinaus.
Letztlich sollten sie überwunden und Veränderungen sollen positiv gemeistert werden können, auch wenn sie schwierig sind.

Veränderungen - die Chance fürs Leben

Manchmal hat ein anfänglicher Umbruch etwas Schmerzliches. Umbruchsituationen bringen uns oft auch weiter. Manchmal kommen die Dinge von außen die man selbst gar nicht mitbestimmt. Diese Erfahrungen sind wichtig, um die nächste Herausforderung anzunehmen.

Flüchtlinge - Neiddebatte

Wir erleben Wandlungs-und Umbruchsprozesse als Kränkung und Beeinträchtigung unseres eigenen Lebens. Bei den Flüchtlingen heißt es oft, die nehmen uns was weg oder wir müssen etwas hergeben." Wir richten eine Situation, die gar nichts mit uns zu tun hat, gegen uns." Kränkungsreaktionen sind verbunden mit einer tiefen Verunsicherung. Umbrüche lösen Ängste, Verwundungen früherer Art aus. Kränkungen sind immer eine Selbstwertkrise. Wir kippen dabei gerne in einen Minderwertigkeitskomplex.

Die Kränkung wird zum Problem, wenn wir darin stecken bleiben. Dann lösen wir das Problem nicht, sondern dann laufen wir mit einer erneuten Selbstwertverletzung durchs Leben.

Kränkung - Opfer oder Wut

Aus Kränkungen resultieren zwei verschiedenartige Verhaltensweisen:
Das eine ist das leidvolle Opferdasein:
wir setzen uns in die Ecke und lecken unsere Wunden.
Oder wir gehen in den Kampfmodus: aus der Wut wird Hass. Wir wollen eine Situation ausradieren, und den Anderen vernichten. Dadurch verlieren wir den Kontakt zu uns und zum Anderen. Wir sind nicht mehr mit unserer Lebensenergie und den Lebensmöglichkeiten verbunden. Wir können nicht mehr klar denken, wir sind völlig überschwemmt von diesen Kränkungsgefühlen und dem Ausgeliefertsein. Wir können nicht mehr überlegen, welcher Weg der beste wäre, um ein Problem zu lösen. Wir sind nur noch mit dem Kränkungsgefühl verbunden.

Wir spüren nicht mehr was uns guttut und was wir brauchen; wir spüren nicht mehr, dass wir Trost brauchen und Menschen, die uns Mut machen.
Das Ziel ist aber sich nicht die Identität rauben zu lassen, sondern die Schwere von sich wegzunehmen und sich in etwas Neues hineinzuwagen.

Was macht Veränderung so schwierig?

Warum bleiben wir in der Verbitterung? Jede Kränkung setzt an einer alten verwundeten Erfahrung an, wo wir gar nicht mehr wissen, was damals passiert ist. Zum Beispiel der Verlust von Menschen früher und der Verlust eines Menschen jetzt. Es wäre die Chance alte Dinge aufzuarbeiten um die gegenwärtige Situation nicht zusätzlich zu belasten.

Traumata- Ich schaffe es alleine nicht

Veränderungssituationen können alte traumatische Gefühle hervorrufen, hauptsächlich die der Bedrohung. Diese Veränderungen können uns mit der alten Bedrohung in Berührung bringen. Wir kommen in Berührung mit der lebensbedrohenden Angst. das kann uns nicht mehr handlungsfähig machen. Wir werden vielleicht sogar therapiebedürftig. Man kann mittels der Traumatherapie durch diese Bedrohungsgefühle durchgehen.
Am Lösen von Problemen hindern uns Kränkungsgefühle, Selbstwertgefühle, Traumata und gelernte Hilflosigkeit sowie Handlungsunfähigkeit.

Wandlungsfähigkeit oder

„Das Leben gibt dir Zitronen, mach` Limonade daraus“ ==

Veränderungssituationen sind wie Zitronen- Beißt man hinein, wird`s richtig sauer und ekelig.
Ich kann die Zitrone - Zucker und Soda hinzufügen und dann wird es ein gutes Getränk. Es ist eine andere Sicht: was kann ich aus der Zitrone machen? Ich kann kreativ sein.
Was gibt es für Möglichkeit, um mit der Zitrone umzugehen?

Wandlungsfähigkeit als die aktive Anpassung an sich verändernde Bedingungen.

Man kann aus der Zitrone keine Orange machen und man kann nicht alle Zitronenbäume fällen. Wir müssen flexibel sein und uns anpassen an das was ist.
Die Widerstandphase meint, man klammert sich an das Alte. Wir erstarren und wehren uns gegen Veränderung.

Die Chaosphase, hier wird`s heftig und da kommt alles hoch. Da kommen Trauma-Gefühle und die Angst, Wut, Rachegefühle.

Man rutscht bis zum Tiefpunkt und langt am österlichen Prinzip von „stirb und werde“ an.

Tiefpunkt bedeutet : ich bin es leid zu leiden. Es ist der Punkt der Umkehr. Hergeben, was mir bis jetzt sehr lieb war und sterben lassen, um etwas Neues zu bekommen.

Man bekommt Einsicht in den Sinn des Ganzen.
Wir greifen nach dem Neuen. Wir bekommen ein Gefühl für das, was da kommen soll. Hier passiert Wachstum und Stärkung der Persönlichkeit, und wir gehen durch traumatische Gefühle. Jetzt habe ich die Bedrohung überwunden. Das ist dann ein Zuwachs. Durch Veränderungsprozesse können wir etwas dazu gewinnen, für uns und unser Leben.

Therapien, die helfen

Ich muss bei mir beginnen, ist die erste Erkenntnis.
Wir brauchen emotionale Intelligenz; dass ich meine Gefühle spüre, benenne und dass ich sie aushalte. Gefühle bringen uns nicht um, aber das, was wir tun, um sei nicht zu spüren, das kann uns umbringen. Alkohol, Sucht, Depression.
Wir können Selbstwirksamkeit entwickeln, um etwas zu bewirken, wir können uns an ähnliche Situationen im früheren leben erinnern. Die Erinnerung spielt dabei eine wichtige Rolle.
Selbstwirksamkeit (RESILIENZ) meint, dass mein Einfluss zu einem guten Ergebnis kommen kann. In stressigen, schwierigen Stress-Situationen, mit ihnen aus eigener Kraft gut umzugehen.

Zur Person:

„1952 wurde ich in Berlin geboren und zog mit 10 Jahren mit meinen Eltern und meiner großen Schwester nach München....
Nach dem Abitur studierte ich Pädagogik und Psychologie, die ich mit dem Magister Artium und dem Diplom abschloss. 1981 begann ich bei Miriam und Erving Polster in La Jolla, Kalifornien, meine Ausbildung in Gestalttherapie. In diesen Wochen des Kompakttrainings machte ich tief greifende Erfahrungen, die einen langen Weg der persönlichen Entwicklung einleiteten.
Von 1983 bis 1992 arbeitete ich als Psychotherapeutin in der psychosomatischen Klinik in Bad Grönenbach, einem Ort, an dem ich sowohl professionell als auch persönlich viel lernte. Dort beschäftigte ich mich mit Sucht, speziell Ess-Störungen und narzisstischen Persönlichkeitsstörungen.
1989 schrieb ich meine Dissertation über Ess-Störungen und Weiblichen Narzissmus, die die Grundlage für mein Buch „Weiblicher Narzissmus - Der Hunger nach Anerkennung“ bildete, das 1991 erschien und zu einem großen Erfolg wurde. Es folgten weitere Bücher über Ess-Störungen, Narzissmus und Kränkungen. Grundlage der Bücher sind im Wesentlichen die Erfahrungen aus meiner psychotherapeutischen Praxis, die ich seit 1992 in München führe.
Meine psychotherapeutische Arbeit umfasst die Begleitung von Menschen mit gestörtem Essverhalten, speziell Bulimie, mit Beziehungsproblemen und Kränkungserlebnissen am Arbeitsplatz und in privaten Kontexten. Des Weiteren geht es um narzisstische Themen und die Hilfe in Krisensituationen.“

Homepage:

baerbel-wardetzki.de

Literatur zur Sendung:

Bärbel Wardetzky.Nimm´s bitte nicht persönlich. Kösel-Verlag

Musik:

CD* FEDERSPIEL LIVE IM WIENER MUSIKVEREIN
T* Morsen LIVE

S: Federspiel
A: Matthias Werner
A: Simon Zöchbauer
A: Philip Haas
A: Ayac luan Jimènez-Salvador
A: Frédéric Alvarado-Dupuy
A: Thomas Winalek
A: Robert Puhr

CD* FEDERSPIEL LIVE IM WIENER MUSIKVEREIN
T* Neurosencowboy LIVE

S: Federspiel
A: Robert Puhr
A: Matthias Werner
A: Simon Zöchbauer
A: Philip Haas
A: Ayac luan Jimènez-Salvador
A: Frédéric Alvarado-Dupuy
A: Thomas Winalek

YOU CAN CALL ME AL
PAUL SIMON

Werbung X