„Gelassenheit kommt nicht von außen“

Philosoph Wilhelm Schmid spricht in der ORF Radio Vorarlberg Sendung „Focus“ über die Wichtigkeit der Gelassenheit als Lebenshaltung - und gibt Tipps, wie man diese Gelassenheit erreichen kann.

Sendungshinweis:
„Focus“, 25.6.2016, 13.00 bis 14.00 Uhr, ORF Radio Vorarlberg
30.6.2016, 21.00 bis 22.00 Uhr (WH)

Wir wissen nicht, wohin der Weg geht. Die Welt geht ihren Weg und wir sind Teil der Weltgeschichte. Nirgendwo sitzt eine Instanz, die den Lauf der Weltgeschichte vorherbestimmt. Wer sich mit wem befriedet oder bekriegt, oder wer sich mit wem zusammensetzt. Das gebe es nicht, sagt Wilhelm Schmid.

Die Sendung zum Nachhören:

Es geht um Lösungen der Probleme, wir wissen aber nicht, was bei den Lösungen der Probleme herauskommt. Die Lebenserfahrung sagt: Löst du ein Problem, schaffst du damit wieder ein neues. Ja, wir sind Sisyphos bzw. Sisyphoi. Der Weg, den wir gehen, kann ein Irrweg sein. Jeder Schritt, den wir machen - sei es privat oder in der Weltgeschichte, ist ein tastender Schritt auf unserem langen Weg durch die Zeit. Wir bewegen uns tastend vorwärts in der Hoffnung, dass da immer auch ein Haltegriff dabei ist.

Focus Wilhelm Schmid
Insel Verlag
Wilhelm Schmid

Wir können die Widersprüche und Gegensätze der Welt nicht aushebeln. Eine bescheidenere Haltung macht uns gelassener, weil wir dann über jeden kleinen Fortschritt froh sind. Bei maximaler Erwartung gibt es keine Gelassenheit mehr - und es heißt: Leiden, von der Früh bis zum Ende der Tage, betont Wilhelm Schmid.

„Frei sein von Unruhe“

Der Begriff Gelassenheit stammt aus der Philosophie. Gelassenheit stammt aus dem Griechischen und bedeutet: „Frei sein von Unruhe.“ Das ist nicht Ruhe. Ruhe ist, wenn wir tot sind. D.h. es ist gut, wenn wir überprüfen, ob etwas uns nicht ständig beunruhigt, aber nicht zu sehr. Das macht gelassener: In der Liebe, in der Gesellschaft beunruhigen, aber nicht zu sehr beunruhigen.

Der Wortschöpfer für die GELASSENHEIT ist der einflussreiche mittelalterliche Theologe Meister Eckhart: Er hat aus dem LASSEN ein Hauptwort gemacht. Immer wenn wir etwas lassen können, werden wir gelassener.

Schritte zur Gelassenheit:

Gewohnheiten pflegen in Zeiten des Bruchs, Umbruchs und Wandels: Warum das? Weil das unser Rückhalt ist. In den Gewohnheiten ist man aufgehoben und geborgen.

Lüste genießen: sie haben ihre volle Berechtigung. Das gilt auch für sexuelle Lüste. Guter Wein, gutes Essen. Man ist nicht extrem irritiert, sondern ganz gelassen. Auch die Lust der Muße sollte man genießen, empfiehlt Philosoph Schmid. Es tut gut, weil wir dann nichts Bestimmtes wollen.

Etwas hinnehmen können: Dinge, die wir so nicht bestellt und gewollt haben. Hinnahme-Fähigkeit bedeutet: Was steht in meiner Macht und was nicht.

Der moderne Mensch habe sich daran gewöhnt, nichts hinzunehmen. Alles können wir machen und verändern. Ein Gegenbeispiel sei Krankheit, die jetzt einfach da ist und die in irgendeiner Weise geheilt werden muss. „Und wenn man Kinder bekommt, die nicht sind, wie man sie gerne hätte - die man nicht bestellt hat, dann muss man das auch hinnehmen, betont Wilhelm Schmid.

Depression werde viel zu häufig für alles Mögliche verwendet. Oft sei es Melancholie. Die Melanscholie sei ein Prozess, der kreativ und produktiv mache. Edvard Munch, Vinzent van Gogh, Michelangelo seien Beispiele. Melancholiker brauchen Freunde fürs Gespräch. Das Hinnehmen-können kann uns gelassener machen.

Berührungen suchen: Gelingende Bindungen machen Menschen gelassener. Sie vermitteln: Ich bin nicht allein in diesem Leben.

Beziehungen suchen und pflegen: Das sind Beziehungen, in denen es auch Berührung geben kann. Beziehungen der Freundschaft. Der Freund ist ein Mensch, der mich mag, obwohl er mich kennt. Die Liebe macht uns gelassener.

Beziehungen zu Kindern: Die Mühe der Beziehungen zu Kindern zahle sich reichlich aus, sagt der vierfache Vater Wilhelm Schmid. Kinder tragen das Leben weiter. Das Bewusstsein ändert sich automatisch. „Und wenn wir Kinder haben, sind wir immer auf dem Laufenden.

Dieser Vortrag wurde bei den Goldegger Dialogen 2016 aufgezeichnet und wird im Tagungsband der Goldegger Dialoge 2016 abgedruckt. Bestellungen beim Kulturverein Schloss Goldegg, schlossgoldegg@aon.at

Zur Person:

Wilhelm Schmid (geb. 1953) ist freier Philosoph und außerplanmäßiger Professor für Philosophie an der Universität Erfurt. 2012 gewann er den Philosophiepreis für besondere Verdienste bei der Vermittlung von Philosophie. Viele Jahre lang war er als Gastdozent in Riga/Lettland und Tiflis/Georgien sowie als „philosophischer Seelsorger“ am Spital Affoltern am Albis bei Zürich tätig. Er ist Autor zahlreicher Bücher zur Lebenskunst.

www.lebenskunstphilosophie.de

Literatur zur Sendung:

Wilhelm Schmid, Gelassenheit. Was wir gewinnen, wenn wir älter werden. Insel, Insel Verlag

Musik:

T* Gneatig, ha?
G* Herbert Pixner Projekt - Blus’n auf!
A: Herbert Pixner Projekt

CD* NA UND?!
T* Spitfire
A: Herbert Pixner Projekt
NI: Herbert Pixner/Harmonika
NI: Manuel Randi/Gitarre
NI: Katrin Aschaber/Harfe
NI: Werner Unterlercher/Kontrabass

T* Tango to go
G* QUATTRO
CD* MURED 14079
A: HERBERT PIXNER PROJEKT

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