„Das Fremde in uns – Zwischen Angst und Faszination“

Univ.- Prof. Dr. Verena Kast, Präsidentin des C.-G. Jung Instituts Zürich, spricht in „Focus“ zum Thema „Das Fremde in uns – Zwischen Angst und Faszination“.

Die Sendung zum Nachhören

Bedrohung der alten Identität

Als im vergangenen Jahr hunderttausende Flüchtlinge in unser Land kamen, weckte dies Ängste. Einerseits Angst vor dem Fremden und dem Anderen.

Sendungshinweis:

Samstag 21. Mai 2016, 13.00 bis 14.00 Uhr
Donnerstag, 26. Mai 2016, 21.00 bis 22.00 Uhr (WH)

Warum ist da so? Und wie geht die Gesellschaft mit dieser Angst um? Die Schweizer Psychologieprofessorin Verena Kast meint, wenn Fremde kommen, dann verändere sich für alle viel. „Für die, die kommen, und für die, die schon da sind.“ Es entstehe eine Bedrohung der alten Identität und der alten Ordnung und daraus erwachsen Ängste, diffuse Ängste.

Fremde bringen das Fremde in unser Leben

Man müsse sich dessen bewusst sein, so Verena Kast:“ Die Fremden bringen das Fremde in unser Leben, das Fremde war aber immer schon da. Und sie meint: „ Wir setzen uns ein Leben lang mit Fremdem auseinander.“ Fremd ist uns, was wir noch nicht kennen und uns in beunruhigender Weise etwas angeht. Was uns fremd ist, zieht uns an, beunruhigt uns, befremdet uns auch, fordert Auseinandersetzung und langsame Annäherung bis hin zur Eingemeindung bis zur „Anverwandlung“ (Begriff von Hartmut Rosa: Soziologe und Politkwissenschaftler). Ich verwandle mich, das Fremde verwandelt sich.

Das Fremde ist überall

Fremd sei nicht nur der andere Mensch. Das Fremde sei überall. Es gehe uns in beunruhigender Weise etwas an. Das Fremde hebe sich ab gegen das schon Bekannte, gegen das Bewusste, das uns schon Heimat geworden sei. Das Fremde verführe uns gewohnte Grenzen zu überwinden und etwas Neues zu wagen. Je mehr innere Freiheit wir haben, je besser unsere Identität ist , je weniger Angst wir haben, umso eher können wir uns dem Fremden zuwenden, können wir es uns leisten, vom Fremden fasziniert zu sein.

Tiefenpsychologisch betrachtet

Tiefenpsychologisch betrachtet, verweist Verena Kast darauf, dass wir ein inneres Leben haben. “Wir haben Emotionen, es gibt nicht nur das Bewusstsein, es gibt auch das Unbewusste.“ Es gehe dabei darum, sich das Fremde in der eigenen Seele anzusehen und anzusprechen und bewusst zu machen. Dabei gehe es um das Verdrängte, aber auch um anstehende Entwicklungsmöglichkeiten. Das Unbewusste sei nach C.G.Jung nicht nur Verdrängtes, sondern auch das, was an Entwicklungsmöglichkeiten vorhanden ist. Das Verdrängte, das ich nicht wahrhaben will und das mir Angst macht. Es könne sich aber auch um zukünftige Entwicklungsmöglichkeiten handeln die mich faszinieren können.

Das Fremde wird oft dem Fremden angelastet

Das Fremde werde oft dem Fremden angelastet, dies umso mehr, als wir das Fremde, das Ungeliebte, das nicht Akzeptierte in uns erfahren und es etwas ist, das uns vielleicht täglich ängstigt: Der Einfachheit halber bedienten wir uns eines Tricks und projizierten die eigene Angst auf die Fremden. Man schließe sich zusammen und erkläre sich -im Sinne von mir san mir- zu einem Angehörigen einer bestimmten Ethnie. „Wir gehören zu den 75 Prozent der guten, der moralischen, der richtig urteilenden Schweizer“ , macht es Verena Kast anschaulich. Damit sei das Selbstwertgefühl vermeintlich wiederhergestellt, ohne dass man etwas dafür getan habe. Damit verbunden sei - so Verena Kast - eine Blindheit anderen Werten als den eigenen gegenüber. Ein gefährlicher weiterer Schritt sei es, wenn die fremden Werte gehasst und aus einem Hass heraus sogar zerstört würden, um die eigene Identität nicht neu bestimmen zu müssen.

Prof. Dr. Verena Kast hat diesen Vortrag beim Montagsforum Dornbirn gehalten.

Zur Person:

Verena Kast, Jahrgang 1943, studierte Psychologie, Philosophie und Literatur und promovierte in Jungscher Psychologie. Sie war Professorin für Psychologie an der Universität Zürich, Dozentin und Lehranalytikerin am dortigen C.-G.-Jung-Institut und Psychotherapeutin in eigener Praxis. Seit April 2014 ist sie Präsidentin des C.G. Jung-Instituts in Zürich/Küsnacht.

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