„Schamgrenzen und Gefühle“

Caroline Bohn spricht in „Focus“ über das Thema „Schamgrenzen, Macht und der Umgang mit Gefühlen“. Bei der Scham gehe es nicht nur um Nacktheit und körperliche Entblößung, sondern um Würde, sagt die Expertin.

Sendehinweis:

  • „Focus“, 5.3.2016, 13.00 bis 14.00 Uhr, ORF Radio Vorarlberg
  • 10.3.2016, 21.00 bis 22.00 Uhr (WH), ORF Radio Vorarlberg

„Gab es ein Ereignis, das Sie so sehr verletzt hat, dass Sie dachten, es zerreißt Sie, bei dem Sie am liebsten in den Boden versinken wollten, weil Sie sich so sehr gedemütigt fühlten, ein Moment, in dem Sie hochrot anliefen oder kreidebleich wurden? Wo Sie sprachlos waren und sich wie erstarrt fühlten?“

Die Sendung zum Nachhören:

Wenn man erheben will, wann man sich zuletzt schämte, dann sind wir mit diesen Fragen dem Schämen und der Scham auf der Spur sind, umschreibt Caroline Bohn das Themenfeld.

Schamgefühl als „STOP“

Bitte,
bleibe mir fern,
geh achtsam mit mir um,
decke mich nicht so weit auf,
schaue da nicht so genau hin,
sprich mich nicht darauf an,
rede nicht so mit mir.

Focus Caroline Bohn
C. Bohn privat
Caroline Bohn

Mit dem Schamgefühl komme „STOP“ zum Ausdruck: Du überschreitest die Grenzen dessen, was ich von mir offenbaren und zeigen will. Bohn ist eine Expertin der Gefühle und ergänzt: „Scham schützt uns. Scham gilt als Wächterin von Privatheit und Intimität. Das Schamgefühl reguliert Nähe und Distanz. Es zeigt dem Gegenüber an, wann die Nähe zu groß wird. Scham verfügt über eine Signalfunktion.“

Scham ist mehr als Entblößung

Bohn hält diesen Vortrag beim Hospiz-und Palliativtag im Kulturhaus Dornbirn vor 600 Zuhörer-/Innen: die Diplompädagogin und Gefühlsexpertin spricht zu Menschen, die in Krankenhäusern und im Pflegebereich tätig sind. Man könnte die sprichwörtliche Nadel fallen hören.

Nichtsdestotrotz: das Thema geht uns alle an, besonders aber auch Menschen, die andere in einer schutzwürdigen Phase ihres Lebens begleiten. Es geht bei der Scham um Macht, um Würde und vorgelagert vielleicht auch um Peinlichkeit. Bei der Scham geht es nicht nur um Nacktheit und körperliche Entblößung, betont Bohn. Es geht um weitaus mehr.

Bei Scham geht es um Würde

Scham gehe weit über das Peinlichkeitsgefühl hinaus, denn Scham betreffe unser tiefstes Innerstes, unseren inneren Kern, unsere Selbstachtung - und damit „gilt Scham als heimlichstes Gefühl in unserer Gesellschaft“, merkt Caroline Bohn an. „Denn unsere Schamgefühle sind absolut privat, intim und persönlich. Über unsere Schamgefühle sprechen wir nicht, weil es bei der Scham um unsere Würde geht.“

Idealerweise haben wir eine Schamkompetenz. Das meint in Bezug auf Ärzte und Menschen, die in der Pflege tätig sind, die individuelle Fähigkeit, Schamgrenzen kranker und pflegebedürftiger Menschen zu erkennen und das eigene Handeln umgehend darauf auszurichten. „Bei der Scham geht es um die potenzielle Bedrohung der Würde von Patienten. Die Verpflichtung geht in die Richtung, achtsam, empathisch und hochsensibel zu reagieren.“

Es geht um mich selbst

Bohn hebt nochmals hervor, dass das Schamgefühl unsere Würde berühre. Es gehe dabei auch um Selbstachtung. „Das hebt die Scham vom Peinlichkeitsgefühl ab. Tiefe Scham ist personenbezogen. Bei ihr steht immer die ganze Person auf dem Spiel. Wenn wir uns schämen halten wir den Blick gesenkt. Bei der Peinlichkeit geht es um das, was mir passiert ist. Bei der Scham geht es um mich selbst“, so die Soziologin der Emotionen.

Zur Person:

Referentin Dr. Caroline Bohn ist Expertin für Gefühle. Seit 1998 beschäftigt sich die (Emotions-)Soziologin und Diplom-Pädagogin mit der komplexen Welt der Gefühle aus soziologischer Sicht.

Ihre Themen sind insbesondere Scham und Beschämung, Einsamkeit, Angst, Macht, Liebe, Wertschätzung und Emotionsmanagement. Sie hält dazu international Vorträge, gibt Seminare und bietet Coaching und Beratung in eigener Praxis in Witten - einer 100.000 Einwohnerstadt in Nordrheinwestfalen.- an.

Literatur:

Macht und Scham in der Pflege: Beschämende Situationen erkennen und sensibel damit umgehen. Verlag Ernst Reinhardt.

Musik:

EGYPTIAN REGGAE
JONATHAN RICHMAN

CD: Laterna Magica
Harald Petersdorfer
ATS Records

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