„Emotional, ideal und religiös kalte Gesellschaften“

Unter dem Titel „Emotional, ideal und religiös kalte Gesellschaften“ spricht Univ.-Prof. Dr. Herfried Münkler über Veränderungen in und rundum Europa. Münkler ist zu Gast in der Sendung „Focus“ von ORF-Radio Vorarlberg.

Sendehinweis:

  • „Focus“, 30.1.2016, 13.00 bis 14.00 Uhr
  • 4.2.2016, 21.00 bis 22.00 Uhr (WH)

Die USA werden Europa in den gegenwärtigen Krisen nicht mehr länger als Kindermädchen bei der Hand stehen, meint Münkler. „Die Europäer müssen sich selber darum kümmern. Das sind wesentliche Herausforderungen, mit denen wir Europäer konfrontiert sind, auf die wir nicht eingestellt sind und zu denen wir unterschiedliche Traditionen haben“.

Die Sendung zum Nachhören:

Frankreich habe in den 1990er Jahren eine Präferenz für Serbien, Deutschland und Österreich dagegen eine stärkere Präferenz für Kroatien gehabt. „Die Frontlinien von 1914 waren damit wieder da." Und den USA sei es gelungen, diesen Balkankrieg nicht zu erweitern, sondern räumlich und zeitlich zu begrenzen.

Herfried Münkler
ORF
Herfried Münkler

Ressourcen der Kriegsführung

Dass man Kriege in Räumen führt, ist hinlänglich klar. Man müsse sich dafür nur die Festräume des Habsburgerreiches vor Augen führen, meint Münkler. Entscheidend sei dabei aber eine Symmetrie von Raum und Zeit. Beide Kriegsseiten verfügen im Prinzip über die dieselben Räume, sie müssen sich strategisch überlegen, wie sie sie nutzen.

IS-Kämpfer aus Europa

Die Kriege heutzutage hätten eine totale Asymmetrie im Zugriff auf Raum und Zeit, sagt Münkler. Ein IS-Kämpfer soll gesagt haben: Ihr habt die Uhren, aber wir haben die Zeit. Bei den westlichen Gegnern erleben sie eine Überlegenheit an Technologie, Besitz und Waffen.

„Wir haben Zeit“ meint, wir können euch tendenziell aussetzen. Ihr kommt, aber weil ihr es so eilig habt, geht ihr auch bald wieder. Am Beispiel Afghanistan zeige sich, dass die Taliban nur durchhalten mussten, bis der NATO-geführten Koalition der Atem ausging, dann zogen sie wieder ab.

Zur Person:

Univ.-Prof. Dr. Herfried Münkler, Studium der Germanistik, Politikwissenschaft und Philosophie in Frankfurt.

1992 Annahme des Rufes auf den Lehrstuhl für Theorie der Politik am Fachbereich Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin.

Ihre Stärke ist unsere Schwäche

Ihre Kraft, die Zeit als Ressource zu mobilisieren, sei unsere Schwäche, merkt Münkler an. Es könne sein, dass es den vom IS beherrschten Raum in einiger Zeit nicht mehr gebe: „body politic“ benennt Münkler das. Dabei geht es um ein IS-Gebiet, auf dem eine bestimmte Bevölkerung lebt, die der IS als seine eigene bezeichnet.

Damit ist der IS nicht besiegt, sagt Münkler, wenn dieser „body politic“ angegriffen und bombardiert wird. Vor den herumziehenden IS- Kämpfern haben die Russen wie die die EU-Europäer Angst, weil sie - in welcher Form auch immer - wieder durchgeknallt zurückkehren könnten.

Postimperiale Räume

Mit postimperialen Räumen meint Münkler ein Gebiet wie den Balkan oder die ehemalige Sowjetunion, die es in der Form nicht mehr gibt. Gleichzeitig würden in den Nachfolgestaaten die alten Problemstellungen virulent.

Die „heroischen“ Gesellschaften in Europa hatten eine Bevölkerung, die ab 1792 auf eine Verteidigung ihrer Staaten eingestellt waren und wurden. Heutzutage seien wir keine heroischen Gesellschaften mehr; es fehlten uns dafür aus demografischen Gründen die Kinder. Sie fehlten für die Verteidigung, weil die elterliche Gebundenheit mittlerweile an ihre Kinder zu groß sei, als dass man sein Kind in den Krieg entlassen möchte.

Emotional und religiös kalte Gesellschaften

Die europäischen Gesellschaften seien emotional und ideal religiös kalte Gesellschaften. Heroische Gesellschaften benötigen den Charakter des Opfers, des Sakrifiziellen. Das meinte die eigene Opferhaltung zur Rettung anderer. Der Opfergedanke meint in unserer Gesellschaft, nicht sakrifiziell zu agieren, sondern im Sinne eines Entschädigungsanspruch zu agieren.

Das Sacrifizium meint, so Münkler, sie bringen sich dar für Gott, Kaiser oder Vaterland dar. Münkler spricht von den politischen Religionen, die sich im Nationalismus verbergen. „Deutschland soll leben, auch wenn wir sterben müssen“.

Das stehe am Mahnmal am Hamburger Bahnhof Dammtors - ein in Beton gegossener Opferanspruch. Heute stehe darunter: „Deutschland soll sterben, damit wir leben können.“ Gleichzeitig merkt Münkler an, es seien nicht alle, sondern nur einige Gesellschaften post-heroisch geworden.

Heimtückische Selbstmordanschläge

Uns erschüttern bei den Selbstmordattentätern die heimtückischen und wie Münkler anmerkt, die keineswegs feigen, Anschläge. Gegen solche Leute gibt es keine Möglichkeit, sie präventiv abzuwehren. Europa spiele hier oft mit Muskeln, die es nicht habe. Trotzdem tue man so, als ziehe man in den Krieg.

Terrorismus ist eine Stategie, die ihre Wirkung erst durch die Reaktion des Angegriffenen entfalte, betont Münkler. Terrorismus provoziere Reaktionsweisen, durch die man sich eigentlich noch tiefer in die Probleme hineinreite.

„Terrorismus erfordert ein genaues Nachdenken darüber, wie man mit diesem Zwischending zwischen Krieg und Frieden umgeht.“ Eine Gesellschaft, die auf Beschleunigung baue, habe beim Terrorismus einen sehr schwierigen Gegner, weil sie so verwundbar sei.

Literatur von Herfried Münkler:

Kriegssplitter. Die Evolution der Gewalt im 20. und 21. Jahrhundert. rowohlt Berlin.

Macht in der Mitte. Die neuen Aufgaben Deutschlands in Europa, 2015.

Der Große Krieg: Die Welt von 1914 - 1918, 2013.

Mitte und Maß. Der Kampf um die richtige Ordnung, 2010.

Die Deutschen und ihre Mythen, 2009.

Der Wandel des Krieges. Von der Symmetrie zur Asymmetrie, 2006.

Musik:

CD* THE GIRL IN THE OTHER ROOM
T* Stop this world

S: Diana Krall/Piano, Gesang m.Begl.
NI: Anthony Wilson/Gitarre
NI: Christian McBride/Bass
NI: Peter Erskine/Drums

CD* WALLFLOWER - DELUXE EDITION
T* Alone again (Naturally)

S: Diana Krall/Gesang m.Begl.
S: Michael Bublé/Gesang m.Begl.
NI: David Foster/Piano
NI: Dennis Crouch/Bass
NI: Jim Keltner/Drums
NI: Dean Parks/Gitarren
NI: Jochem van der Saag/Programming, Sound Design
O: Orchester
L: Gavin Greenaway

T* Morgenrot
CD* MURED 14045
G* NA UND ?!

A: HERBERT PIXNER PROJEKT

G* Hohenemser Chor- und Orgeltage 2015 - Orgel und „Hand“-Orgel (CD 19052)
Konzert für zwei Akkordeons (Gesamtzeit: 10.31)
6.) I. Allegro 00:04:44
7.) II. Lento 00:02:24
8.) III. Molto vivace 00:03:22

S: Goran Kovacevic/Akkordeon
S: Paolo d’Angelo/Akkordeon

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