Eine 90-Tage-Reise in die Stille

Die ehemalige deutsche IT-Beraterin und Autorin Janice Jakait hat als erste Deutsche allein und ohne Begleitboot den Atlantik in einem Ruderboot überquert. In „Focus“ spricht sie über das Thema: „Von einer Flucht vor und einer Heimkehr zu mir selbst.“

Sendehinweis:

„Focus“, 20.2.2016, 13.00 bis 14.00 Uhr, ORF Radio Vorarlberg (Wiederholung vom 23.1.2016)

In den letzten Tagen tauchten in den Medien mehrfach Fotos von gestrandeten Walen auf. Elf Pottwale an der Nordseeküste, gestrandete Grindwale in Neuseeland, Dutzende Wale in Indien. Bilder, die ein tierisches Drama offenbaren.

Die Sendung zum Nachhören:

Die ehemalige deutsche IT-Beraterin Janice Jakait hat den unglaublichen Unterwasserlärm in den Weltmeeren beklagt, den die Tiere nicht aushalten. Jakait kennt sich aus sie ruderte 90 Tage lang im Atlantik gegen diesen Lärm an.

Flotten auf der Suche nach Erdöl

Ihr Ruderboot hatte keinen Motor, es schien der richtige Träger für die Kampagne „Row for silence - rudern für die Stille “ zu sein. An diesem menschengemachten Lärm gehen unglaublich viele Säuger und Meerestiere zu Grunde. Diese Tiere orientieren sich über den Hörsinn. Seismische Flotten bedeute, dass Schiffsverbände Schleppleinen hinter sich herziehen.

Focus Janice Jaikat
rowforsilence.com
Janice Jakait

Daran befinden sich Mikrophone und Schalldruckkanonen. Die erzeugen einen Lärm, dass jeder Mensch sofort taub würde. Letztlich sind das Schiffe auf der Suche nach Erdöl.

Die Sinnfrage

Als erste deutsche Frau überquerte Jaikat in einem Ruderboot allein den Atlantik. Für dieser einsame Reise, die am 23. November 2011 in Portugal begann, eine Strecke von 6.500 Kilometern, benötigte sie 90 Tage.

Sie wolle nicht nur vom Rudern erzählen, sagt Jakait, sondern auch über den Sinn des Lebens reden, über die großen Fragen: „Warum sind wir hier, wo kommen wir her, wo gehen wir hin?“ Sie habe zuerst auf den Ozean hinaus müssen, um diese Fragen für sich zu entdecken und letztlich auch zu klären.

Viel zu viel Energie

„Vielleicht ist das Leben nur deshalb so schwer, weil wir viel zu viel Energie hineinstecken.“ Janice Jakait gibt unumwunden zu, sie kannte das Meer und den Ozean nur aus Büchern und aus Filmen. Sie sei keine Sportlerin, eine Extremsportlerin schon gar nicht. Wenn sie sich etwas vornehme, dann mache sie das auch.

Sie habe sich interessiert, wie viele Zigaretten sie für eine viermonatige Reise mitnehmen müsse. Sie erzählte von den Listen, die sie angelegt habe im Zuge der Vorbereitungen für diese Reise mit dem Ruderboot. Zuerst war es auch eine Umweltkampagne, weil sie den Menschen zeigen will, was da draußen los ist.

Auf der Suche nach einem harmonischen Leben

Sie sei jahrzehntelang auf der Suche gewesen, ein harmonisches Leben hinzubekommen. Das sei ihr nicht gelungen, gibt sie unumwunden zu. Sie war nicht glücklich, obwohl die äußeren Rahmenbedingungen gestimmt hätten.

Jakaits Boot, die Bifröst (schwankende Himmelsstraße aus der germanischen Mythologie), misst ca. sieben Meter in der Länge und zwei Meter in der Breite. Konstruiert wurde es 2007 aus Glas- und Kohlefaserverbundwerkstoffen. Es hat ein Leergewicht von 275 Kilogramm. Das Startgewicht bei der Atlantiküberquerung betrug ca. 1.080 kg, davon waren etwa 250 kg Lebensmittel. Für jeden Tag waren 8.000 Kalorien eingeplant. Immerhin ruderte sie jeden Tag 12 Stunden lang.

Zukunft und Vergangenheit befrieden

„Ich kann nur mit Vertrauen meine Zukunft und ich kann nur mit Vergebung meine Vergangenheit befrieden.“ Es gab Zeitpunkte auf dem Meer, an denen Jakait auf das Meer vertrauen musste und vertraute, weil sie davon ausgehen musste, dass das Meer es schon richten wird.

Demut und Vertrauen sind im Leben sehr wichtig, ist eine der Erkenntnisse ihrer Bootsreise über den Atlantik; nicht nur nach Sicherheit, sondern auch nach Vertrauen. Sie vermisst dieses Gefühl, seit sie es damals auf dem Boot erfahren habe.

Der Rollsitz

Auf dem Ruderboot sitze man auf einem Rollsitz und das bedeute, dass es stunden-tage-monatelang vor- und zurückgeht. Immer wenn sie nicht mehr weiterwusste, war der Frieden in ihr da, sagt Jakait.

Auch dann, als sie nicht mehr in die Leinenschlingen steigen konnte, die als Leiter zum Einstieg ins Boot dienen sollten; diese Schlingen funktionierten nicht. Sie habe sich mit der puren Kraft der Arme ins Boot gezogen. Das sei ihr bei einer Übung vor der Reise nicht geglückt. Es sei das Reptiliengehirn, das uns in entscheidenden Augenblicken zu überleben helfe, betont Janice Jakait.

Der direkte Kontakt mit der Schöpfung

Der direkte Kontakt mit der Schöpfung haut uns um, behauptet Jakait auf Grund ihrer eigenen Erfahrung. Erst dann merken wir, was Liebe und Dankbarkeit bedeute. Sie sei in der Hölle des Ozeans plötzlich frei gewesen. Denn plötzlich habe sie nicht mehr dieses MEHR und MEHR benötigt, weil der Augenblick für sie so berührbar geworden ist; egal ob Sonnenuntergänge oder Wellen. Als aus dem inneren Gedanken der Flucht eine Heimreise wurde.

Ankommen im HIER und JETZT

Cola und Zigaretten und Cheeseburger waren der Willkommensgruß auf Barbados. Sie konnte zuerst nicht mehr laufen, weil die Muskulatur mit dem Untergrund nicht klarkommen konnte. Sie habe da draußen ein Kick bekommen.

Um die Gegenwart wiederzufinden, gehen Menschen in die fernste Ferne. Warum muss ich mich so anstrengen um ins Hier und Jetzt zu kommen? Sie versuche dankbar und ehrlich zu sein, sie will Verantwortung, Mitgefühl, Achtsamkeit und Urvertrauen übernehmen. Das lasse sich vereinen unter dem Wort DEMUT. Demut bedeute auch die Dinge - wie Geld, Macht oder Aktien loszulassen.

Wir bedanken uns für die Möglichkeit des Mitschnitts des Vortrags von Janice Jakait beim Veranstalter, der Arbeiterkammer in Feldkirch, und den Organisatoren der Reihe „Wissen fürs Leben“.

Zur Person:

Janice Jakait (* 1977 in Lengefeld) ist eine deutsche Autorin und ehemalige IT-Beraterin. Sie hat als erste Deutsche allein und ohne Begleitboot den Atlantik in einem Ruderboot überquert. Genau 90 Tage nach ihrem Start am 23. November 2011 in Portimão, Portugal, erreichte sie am 21. Februar 2012 nach ca. 6.500 Kilometern ihr Ziel in Barbados.

Offizielle Website: www.rowforsilence.com(www.rowforsilence.com)

Literatur:

Tosende Stille. Eine Frau rudert
über den Atlantik und findet sich selbst.

Musik:

T* Wichita sutra vortex
S: Philip Glass/Klavier

T* Liberty Land
AT* La Liberte Sur Atlantique
S: Pierre Porte/Klavier
A: Begleitorchester

T* Facades /
für 2 Sopransaxophone und Streicher
O: London Chamber Orchestra
S: John Harle/Sopransaxophon
S: Simon Haram/Sopransaxophon
L: Christopher Warren-Green

Werbung X