Globales Unrecht - tragen wir Verantwortung?

Journalistin, Moderatorin und Philosophin Barbara Bleisch spricht in „Focus“ über das Thema: „Globales Unrecht - tragen wir Verantwortung? Sind wir, weil mitgegangen, auch mitgehangen?“

Sendehinweis:

„Focus“, 12.9.2015, 13.00 bis 14.00 Uhr, ORF Radio Vorarlberg
17.9.2015, 21.00 bis 22.00 Uhr (WH)

Barbara Bleisch erinnert eingangs an eine Demonstration in Zürich, bei der den Teilnehmern überbordende Gewalt vorgeworfen und dem friedlich auftretenden Teil nachgesagt wurde, zu wenig gegen diese Gewalt unternommen, ja diese vielleicht zugelassen zu haben. Sie stellt auch die Frage nach der weltweiten Verantwortung: Etwa angesichts der ums Leben gekommenen Flüchtlinge vor Lampedusa oder der unter sklavenähnlichen Bedingungen arbeitenden Bergbauarbeiter/Innen in kongolesischen Minen.

Die Sendung zum Nachhören:

Die Wucht der Verantwortung und die Apathie

Zum Thema Verantwortung zitiert Barbara Bleisch den Philosoph Stefan Gosepath, der meint: „Die moralphilosophische Unklarheit darüber, was jeder und jede Einzelne zu tun hat, stellt sich uns als ein Problem, weil jeder gerne für sich darüber haben möchte, was er für Menschen in Notlagen tun sollte.“ Solange diese moralphilosophische Frage nicht geklärt ist, bestehe die Gefahr, dass wir alle die Notlage beklagen, aber unter Umständen niemand effektiv hilft. Die intellektuelle Unklarheit führe zu praktischer Apathie, die das Elend der Notleidenden nur noch vergrößert.

Focus Barbara Bleisch
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Barbara Bleisch

Barbara Bleisch will diese Unklarheit, wie sie sagt, besser verstehen und zu ihrer Klärung beitragen. Es bestehe, so Bleisch, allenthalben die Gefahr, dass wir uns mit der Wucht der uns zugesprochenen Verantwortung übernehmen und letztlich der Apathie verfallen. Daraus wiederum sollte nicht folgen, dass wir uns in einer falschen Bescheidenheit üben, dass wir gegen die Übel dieser Welt ja sowieso nichts ausrichten könnten. Die Bescheidenheit sei ja auch eine Form moralischer Entlastungsversuche. Vielmehr sollten wir uns bemühen, sagt Bleisch, die Bemühungen in diesen komplexen Gefügen anzugehen.

Schuldfrage-Täter-Mitläufer

Die Schuldfrage wird meist mit Blick auf den Täter gestellt: Wer ist der Täter, dem wir Vorwürfe machen können? Die Verantwortungsfrage fokussiert meist auf die Opfer: Wer sollte den Opfern von Unrecht helfen? Die Verantwortung zuzuschreiben heiße auch, die moralische Arbeit unter denen, die am Unrecht beteiligt sind, fair aufzuteilen. Apathie könne auch aus meiner Frage resultieren: „Warum tun denn die anderen nichts?“

Hungersnöte - Naturereignis oder menschengemacht?

Tragödien, die in der Welt passieren, werden oft wie eine Naturkatastrophe dargestellt. Schlimm zwar, aber ohne Drahtzieher, ohne Verantwortliche und ohne Mitläufer. Katastrophen dieser Welt sind die Folge von Entscheidungen, deren Folgen durchaus absehbar sind und die verhindert werden könnten. Es gehe nicht nur darum, Notleidenden mit caritativem Engagement, sondern mit dem Gedanken der Gerechtigkeit zu begegnen. Hungersnöte sind nicht klimatischem Pech geschuldet, sondern die Folge von Kriegen und Vertreibungen.

Das „Nicht-Schädigungs- und das Hilfsprinzip“

Kaum ein moralisches Prinzip ist so unumstritten wie das Nicht-Schädigungsprinzip. Das Hilfsprinzip habe dem gegenüber einen schweren Stand. Barbara Bleisch bringt das Beispiel des Touristen am Bahnhof: Es sei doch ein wesentlicher Unterschied einem überfallenen Touristen am Bahnhof zu helfen oder ihn selbst auszurauben. Ihn nicht auszurauben gelte ja moralisch als stärkere Pflicht als ihm zu helfen.

Die Verbrechensthese - Jean Ziegler

Der Schweizer Soziologe und Globalisierungskritiker Jean Ziegler scheut keine drastischen Bilder, wenn er von der Massenvernichtung in der Dritten Welt spricht. Ziegler arbeitet mit der Verbrechensthese. Ziegler meint, wir lösen Armut nicht nur aus - wir seien nicht nur kausal, sondern auch moralisch verantwortlich.

Diesen Vortrag hat Barbara Bleisch beim Philosophicum Lech 2014 gehalten. Der Titel: „Mitgegangen-mitgehangen. Verantwortung für globales Unrecht?“

Zur Person:

Dr. Barbara Bleisch, Moderatorin und Redakteurin der Sendung „Sternstunden“ des Schweizer Fernsehens.

Barbara Bleisch studierte Philosophie, Germanistik und Religionswissenschaften in Zürich, Basel und Tübingen. Sie promovierte 2007 zum Thema „Pflichten auf Distanz. Weltarmut und individuelle Verantwortung“ an der Universität Zürich. Sie arbeitet auch als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Ethik-Zentrum der Universität Zürich und an der Universität Bern im vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten Projekt „Gründe der Parteilichkeit - Zur Ethik der Familienbeziehungen“.

Neben ihrer Medien- und der akademischen Tätigkeit ist sie auch Buchautorin und Herausgeberin.

Literatur:

Barbara Bleisch, „Pflichten auf Distanz: Weltarmut und individuelle Verantwortung.“ Verlag De Gruyter, Berlin.

Barbara Bleisch, Markus Huppenbauer, „Ethische Entscheidungsfindung: Ein Handbuch für die Praxis.“ Versus, Zürich.

Musik:

G* THE ART OF MINIMALISM
T* Ricochet

G* NATURE TRAIL
T* Day at lake

G* THE ART OF MINIMALISM
T* Roundabout

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