Reimer Gronemeyer zum Thema „Freundschaft“

Der Theologe Reimer Gronemeyer spricht in der ORF Radio Vorarlberg Sendung „Focus“ über das Thema: „Freundschaft - Kitt für eine zerbröselnde Gesellschaft oder das neue Band der Generationen?“

Sendungshinweis:

27.6.2015, 13.00 bis 14.00 Uhr
2.7.2015, 21.00 bis 22.00 Uhr (WH)

Gronemeyer hat den Verdacht, dass die Freundschaft so etwas wie ein plastikförmiges Klebemittel für eine zerbröselnde Gesellschaft werden soll, nachdem die Familie, die Kirchen, die Vereine und die Parteien abhandengekommen sind; somit komme die Freundschaft recht gelegen.

Die Sendung zum Nachhören:

Reimer Gronemeyer ist zu seinem Goldegger Vortrag aus Malawi (Afrika) angereist. Er arbeitete dort an einer Studie über Mangelernährung. 50 Prozent der Kinder seien dort mangelernährt. Viele bleiben klein und am Rande der Behinderung, weil es nur eine Mahlzeit am Tag gebe. Es sei ein wahrnehmbarer Widerspruch zwischen dem Luxus, in dem wir uns befinden und der radikalen Armut, die man dort erlebt, wenn man in einem Dorf im Staub sitzt, sagt Gronemeyer.

Prof.Dr. Reimer Gronemeyer
by Caplio R3 User
Theologe Reimer Gronemeyer

Unser entfesselter Lebensstil

Die Ernten fallen aus - wegen der Klimakatastrophe. Die Folgen des westlichen Lebensstils sind dort bedrohlich erfahrbar, merkt der Soziologieprofessor an. Das alte Europa verhalte sich gegenüber dem jungen Kontinent Afrika überhaupt nicht freundschaftlich, sagt Gronemeyer.

Unser entfesselter Lebensstil sei dort unerbittlich spürbar. Und er zerstört die Lebensverhältnisse, die dort einmal freundschaftlichen Charakter hatten. Dieses freundschaftliche Treffen in den malawischen Dörfern gebe es nicht mehr. Die Ernten seien so klein geworden, dass die gemeinschaftliche Freundlichkeit den Menschen abhandengekommen sei.

Der Prozess des KALT-Werdens

50 Prozent aller Wohnungen sind in Deutschland von Singles bewohnt. Die Singles seien vor allem auch alte Menschen. Noch nie seien so viele alte Menschen von Einsamkeit betroffen gewesen wie heute. Wir finden uns immer mehr als Vereinzelte vor. Kein alter Mann, keine alte Frau lebe in Malawi allein, sagt Gronemeyer. Es sei für Malawier undenkbar, dass alte Menschen in eigenen Wohndistrikten (Altenheimen) leben und die junge Generation zu ihnen den Kontakt abgebrochen hat.

In unserer Gesellschaft war früher eine Gemeinsamkeit nicht denkbar, ohne den kosmischen Zusammenhang. Kosmos bedeutet ursprünglich Schmuck. „Wer auf den Himmel schaut, bekommt einen Eindruck von Begriffen wie Ordnung, Schönheit und Freundschaft“, sagt Gronemeyer. So auch beim Anblick des Sternenhimmels.

Wir sind eine demente Gesellschaft

Freundschaft ist heute zu einem emotionalen Pflegemittel verkommen. Wir können die Freundschaft nicht aus dem Hut ziehen und sagen, sie ersetze uns die abhanden gekommenen Beziehungen von der Familie bis zu den Kirchen. Wir müssen die Freundschaft aus ihrer Privatisierung, ihrer Vernutzung retten und sie aus einer zerfallenden Gesellschaft wieder herausholen. Die Frage nach der Zukunft hängt an der Frage nach der Erinnerung. Wir sind eine demente Gesellschaft, weil wir uns an Begriffe wie den der Freundschaft nicht mehr erinnern.

„Halt dich fit, ernähre dich richtig und amüsiere sich“, laute die Losung an die alten Menschen. Unsere Gesellschaft benötige etwas, das als Freundschaft zwischen den Generationen einmal da war. „Die Zukunft beginnt bei der Analyse der zerbrochenen Einzelnen, die unsere Gesellschaft ausmacht“. Gronemeyer zieht den Vergleich mit der afrikanischen Gesellschaft. Die Gemeinschaft in den afrikanischen Familien sei möglich, weil die Einzelnen bereit seien, auf ihre Freiheiten zu verzichten. „Wir müssen bei uns die radikale Individualisierung bedenken“, so Gronemeyer abschließend.

Gronemeyer hat diesen Vortag bei den Goldegger Dialogen 2015 gehalten.

Zur Person:

Professor Dr. Reimer Gronemeyer (www.reimergronemeyer.de) ist Theologe, lutherischer Pfarrer in Hamburg; seit 1975 lehrt er Soziologie an der Universität Gießen. Zudem ist Professor Gronemeyer Mitglied mehrerer Fachorganisationen wie dem Deutschen Hospiz-und Palliativverband. Er ist auch Vorstandsvorsitzender der von der Robert-Bosch-Stiftung geförderten Aktion Demenz e.V.

Literatur:

Reimer Gronemeyer, Altwerden ist das Schönste und Dümmste was einem passieren kann. Edition Körberstiftung.

Reimer Gronemeyer, Der Kampf der Generationen. Deutsche Verlagsanstalt.

Musik:

CD* RICHARD GALLIANO : BACH TRANSKRIPTIONEN FÜR AKKORDEON UND STREICHER
E* Allegro moderato - 1.Satz 00:03:38
T* Konzert für Violine, Streicher und B.c. in a-moll BWV 1041 / Bearbeitung für Akkordeon und Streichquintett
AS* Violinkonzert

LP* ACOUSTIC MOMENTS
T* Acoustic moments

G* Zehn kenianische Volksmelodien - für gemischten Chor bearbeitet
T* Vamuvamba

CD* APARTHEID IS NAZISM
T* Sebe allah y’e

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