„Wenn etwas Schlimmes passiert“

Notfallpsychologin Barbara Juen spricht in der ORF Radio Vorarlberg Sendung „Focus - Themen fürs Leben" über das Thema „Wie reagieren Kinder und Jugendliche im Unterschied zu Erwachsenen auf Notfälle?“

Sendehinweis:

Sonntag, 11.4.2015, 13.00 bis 14.00 Uhr
Donnerstag, 16.4.2015, 21.00 bis 22.00 Uhr (WH)

Der Notfall ist das Plötzliche und Unvorhergesehene. Im Fachjargon spricht man von Trauma und meint den Tod. Mit Trauma meint man den Tod, eine schwere Verletzung oder eine Verletzung der körperlichen Unversehrtheit von mir selber oder von jemand anderem. Dabei fühlen sich Personen, die so etwas erleben, hilflos und ausgeliefert. Man kann nichts tun. Im Prinzip sagen die Experten, dass das psychische Trauma für eine Situation steht, in der man eine maximale Bedrohung erfährt, bei der man nichts tun kann. Hilflosigkeit ist allerdings für Kinder etwas vollkommen anderes als für Erwachsene.

Die Sendung zum Nachhören:

Kinder verstehen Emotionen anders als Erwachsene und sie drücken sie anders aus. Sie verstehen auch das Ereignis anders als Erwachsene. Das kann auch zu gewaltigen Missverständnissen führen. Auch den Tod verstehen sie anders. Teilweise so, dass Erwachsene sagen, das sei richtig erfrischend, wie die Kinder damit umgehen. Wir versuchen alle, dass positive Emotionen möglichst lange anhalten und negative, indem man sagt, sie sollten möglichst rasch verschwinden.

Das Verstehen von Emotionen

Die Erwachsenen reagieren anders als in einer normalen Situation. Beim Trauma sehen die Kinder vielleicht die Mutter erstmals weinen, was sie vorher noch nie gesehen haben. Kinder reagieren oft mit großer Hilflosigkeit; das fällt den Kriseninterventionsteams nicht auf, weil sie eben gerade so still sind. Kinder mit sieben oder acht Monaten schauen auf die Erwachsenen, welche Mimik sie an ihnen sehen. Sie verwenden den Erwachsenen als Richtschnur für ihre Reaktion. Das nenne man emotionales Rückversichern, sagt Psychologieprofessorin Juen.

Focus Barbara Juen
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Barbara Juen

In der Traumasituation reagieren alle plötzlich panisch und somit fürs Kind bedrohlich. Man gewährt einem Kleinkind einen Schutz, indem es der Person des Kriseninterventionsteams ins Gesicht sieht, weil diese Person vielleicht die einzige ist, die ruhig bleibt, während alle anderen weinen und schreien. Man nenne es das Erwachsenenschutzschild. Bei einem älteren Kind bräuchte es dann allerdings eine Erklärung. Sobald man etwas erklärt, ist die Bedrohung für das Kind auch schon wieder weg.

Das Verständnis vom Tod für ein Kind

Kinder wissen nicht, dass die betreffende Person nicht wiederkommt und dass der/die Verstorbene nichts mehr spürt. Warum kommt der nicht mehr, weil ich ein böses Kind bin, fragen sich Kinder dann. Man muss es einem Kind immer und immer wieder erklären, dass der Verstorbene nicht mehr wieder kommt. Für das Kleinkind ist Tod gänzlich etwas anderes als für uns.

Schulkinder verstehen nicht, dass alle sterben müssen. Sie haben oft Angst, dass nach einem Todesfall noch jemand in der Familie oder sie selbst sterben müssen. Jugendliche reden mit Ihresgleichen, aber oft nicht mehr mit den Erwachsenen.

Der Umgang mit Emotionen

Kinder und Jugendliche switchen aus der Emotion heraus. Erwachsene trauern in unserem Kulturkreis am Anfang ganz intensiv. Nach drei, vier Wochen wird es normal, wieder ganz normal zu re- und zu agieren. Trauer funktioniert so nicht. Trauer ist diskontinuierlich, sie geht auf und ab. Kinder trauern länge als Erwachsene. Erwachsene unterschätzen die Trauer eines Kindes. Die Beibehaltung verschiedener familiärer Rituale ist wichtig; das Kind sollte nicht das Gefühl haben, mit dem Tod des Familienmitglieds bricht die Ordnung zusammen, warnt Juen.

Kinder brauchen für das Heilmachen nichts Tolles. Sie brauchen nicht das Außergewöhnliche, sondern das Normale. Sie brauchen die Macht des Gewöhnlichen. Oft brauchen sie auch viel Bewegung und Gleichaltrige in ihrer Nähe.

Was sind die Fehler, die man macht?

Ein Hauptfehler, meint Barbara Juen, sei, dass man übermäßig auf ein Kind aufpasst. Man sei ihm gegenüber „überprotektiv“. Es entstehe eine totale Kontrollsucht oder Erwachsene setzten keine Grenzen mehr, weil man meine, so das Kind vor dem Ereignis am besten zu schützen.

Zur Person:

Univ.Prof.in Dr.in Barbara Juen ist seit 20 Jahren an der Universität Innsbruck im Bereich Klinische und Entwicklungspsychologie tätig. Sie lehrt Psychologie und ist seit 20 Jahren beim Roten Kreuz im Bereich „Psychosoziale Dienste" tätig. Das umfasst auch die Krisenintervention, wo man in Familien nach Todesfällen oder Großschadenereignissen zur psychologischen Betreuung tätig wird.

Literatur:

Ulf Nilsson und Eva Eriksson, Die schönsten Beerdigungen der Welt. Moritz Verlag: Frankfurt am Main.

Musik:

Marit Larsen
What if

Marit Larsen
Keeper of the kees

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