„Was in meinem Leben wirklich zählt“, Teil 2

Barbara Pachl-Eberhart und Pablo Pineda: Zwei außergewöhnliche Lebensgeschichten und wie sie damit umgehen - in der ORF Radio Vorarlberg Sendung „Focus - Themen fürs Leben“ mit Johannes Schmidle.

Sendehinweis:

4.4.2015, 13.00 bis 14.00 Uhr, ORF Radio Vorarlberg
9.4.2015, 21.00 bis 22.00 Uhr, ORF Radio Vorarlberg (WH)

Vor sieben Jahren, am Gründonnerstag 2008, verliert Barbara Pachl-Eberhart ihren Mann und ihre beiden Kinder. Ein Zug an einem unbeschrankten Bahnübergang katapultierte sie in den Tod. Ihr Mann verstarb noch am Unfallort, die beiden Kinder waren schwer verletzt und sind in den Tagen danach gestorben.

Die Sendung zum Nachhören:

Pachl-Eberhart fragt, ob es Zufall war, dass der Tag, an dem der Tod ihr die Augen, das Herz und die Tür zum Himmel aufschloss, ausgerechnet ein Ostersonntag war? Sie wisse es nicht: Für sie sei es kein Zufall, sondern ein symbolisches Geschenk gewesen. „Ein Anker, zur Sicherheit, damit ich ja niemals vergesse, wie es sich anfühlt: Im selben Moment zu sterben und neu geboren zu werden, zu verglühen, zu zerspringen, zu schreien und zu jubeln und jede verzagte Angst für immer abzuwerfen", schreibt Barbara Pachl-Eberhart in ihrem Newsletter im Jahr 2014.

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Barbara Pachl-Eberhart

Kleine Pflichten lassen nicht locker

Das Leben sei weitergegangen, will heißen: das Leben hatte auch Pflichten für sie, sagt Barbara Pachl-Eberhart beim Kongress „Was im Leben wirklich zählt" vor rund 2.000 Jugendlichen im Bregenzer Festspielhaus im November 2014. Zum Beispiel die Steuererklärung, die verstopfte Toilette. Die kleinen Pflichten des Lebens hätten nicht locker gelassen.

Das Verlieben und das Herz an jemanden zu hängen, je stärker es verhängt und je mehr daran hängt, umso größer wird die Angst es zu verlieren. Die und das, was wir lieben, zu verlieren, ist die zweite große Angst.

„Einstellung zum Verlieren ändern“

Menschen sagten zu ihr, sie habe ja alle verloren, drei Menschen habe sie verloren; das sei so schwer, sagten ihr die Menschen. Sie frage sich oft, ob Schwere zu berechnen sei, wie: einen Menschen zu verlieren ist schwer, zwei Menschen zu verlieren ist schwerer, und drei ist das Allerschwerste.

Die andere Sicht wäre, dass durch das Ablegen das Leben leicht werden könnte, aber das ist es natürlich nicht. Verlieren ist für Menschen eines der aller-allerschwersten Dinge überhaupt. Sie habe das Gefühl, in der Wirklichkeit angekommen zu sein, abseits der Krise, wenn sie um einen Pullover trauere, den sie in einem Hotel vergessen habe. Verlieren tut immer wieder weh und doch können wir das Verlieren nicht verhindern: „Wir können letztlich nur die Einstellung zum Verlieren verändern“, sagt Pachl-Eberhart.

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Pablo Pineda

„Am Down-Syndrom leidet man nicht, man genießt es“

Pablo Pineda brachte die Besucher im Festspielhaus Bregenz zu Beifallsstürmen und Standing Ovations. 2.000 Jugendliche feierten ihn wie einen Star. Mit dem Satz, dass er nicht am Down-Syndrom leide, sondern es genieße, weil es keine Krankheit sei, war das Publikum nicht mehr zu halten.

Das Außergewöhnliche und Ungewohnte ist, wie Pablo Pineda seine Erfahrungen als Mensch mit Down-Syndrom schildert. Wie er Worte findet für das Begutachtet-Werden und wie man ihn immer nicht ganz für voll zurechnungsfähig nehmen wollte. Er, der das Gymnasium - ohne Schonung durch die Professoren, wie er betont - besuchte; er, der Matura machte und an der Universität Pädagogik und Psychologie studierte, um Lehrer zu werden.

Mit Down-Syndrom zum Studienabschluss

Pineda, der erste Mensch mit Down-Syndrom in Europa, der ein Studium absolvierte und zu internationalen Kongressen eingeladen wird, Bücher schreibt und ein perfekter Unterhalter ist.

Pablo Pineda erzählt auch von den Dreharbeiten während seiner Zeit als Schauspieler im Film („Yo tambien“ oder „Me too.“ „Wer will schon normal sein?“) Es sei eine der schönsten Zeiten für ihn gewesen, sagt er. „Ich habe noch nie eine schönere Zeit erlebt, als die Zeit der Dreharbeiten. Obwohl ich mich am Anfang nicht als Schauspieler sah. Wirklich nicht. Ich konnte es mir nicht vorstellen. Man hat es mir angeboten, und ich konnte es mir nicht vorstellen.“

Literatur:

Barbara Pachl-Eberhart, Vier minus drei. Wie ich nach dem Verlust meiner Familie zu einem neuen Leben fand. Integral Verlag.

Barbara Pachl-Eberhart, Warum gerade Du? Persönliche Antworten auf die großen Fragen der Trauer. Integral Verlag.

Stefan Städtler-Ley und Pablo Pineda, Herausforderung Lernen: Ein Plädoyer für die Vielfalt. Edition 21.

Musik:

Bobby McFerrin, Paper Music

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